Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 5 (1892) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
5 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962128--1815-5375303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unterhaltung über die gleichgültigsten Dinge äußerst in Acht nehmen mußte. Eines TagcS fing Mirjam selbst an davon zu sprechen.' „Ick; »reue mich auf das Wiedersehen mit meinem •Ui'annf, und bin neugierig aus sein Wiedersehen mit Dir." „Mir graut vor diesem Augenblick und am liebsten wäre es mir. Du entließest mich zuvor. Weshalb sollen vernarbte Wunden von neuem aufgerissen werden?" .Nein, liebe Sittah, Tu bleibst bei mir; ich liebe Dich noch mehr wie mein Mann Dich geliebt hat und bin unglücklich bei dem Gedanke,., Dich entbehren zu müssen." „Aber, liebe Mirjam, bedenkst Du denn nicht, wie unangenehm es für Deinen Man» sein muß, mit mir zusammcnzutrcffen?" „Unangenehm? Ich meine, er wird froh darüber sein. Dich wiederzusehcn " „Und Du, bist Du denn garnicht eifersüchtig? Befürchtest Tu nicht, daß ich Dir unbewußt seine Liebe stehlen könnte?" „Mochte cs so sein! Liebe Sittah. mir ahnt, daß ich mein Barcrland nicht Wiedersehen, weine lieben Eltern nicht wieder sprechen werde. Du »reißt, was Du mir versprochen—" „Liebe Mirjam, lasse, bitte, dieses Thema ruhen, cs regt Dich und mich auf." „Du irrst, meine Liebe. Eine Sache, die ich geordnet habe, kann mich nicht aufregcn, während die Ungewißheit mich »mbringe» tonnte. Doch sei so gut und hole inir einmal das Kind." Sittah ging rasch in's Nebenzimmer und kehrte mit dem Kinde auf dem Arme zurück. Sobald Mirjam die «leine sah, begannen ihre Augen zu leuchten und sic fragte Sittah: .Sie entwickelt sich Prächtig, nicht wahr?" „Mit jedem Tage wird sic lieber", cntgrgnete Sitlah, einen Kuß aus die Wangen des Kindes drückend. „Ob das Kind auch ganz gesund ist? Ich mache mir Sorge darüber." „Sieht ein krankes Kind so aus?" Und sie ließ das Kleine auf ihren. Arme tanzen, daß cs froh aufjanchzte. Mirjam stützte ihren Kopf mit der .Hand und sch mit Wehmut dem Thun Sittah's zu. Ach, sie fühlte sich gar zu matt und diese Mattigkeit wollte gar nicht weichen. Sic verbrachte den größten Thcil des Tages im Bette odrr auf dem Sopha, da ihre Mattigkeit ihr keine zehn Schritte zu gehen gestattete. Eine treue Pflegerin und liebe Freundin war iqr Sittah geworden und sic wußte, daß» ,vcn» Gott sie abrusen, ihr Kind, eine andere Mutter in Sittah finden würde. Ohne daß sie es hindern konnte, rollten Thränen über ihre Wangen und als Sittah sich plötzlich zu ihr nandte, sah sie in ein thränenvolles Auge, in ein bleiches Antlitz. Sofort brachte sie das Kind in's Nebenzimmer und als sic draußen den Schritt des Arztes hörte, ging sie diesem rasch entgegen. Sie bat ihn, ehe er zu der Kranken gehe, ihr einige Mlnuten Gehör zu schenken. Sie traten in Sittah's Zimmer und hier offenbarte sie dem Arzte alles, was Mirjam von ihr verlange, wie sie die Kranke nur aufregc und bat ihn, bei Mirjam ihre Entlassung zu veranlassen. „Sie verlangen Unmögliches", entgegnete tief erschüttert der Arzt. „So wie ich die Lage beurtheilen kann, würde Ihre Enifcrnung unberechenbare Folgen bei dem jetzigen Zustande der Kranken nach sich ziehen." „Und glauben Sie denn an eine Genesung?" „Warum nicht? In solchen Fällen, wie wir hier einen haben, dürfen wir das Beste hoffen." „Möchte Ihre Boraussage sich verwirklichen! Ich scheine dazu ausersehen zu sein, den Becher des Kummers bis zur Neige lceren zu muffen." „Freilich legt Ihnen das Schicksal herbe Prüfungen auf, aber sie werden dieselben siegreich bestehen. Dr. Norden schrieb m r gestern, was für ein Heldenmädchen Sie sind und ich bin überzeugt. Sie werden auch die für Sie so .-.angenehme Stunde des Wiedersehens tapfer überstehen." „Gebe Gott mir Muth und Kraft dazu; ich will <4 seinethalben versuchen." „Für diesen Entschluß danke ich Ihnen; doch jetzt zur Kranken." Der Arzt trat voran in das Zimmer Mirjams. 'Diese saß, traurig aus dem Fenster blickend, in einem Lehnsessel. Theilnehmend erkundigte sich der Arzt nach ihrem Befinden und als er ihren Puls geprüft hatte, sagte er: „Alle meine Kunst ist zu Ende, wenn Sie fortwährend - in so gedrückter Stimmung sind. Frohsinn und Heiterkeit sind treue Gesellen des Arztes; bei Ihnen suche ich sie vergebens. Helsen Sie mir doch. Sie zu heilen und seien Sie froh und vergnügt." „Ich bin es ja, Herr Doktor, nur kann ich es nicht so zeigen." „Nein, »ein, Ihre Miene ist keine heitere", fuhr der Arzt fort, „und Sie erwarten doch bald die Ankunft Ihres Herrn Gemahls." „Wenn er nur schon da wäre!" seufze Mirjam. „Es dürfte bald zu spät sein." „Das sind Gedanken, die Sic sich entschieden aus dem Sinne schlagen müssen", versetzte ernst der Arzt. „Sie haben keine Ursache zu solcher Melancholie". „Ja, ja, Sie hoffen ja bestimmt, daß ich genese. Ist cs nicht so?" „Gewiß hoffe ich dieses, und ich habe die größte Berechtigung dazu; sie werden genesen, wenn Sie nur wollen." „Wenn ich nur will? Ob ich will? Ach, das Leben ist so schön und kein Mensch läßt cs gerne, Niemand, der auf Erden wallet, entsaget gerne diesem höchsten Gut, warum sollte ich cs »hun?" „Nun, aus Ihren Reden läßt sich unschwer darauf schließen." »Bin ich denn gesund und lebensfähig, rvie ich e» früher war? Ist cs nicht besser, dcn ewigen Schlaf zu schlafen, als siech und elend, sich und feinen Lieben zur Last die kummervollen Tage dcö Erdenlebens zu verbringen? Ach Herr Doktor, ich weiß, Sir wollen und müssen Ihren Pattenten Trost und Hoffnung zusprechen: ich weiß, daß e» auch nur Hoffnungen sind. Meine LebenStage sind gezählt und in Ihrer Macht liegt es nicht, sie zu verlängern." „Aber in der Ihrige». Wenn Sic vorsichtig sind, meinen Rath stets befolgen und nicht selbst Ihrem Körper schade», so können Sie bei Ihrer Constitution ein hohe» Alter erreichen. Doch genug über dieses unerquickliche Thema." Nach einigen weiteren Fragen und Beiordnungen rntj ferntr sich der Arzt. Tiefes Schweigen ruhte auf dem Kran- | kenzimmer und den beiden Damen, bis Mirjam endlich sagten „Er meint es gut mit mir, nicht wahr, Sittah?" „Gewiß, liebe Mirjam, aber Du erschwerst ihm die Erfüllung seines ohnedies nicht leichten Berufes." „Ich kann mir nicht helfen, ich glaube seinen Ber« sicherungen nicht." „Hast Du denn kein Vertrauen zu ihm?" „Gewiß, soviel Vertrauen man zu einem Arzte haben kann; aber ist es nicht sein Geschäft? Muß er in Folge dessen nicht so sprechen wie er spricht?" „Ich halte ihn für keinen Charlatan, dessen Worte leicht zu nehmen sind." „Ich gewiß auch nicht; aber er würde sich doch selber schaden, wenn er anders spräche." .Ich halte ihn für einen Menschen, der seinen eigenen Vortheil nicht obenan setzt und zur Triebfeder seiner Hand- - lungen macht" „Das ist er gewiß nicht; aber in »reiner Sach« bin ich Partei und kann seinen Optimismus nicht thrilen." „Warst Du von jeher Pessimistin?' „Theilwcise ja, tycilS bin ich es geworden. Wodurch? das kann ich Dir wahrlich nicht sagen." „Der Pessimismus ist doch die Strafe der Menschhcit.M Kann ein Mensch, der Pessimist ist, dre Freuden der Natur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.