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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 7 (1892) · p. Seite 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
7 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Er gab sein Handgepäck einem herbeigeeilten Diener und schritt, vom Arzte geführt, dem Leichenzimmer zu. Der Arzt üffnete die Thüre,' ließ seinen Begleiter ein treten und blieb discret zurück. Auf einer Bahre lag die Leiche in einem Sarge, der noch nicht durch einen Deckel geschlossen war. Das Antlitz glich dem einer Schlummernden. Still und friedlich lag sie ta, als ob sie eben cingcschlafen wäre, wie ein Dornröschen, welches auf seinen Erlöser harrete. Nabbinowitsch kniete an ihrem Sarge nieder und schluchzte laut. So mußte er sie Wiedersehen, die sich ihm geweiht hatte für ein ganzes Leben. Ach. wie kurz, wie schrecklich rasch verfloß ihr Leben und wie bald war sic an jener dunklen Pforte ongelongt, die uns von der Ewigkeit trennt! Warum hatte sie ihn so bald verlassen? Warum mußte er alles, was er liebte, verlieren? Wäre cs nicht beffcr, wenn Gott auch ihn abrusen würde? Aber Gott ist allwcisc, wie er beschließt, ist es am besten — und. blieb ihm nicht ein heiliges Erbe, eine hohe Pflicht? Du mutterlose Weise l>edar?st des Vaters, bedarfst seiner doppelten Liebe, da dir die Liebe der Mutter versagt ist! Rabbinowitsch betete. Sein heißes, inbrünstige-Flehen stteg aus zum Thron de« Allmächtigen und süßer Balsam linderte die Wunden seines Herzens. Ja. im Gebete'steckt eine Kraft, eiye übernatürliche Ruhe, die der empfindet, der mit Inbrunst und Andacht sein Herz vor Gott ausschütten kann. Süßer Friede kehrt ein ins trauerzerrissene Herz, kindliche Ergebung in den Willen dessen, der da Herr ist über Leben und Tod. Nabbinowitsch erhob sich. Noch einmal blickte er ihr ins liebe Antlitz, ein Abschied für ewig. Noch einmal ergriff er die kleine Hand, die stet« der Armut geöffnet war — sic war geschlossen! geschlossen für immer. Wie schwer wurde ihm der Abschied! Aber es mußte sein. ' Entschlossen wandte er sich dem Ausgange zu. Draußen er- ■ wartete ihn der Arzt, welcher ihn nun zu seinem Kinde führte. Bor der Thüre de« Zimmers blieb er einen Augenblick stehen. Der Arzt entfernte lich. und Rabbinowitsch trat ein. Vor ihm am Fenster stand Sittah mit dem Kinde auf dem Arm. Als die Thüre sich öffnete, trat sie dem Eintretenden entgegen, und reichte ihm wortlos die Hand und das Kind. , Während er das Kind liebkoste, wollte sie sich entfernen, Nabbinowitsch jedoch bar sie, zu bleiben und sie erfüllte; seine Bitte. Am folgenden Tage schon wurde die Tote bestattet. Es! war ein stilles Leichenbegängnis, an dem sich Wenige beteiligten. In acht Tagen hatte Rabbinowitsch alles geordnet und war mit seinem Kinde mit Sittah und der Amme nach Frankfurt übergesiedelt. Im römischen Kaiser hatte er Wohnung genommen, und da Sit ah versprochen hatte, vorerst bei dem Kinde zu bleiben und Mutterstelle zu vertteten, beschloß er, den Sommer in Deutschland zu verbringen und erst im Herbste wieder nach New-Jork zurückzukehren. (Schluß folgt.) Hö1-et«r1e Jüdisch« Silhouette von Natian Samuel9. Man sollte es kaum glatiben, daß eine kleine, ganz harmlose Zeitungsnotiz, in einem Städtchen wie S. eine solche Revolution der Geister Hervorrufen könnte. Jen« Notiz lautet: »Unter der Nachlassenschaft der Gräfin L. fand man unter anderem, wohlverwahrt wie ein heiliges Reliquium, das Rezept von jener Torte, die Göthe für sein Leben gern zu effen pflegte, so daß sie bei keiner seiner Mahlzeiten fehlen durfte." Daraus folgte jenes Rezept in dem üblichen Kochbuchstyl: .Man nehme zehn Eier n. s. w." In dieser Zeitungsnotiz durste wohl Niemand, nicht einmal der geängstigte Ezar etwas Arges oder Verdächtiges wittern, weil in derselben weder vonHDhnamit, noch von Sprengbomben die Red« ist, aber nicht» destoweniger explodirte sie, und setzte das ganze Städtchen in Feuer und Flammen. ES entbrannt« auf einmal in allen Ecken und Enden der Stadt ein wüthender Göthekultu». Damen stürzten, als gelte es Menschenleben, in die Handlungen und plünderten allen Borrath an Zucker, Rosinen, Mandeln, Safran und anderen Jukredenzien für die Göthetorte. Köchinnen rauften sich da« taor aus, so hart wurden sie gepeinigt wegen der Göthetorte. inder irrten verwaist in den Gaffen, so arg wurden sie von ihren Müttern vernachlässigt, alles wegen der Göthetorte. Klavierlehrer studirten mit ihren Schülerinnen Tag und Nacht Musikstücke ein für den Empfang der Göthetorte. Rezitatoren. Gaukler, Sänger und Violinspieler, alle waren beschäftigt mit dieser Göthetorte; kurz diese Göthetorte wurde nicht blo» gebacken, sondern auch gegeigt, gefiedelt, gezimbelt, gesungen und deklamirt. — In den Gassen wüthetc eine förmliche Götheepidemie! Auch Madame Jeanette, die vormalige Ester Jitte, die seit sie zu einem'großen Vermögen gekommen war und ihr Tüchterchen Olga Französisch zu plappern und Elavier zu klimpern anfing, wie sie sich ausdrückte, ein »ganz ausge klärte« Haus" führte, war von dieser Epidemie nicht verschont; ja sie raste gerade zu, so daß sie an die Tage ihrer Frömmigkeit erinnerte, da sie an den zehn Bußtagen wie von einem bösen Geist behaftet war. Ganz wie damals in der Synagoge, stand sie heute in der Küche, mit der Brille aus der Nase und da- Kochbuch in den Händen, aus dem sie mit einem frommen Eifer der Köchin vordiflirtc. »Schlage zehn Eier ans!' Und auf dieses Gebot gingen zehn Geschlechter von zukünftigen Hühnchen in die Brüche. »Jetzt theile das Eiweiß von de» Dottern ab!" di flirte sie das zweite Gebot. Und die Theilung beider Hemisphären ging vor silh. »Und jetzt," fuhr sie in dem dritten Gebote fort, „nimm den großen Kochlöffel und —" Aber just in oiesem Augenblicke trat eine Störung ein — in großen, schweren Stiefeln, mit einer kurzen, offenen Tuchbluse, die eine rundliche Füllung von einem wohlgemästeten Bauche zeigte, auf dem eine schwere goldene Kette sammt Petschaft baumelte, und kurze», fleischigen Händen, die in Hosentaschen steckten. Das war ihr Mann, Herr Heinrich, vormals E^rschku der Kellner genannt. »Was betest Du da au« diesem Siddur?" ") stagte er mit seiner rohen Baßstimme. »Hm," erwiederte sie, indem sie beide Finger auf den Mund legte, um ihm anzuzeigen, daß sie jetzt nicht gestört sein will, und ergänzte das dntte Gebot: — »und rühr« mit dem Kochlöffel drei Minuten das Eiweiß!" »Aber jetzt darfft Du wohl schon sprechen?" sragtt er. »So sag', was Du von mir haben willst?" »Run, Du hörst ja, was schaukelst Du Dich da über diesen Siddur, daß man glauben könnt'. Du seist wieder die alte Ester Jittt?!" »Und Du," brauste sie auf, „bist und bleibst der alte Herschku, denn in Dir ist kein Brüserl von Aufklärung da. — Siehst Du denn nicht, daß das kein Siddur ist?" »Also, was denn ist es?" »Ein Kochbuch ist es, und darin steht daS Rezept — Verstehst Du mich?!" »Was!!!" schnellte er zurück, »Du machst Rezepte? Bist Du ein Apotheker geworden? Mit Dir scheint es nicht recht zu sein!" »Warum? Weil Du nicht einmal weißt, daß auch für Speisen Rezepte da sind. Da 'hast Du ja hier ein Rezept für Göthe'S Torte!" 1 J i .1! 1 i *) Gebetbuch.

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