Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 8 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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Dir Trai«rtage waren vorüber. Sittah hatte Rabbinotmtfd} (itbrtfn, sie nunmehr zu entlasten, da ihr Wirte» in seinem Dienste »» Lude sei. Rabbiuowitsch bat sie, noch acht Tage zu bleiben und sie willigte ein. «m dritte» Tag« forderte Rabbinowitsch sie zu einem Spaziergange auf, uud fit gingen in den nahen Wald, der an schönen Ruhepunkten so «ich ist Auf einer Bank liehen sie sich nach halbstündigem Marsche nieder, und nun ergriff Rabbinowisch da» Wort: .Sir wollen fort, Sittah, den vom Unglück verfolgten Manu seinem Schicksalsjüberlaffen?* „MnnPVirken ist hier zu End«; eia längere» Beisammensein ist vor'den Augen der.Welt wenigsten» unschicklich." .Brr der Welt! Meine Welt liegt unter der Erde. Mein Kind modert im Grabe. Doch genug. Sittah, Sie liebten meine Krau und mein Kind; vielleicht liebten Sie «inst auch mich, der ich Ihnen treulos erscheinen muh. Um dieser Labe willen bitte ich Sie, Sittah. verkästen Sie mich nicht! Bleiben Sie bei mir, meine Stütze mein Trost l" ,Wnc können nicht ungesttafr gegen Herkommen und Sitte verstoßen. Herr Rabbinowitsch, meine und Ihre Ehre »ad unser beider guter Ruf würden leiden, wenn ich Ihre Bitte erfüllet«". „So bin ich wieder allein uud einsam in der weiten, Veiten Astlt. Keine Seele die sich nach mir sehnt, kein Herz, da» für mich schlägt, einsam und verlosten." Ein Seufzer «nttang sich seiner Brust Rach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Sc sind Sie also fest eutschloffen zu reisen?" .Jo." .Und wohin wollen Sie? Sind Sie nicht ebenso einsam wie ich? Ist Ihnen die Fremde zur Heimat schon geworden? Kann Sie meine Verzweiflung, meine Furcht vor der Einsamkeit »ich; bestimmen, mir eine andere Antwort zu geben? Ist die Liebe, die Sie einst für mich hegte:., vollständig in Ihrem Herzen erloschen, daß Sie der Stimme de» Lebenden kein Gehör schenken wollen? Run, so mag die Tote zu Ihnen reden; vielleicht sinder dereu Stimme «her den Weg zu Ihrem Herzen!" Bei diesen Worten zog er einen Brief au» der Brusttasche feine» Rocke» und überrichte ihn Sittah mit den Worten: „Enen Brief an Sir und einen an mich fand ich bei de« Rachlah meiner Frau und hier überreuhe ich Ihnen den Ihrigen." Ziiterrid nahm Sittah den Brief. Sie vermochte ihn kaum zu öffnen. Die Buchstaben tanzten vor ihrem Gesicht. Mtt großer Mühe la» sie Folgend«»: »Mein« liebe Sittah? Wenn Du diese feilen rrhälst, werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen, denn ich fühl«, e» geht zu Ende mit mir. Darum will ich zur rechten Zen mein Hau» bestellen und nicht zögern bi» e» zu spät ist Habe Dank, tausend Dank, liebe Sitta. Schwester, ' Freundin, für alle Liebe und Güte, die Du mir uud meinem 1 Kinde erwiesen hast und noch erweisen wirst. Du warst so selbstlot, so aufopfernd für mich, daß Niemand Dir je 1»« vergelte» kann, wa» Du für mich gethan. Du warst mir eine Schwester, meinem Kinde eine Mutter! O bleibe seine Mutter, wenn mich die kühle Erde decken wird. Verlasse e» nicht, und verlaffe ihn, meinen Mann, nicht, de» wir beide st so grenzen'.»» lieben! Mir war nur ein kurze» Glück c.u ferner Seite beschiedeu, aber ich war glücklich, und «i» Augenblick selige» Glücke» wiegt ja ein ganze» Menschenleben aus. Sei Du ihm Lebensgefährtin für die fernere Zeit se nr» Leben». Ich weiß, Do versprechest e» ihm einst, Du hast e» mir heute versprochen, und Du wirst DeinBerrehrr halten. Gott hat Euch für «inaner bestimmt, uud ich zwischen Euch staub, muh ich eingebeu zu unseren Vätern. Ich grolle deshalb nicht »u de» Schichal; ich bm glücklich, weun ich Euch glücklich weih, uud deshalb will ich auch daß Ihr nach de» dreißig Trauertageu um mich s»- fort de» Bund für» Lebe» schließt, daß «ein Kind fest« Mutter, mein Mann seine Gefährtin nicht entbehr«. Reiset «ach Rew-Aork und ttvstet meine lieben Eltern, die »st mir ihre einzige Tochter verloren haben. Sei Du ihnen eine Tochter. Lieb« und venhre sie, al» ob sie Deine eigene» Eltern wären, da Du keine Eltern mehr hast. Ihre Liebe wstd auch Dich umfangen und Du wirst der Trost ihre» Alter» fern. Und nun Sittah, lebe wohl! Sei d-alLckeud glücklich und erfülle da» Versprechen, welche» Du mrr gabst. Verlasst ihn nicht, den Du einst geliebt, verlasst sei» Kiud nicht; daun erfüllst Du den einzigen Wunsch Deiner jetzt schon am Thron« Gotte» stehenden Schwester Mirjam." Sittah hatte den Brief zu Ende gelesen. Thränen entströmten ihren Augen. Rabbiaowitsch blickte sie bewegt uud angstvoll au. Wa« wird sie beschließen? Wird sie ih» ziehen lasten, einsam und allein? Da fiele« ihre Blicke aus den «ghaft Wartenden. Stumm stagend blickt« er sie an. und sie verstand seinen Blick. Sie reicht« ihm di« Hand, über die er sich beugte und auf welche er einen langen Kuß ® drückte. XXV. Ja dem Vorzimmer de» Ehief-Rabbi von Grohbrittanuie» und Indien in London finden wir an einem frühen Marge« alte Bekannte. Esther Marx mit ihrem Mann, Sittah und Rabbinowitsch warten schon eine Weile. Da tritt der Soh« de» greisen Oberhirteu au» dem Zimmer seine» Vater» und bittet die Wartenden einzutrettn. Mit freundlichem Gruße empfängt der Grei» die Eintretenden. Er ist von seine« Sohne über da» Begehr derselben unterrichtet und sein Auge strahlt Heller, al« er Sittah zu sich heranries. „Du bist mir aut empfohlen", begann er, .Du, eiue Tochter meine« teuersten Freunde». Ich Hab« gehört, wie. Dich da» Schicksal in der Welt umhergellieben; e» ist da» Loo» unsere» Volke», erst die Schattenseiten de» Lebe»» kennen lernen zu müssen, ehe e« dessen Glück genießen darf. Auch Dir war e» so beschiedeu, und Ihnen", sich an Rabbinowitsch wendend, .auch Ihren Vater habe ich-gut gekannt, und ich freu« mich, zu hören, daß der Sohn de« Vater gleiche Ihrem Wunsch, hier in meiner Wohnung getraut zu werden willfahre ich schon dem Freunde meine» Sohne», meinem AmtSbruder, zu Liebe, gerne. Aber ich stelle di« Bedingung, dah Sie mir erlauben, Sie zu Mittag zur Festmahlzrit einzuladen." Rabbinowitsch wollte etwa» erwiedern, aber in demselben Augenblicke öffneten sich di« gegenüberliegenden Flügelthüce» und zeigten einen großen, hell erleuchteten Saal, in welche» ein Trauhimmel ausgeschlagen war. Di« Frau de» Ober- Rabbiner» und Esther führten Sittah. Dr. S. und der Sah« des Oberrabbiner» führten Rabbiuowitt'ch zum Trau Himmel, und der Ober-Rabbiner selbst nahm die Trauung-ceremouie vor. — Eia vorzügliche» Diner vereinigte die Familie de» Ober-Rabbiner« und die Neuvermählten sowie Esther und deren Maua und einigt Freunde de» Haust». Den Um- . Sluden entsprechend sah man von T«sten ab, aber herrliche eben der Teilnehmer förderten köstliche Perlen au» de» Schatze unserer heiligen Litteratur zu Tage. Erst spät a» Abend trennte man sich. Rabbinowitsch uud Sittah, tu denen der Ober-Rabbiner Kinder seiner teuerste« Jugendfreunde erkannt hatte, blieben noch acht Tage in Loiwou. Dann fuhren sie nach Liverpool, um von Heer au» nach Rew-Vork sich einzuschiffen. Al» da« Schiff den Hafen l>erl,eh und auf da» weite Meer zusteuerte, standen Rabbi»»- wstsch uud Ssttah aus vem Verdeck. Die Sonn« stieg gnade au« den Fluten de» Ocean», eia überwältigende« Schauspiel. Erschauernd drängt« sich Sittah näher au Rabbiuowitsch und bang zagend richtete sie die Wort« an ihn: