Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 5 (1892) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
5 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962128--1816-5375304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und bfS Lebens genießen? IBetbiftft nicht sogar unsere heilige Religion —" .Ach, lag uns davon schweigen; die Zukunft wird rS lehren, wer von unS die richtige Anschauung hegt, und ich bete zu Gott, daß ich im Unrecht bleibe." Müde lehnte sich Mirjam zurück und betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen das hübsche Antlitz Sittah's, das vom Eifer der Unterhaltung etwas gerdthet war. Sittah sab zum Fenster hinaus und überlegte stille, was sie soeben gehört und gesprochen hatte. Die Ausgabe, die Sittah sich gestellt hatte, war schwerer, als sie vcrmuthete. Es bedurfte ihrer ganzen sittlichen Kraft, um aus ihrem selbst gewählten Posten auszuharren. Miriam wurde täglich schwieriger zu behandeln und Sittah'S Lage deshalb stündlich unangenehmer. Es. gab Stunden, wo Sittah zu unterliegen drohte; in einer anderen Stunde wußte Mirjam so innig um Verzeihung für diese Qualen zu bitten, daß Sittah Alles vergaß und verzieh. Große Freude bereitete den Freundinnen das Kind, welches vortrefflich gedieh. (Forts, folgt.) Grstni «mH Ue«. Drama ln titr Kctrn von Heinrich Veit vierter «kt. Erste Szene (Großer hellerleuchleter Rolhssaal in Balilan. Aem sitzt abgesondert an einen» Tisch« mit Instrumenten. Geistlich« in Ornaten sitzen an einem groben Tische in Fauteuil-; Lorenzo settn-ürts am Tische; Or» sini in der Milte.) Orsin i (stehend, mit gehobener Stimme): Edle Kardinäle, Bischöfe und Priester! Ihr seid hier versammelt, um eine der wichtigsten Frage», unser» heiligen Vater betreffend, zu entscheiden. Ein Mann sitzt hier (aus ycm zeigend), der unsren Glauben beschimpfen will, («emu.-r«). So ist es. Dies Gräßliche, dies Unerhörte, cs ist heute im Vatikan geschehen. Die geheiligten Traditionen sind mit Füßen getreten. Ein Jude wagt es mit kecker Frechheit der ganzen Christenheit hohnzusprcchen. Ich kenne Dich, Isaak Dem, dem es nicht darum FU thun ist den Papst zu heilen, nur unsrem heiligen Glauben «inen unerhörten Schimpf anzuthun für ewige Zeiten. Ja, auf ewige Zeiten. Auf den ausdrücklichen Befehl des heiligen Vaters habe ich ^Jcm "rufen lassen »nd dieser Dem verordnet: «inen kräftigen Menschen soll man holen; Dem will selbst die Adern ihm öffnen und angeblich in des Papstes Körper Blut leiten. Einige Kardinäle (aufspringend): Schändlich, unglaublich, unerhört! Orsini: Jo, schändlich ist es und unerhört! Es ist vorgekommen, daß man Blut von Thieren dem Menschen ^uführte, aber Menschenblut hat man dem Moloch' nur geopfert und dem Baal, »nd Christus und Moses haben eS verboten. Als Abraham an se nein Sohne Isaak Blut vrr- 5ießeuwollte. da rief ein Engel: Ziehe zurück Deine Hand! Aber ie späteren Juden haben ihren Glauben falsch gedeutet und benutzten am Osterfeste Mensckenblut; das ist ihnen kein Verbrechen. Auch Dem schreckt deshalb nicht zurück vor Menschenblut. Und dieser Dem ,gegen ihn mit äugest reckter Hand) er ist ein Unmensch, er hat keinen Glauben, er glaubt nicht an den Himmel und an dieHöle, er ist ein Gottesläugner, der auf Verderben sinnt und teshalb fordere ich euch auf ihn zum Tode zu verdammen. Er will .Menschenblut ver- (ließen, er selbst falle. (Bewegung, Einig« rufen: ermaß sterben, er alle! Andere dazwischen: er soll sich verlheidlgeal) Lorenzo: Vergebet hockwürdige Herr«. Ich habe im strengsten Aufträge unsres heiligen Vaters, Dem als Arzt gerufen. .Rufe, Lo.-rnzo unterbrechend): Deal soll sich vertheidigen, Dem soll sprechen. Ruhe! Ru(e! Orsini: Dem, vertheidigt euch wenn ihr's könn! Dem (ruhig): Ich stehe hier nicht, um meinen Glaube» zu vertheidmen. Ich siehe hier als Arzt. Der edle, freie Geist, der Wissenschaft ist meine Macht Ich stehe hier im Nämen der Menschheit, der ich Treue geschworen bis in den Tod. Ich bringe Hilst und Heilung wie und wo ich kann. Ich schätze und achte einen jeden Glauben und der meine ist mir ewig heilig. Papst Jnnocenz I V, derselbe, der den hohen Kardinäle» den rothen Hut verliehen, als Zeichen ihn mit eurem Blute zu vertheidigen, derselbe hat die Blutschuld als falsch bezeichnet. Ihr Orsini wollt nicht den Papst mit eurem Blute vertheidigen, das steht fest. Auch andere Päpste wie Alexander H. und SixtuS IV. haben die Blutschuld ge prüft und als ein Mäichcn hingestellt und ihr wollt es auffrischen. Nicht derjenige, welcher böswillig verstuindet und verfolgt, darf sich Christ nennen. — Cardinal Orsini, ihr handelt gerade entgegen die Lehren Christi. Doch, nicht ziemt cs mir den Religionskampf zn führen. Ich bin hier als Arzt. Nach meiner tiefsten Ucbcrzeugung kann dem Papste nur durch Zuführung von Menschenblut geholfen werden. Ich habe schon häufig die heftigsten Blutströme durch schnellen Verband gestellt, und wenn jemand bereit ist sich für den Papst hinzugeocn, hoffe ich, ihn durch meinen geschickten Verband am Leben zu erhalten. ES ist, nach meiner Ansicht, die einzige Möglichkeit den hohen Kranken vom nahen Tode zu «retten. Nichts wird mich abschrecke» meine Pflicht als Arzr zu erfüllen und ich bitte Sie, edle Herren, Ihr Vertrauen mir zu schenken. Orsini (bei Seil«: O, könnte ich dir die Zunge au; dem Munde reißen. Lorenzo: Ter heilige Vater hat seinen erhabenen Willen mir kundgethan und spricht also durch meinen Mund: (Alle erheben sich.) „Ich hebe Vertrauen zu Dem, sprach er, und will, daß man seinen Rat befolge!" (setzen sich). — Da mir als ein gewissenhafter, weit berühmter Arzt von unerschütterlicher Wahrheitsliebe und Dümncstugend l»ekannt ist und eS schon oft vorkam, daß jüdische Acrztc an höchstgc^ stellten Persönlichkeiten ihre Heilkunde erfolgreich auSübtcn, so habe ich alle Anordnungen bereits treffen lassen, daß Dem die Operation vornehme. Die hohen Aerztc, darunter der päpstliche Leibarzt, >verden Dem zur Seite stehen. Es fehlet nur der opferwillige Mann, der sich bereit erklärt, einen Theil feines Blutes für den Papst hinzugcben. (Die Antvesenden blicken zn Boden.) Orsini: Unter uns ist keiner, der kräftig, frisches Blut hc,t. Wer würde auch unter dem Messer des Juden enden wollen. Mein Bruder ist von eines Juden Hand gefallen; noch ist er nicht gerächt und hier soll wieder im Angesichte des heiligen Vaters und seiner hohen Würdenträger ein Mord geschehen? Nein, das könnt ihr nicht vertantwotten. Geistliche (mit den Händen abweisend): Nein, nein, das können wir nicht verantworten! Zweite Scene. (Im Hintergrund« erscheint iksperanza, sich etwahervorbeugen), so daß Orsini sie erblickt. Während E-peranza von Elvira und Marco rasch zurückgezogen wird, eilt Orsini erregt in die Mitte.) Orsini: Haltet, der Wille Dem» soll geschehen. (Zu A«m) Nicht wahr, ihr wollet ein kräftiges Geschöpf? Diabolisch a>fflachend) Ha, ha, ha, ihr wollet rosig, schönes, wallen, des, hcÜspritzendrs Blut; ihr sollet eS haben, Dem. Ich?abe di« Person gesunden, so recht nach eurem Wunsche gründen. Ihr werdet eure Freude daran haben. Ha. ha, ha, ein Meisterstück der Schöpfung sogar; schön wie eine ent» faltete Rose, wie eine ausgehende Morgensonne. Dem, ihr sollt mit mir zufrieden sein. Wählet rasch das Messer. Prüfet recht genau, ob es haarscharf ist und machet euch bereit. Unterdessen eile ich und bringe euch das Opfer. (Ab — Tie Geistlichen ziehen sich zurück.) Dem (vorwärts stürzend, schaut »ach dem Orte, wo Orsir.i abgegangei»,beunruhigt): Was bedeuten diese wilden, verzerrte» Mienen des Kardinals? Welch: spöttische Worte und die furchtbaren, hämischen Blick«, und dieses gräßliche, teuflische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.