Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 7 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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WWW Sabkfch,» Mr>. V Heraudtzegeben von Dr. W. A«h«er in Magd«bürg. Zm Nsttthtlümz >n) Kklthrvllfir die israelitislhe Familie. 1892, Sittah. Roman a a» der Zeit der letzten Massenau-weisungen au» Rußland und Preußen. Bon H. Berger. Schluß folgt) — * Söthetorte Jüdisäie Silhouette von Nathan Samuely. — Jüdische Aerzte bei Fürsten. — Au« Berthold Auerbach» ^jlil^lUl i letztem Briefe. — Au» der Musikschule. — Räthsel»Aufga^n. — Rüthsei »Lösungen. lllndesugtrr Nachdruck tu« diesem Blatte ist muerfait.) Gi 1 tah. Noma» an« der Zeit »er litzren «asten,uswetsnugen au« Rußland im» Preußen. Bon H Berger. XX11I. Mirjam Rabbinowitsch fxir nicht mehr. Sie hatte sich nicht getäuscht und sich nicht täuschen lassen. Ein Blutsturz hatte ihrem Leiden ein plötzliches Ende bereitet. In Sittoh's Armen hatte sie ihre reine Seele auSgehaucht. Ihr letztes Wort war ein Grub, rin Segen sür ihn, der jetzt auf dem Meere schwamm, um sic bald zu sehen ind zu spreche», und eineBitte an Sittah, ihr Kind nicht zu verlassen. Dann ein tiefer Seufzer, und das Band, welches Körper und Geist bindet, war zerrissen. Stille und friedlich lag die junge Leiche da; Sittah befiel ein Grausen vor der Majestät des Tode«, doch auch hier siegte die Liebe, und sie erzeigte der entseelten Freundin alle die Lieb««dienste, welche unser heiliges Gesetz in solchen Fällen vorschreibt. Der ArstaltSarzt telegraphierte sofort nach New-^sork und er erliielt umgehend Antwort, daß Rabbinowitfch auf der .Lahn" unterwegs fei und in drei Tage» in Frankfurt sein könne. Auf Sittahs telegraphische Bitte reiste Dr. Norden nach Brenien, um Rabbinowitsch da 3» empfangen und ihm den Verlust schonend mitzuteilen. So lange blieb die Leiche unbe<rdigt und Sittah hielt treue! Wacht. Schon am zweiten Tage kam die Lahn in Bremen an. Dr. Norden teilte dem gebrochene» Manne sein Unglück! mit. Fast teilnahmloS hörte er ihn an. Darauf sprach er: | »Sir sagen mir nichts Neues, Herr Doctor. Ich habe I es gewußt — ich habe sie sterben sehen. Bor zwei Tagen,! des Morgens zwei Uhr ist sie gestorben. Ich sah e» wachend im Traume. — Dank, tausend Dank für die Mühe, die Sic meinethalben sich gemacht haben. Doch jetzt will ich Sittah rlegraphieren." Auf dem Wege zum Telegraphenamt sprach keiner ein! Wort. Doch als Rabbinowitsch die Depesche nach F. und j eine nach Rew-Uork aufgegeben hatte,'wankte er und wäre | zu Boden gestürzt, wenn iiin Dr. Norden nicht aufgefangen j und gestützt hätte. Er führt: ihn i»S Freie Hier erholte sich Rabbinowitfch. Darauf bestiegen die Reisenden den Sonderzug. dcr die Passagier: der Lahn von Bremerhaven nach Bremen brachte. Einige Stunden Aufenthalt, die Rabbinowitsch hier hatte, brachten die Männer einander näher, und als der Eourierzug nach Frankfurt Rabbinowitfch auf- «ahm. schieden zwei Freunde von einander. Der eine fuhr «ach Frankfurt, den andern trug da» Dampfroß nach Hamburg. »Ist der Eourierzug aus Bremen schon angrkommen?" Mit diesen Worten trat ein Herr zu dem Portier am Hauptbahnhos« in Frankfurt. »Noch nicht, Herr Doctoc," entgegnete dieser, »aber er muß jeden Augenblick einlausen". Kaum hatte der Portier da» letzte Wort gesagt, als auch schon ein schriller Pfiff ertönte, daS schnaubende Ungetüm heranbrauste. Rasch wurden die Coupsthüren von geschäftigen Packträgern geöffnet und ein ganzer Strom Menschen ergoß sich über den Pe?ron. Ganz zuletzt stieg ein matt aussehender Mann aus einem Eoupö erster Elaste und gab sein weniges Gepäck dem nächsten Träger. ^,Eine Droschke" sagte er zu demselben und ging den Ausgange zu.. Da erblickte ihn jener .Herr, der soeben dem Portier gefragt hatte, und rasch trat er auf ihn zu. „Guten Tag, Herr Rabbinowitsch." »Guten Tag, Herr Doctor. Es ist freundlich von Ihnen mich hier zu erwarten." Wie gerne hätte ich Sie anders empfangen!" entgegnete traurig dcr Arzt, »allein gegen Gotteö unerforschlichen Ratschluß kämpfen wir Menschen vergebens." Die Männer hatten die Droschke erreicht, und da bis zur Abfahrt des nächsten Zuges nach F. noch zwei Stunden vergingen, fuhren sie in ein Hotel, woselbst Rabbinowitfch sich wusch und alsdann den Arzt aufforderte, von feiner Mirjam zu erzählen. Sein Auge hing an dem Munde des Erzählers, der nicht fertig werden konnte, immer wieder einzelne Züge und Aeußerungen der Entschlafenen mitzuteilen. Wie sie ihr Ende vorhergeahnt, wie sie von sich, von ihrem Kinde und ihrem Manne gesprochen, wie sie rasch und ohne Kampf hinübergeschlummert sei in jenen Schlaf, von dem es kein Erwachen mehr gibt. Lautlos hörte er dem Arzte zu. Als dieser geendet, stand Rabbinowitsch auf. wischte die Thränen aus seinen Augen, reichte dem Arzte die Hand und sprach: »Dank, tausend Dank, für das, was Sie an meiner Frau gethan; ewig werde ich ihr Schuldner sein." Entschieden wehrte der Arzt den Dank ab. „Ich that nur meine Pflicht als Arzt und Mensch. Wenn aber Ihr Dank so aus dem Herzen kommt, so spenden Sie ihn dcr Pflegerin, dcr Gesellschafterin, der Freundin Ihrer Frau. Sie hat ihn tausendfach verdient." .Ich weiß rS; ich kenne Sittah. Ich werde versuchen — dankbar zu sein." Die Bewegung seiner Seele schien ihn zu übcrmannen. Er bedeckte sein Antlitz mit seinen Händen und stand so eine Weile an den Tisch gelehnt. Endlich fragte er: „Und mein Kind?" »Ihr Kind ist gut versorgt; Sittah ist dem Kinde eine zweite Mutter" Während der Unterhaltung war die Zeit verflossen und die Herren begaben sick abermals nach dem Bahnhofe, um in kurzer Zeit an iyrem Bestimmungsorte onzugelangen. Wortlos gingen dir Männer nebeneinander her. bis sie die Anstalt erreichten. »Wollen Sie zurrst auf Ihr Zimmer sich begebe»?" fragte der Arzt. »Mein erster Weg führt zu meiner Frau", entgegnet« Rabbinowitfch.