Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 4 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ein glaaunomwlb von tausend knisternoen Pechfackeln, und es tönt und jauchzt und braust immer näher an uns heran Bevor wir uns versahen, waren wir vom Menschen» meere ergriffen, da» uns mit sich fortwälzte. „Bas ist daS heute?" fragte ich Einen, neben dem ich zu stehen kam. Lire „Ovation dem edlen Reichsrathsabgeordneten" keuchte er, und schon riß ihn eine nah heranstürmende Menschenwelle gewaltsam mit sich fort. Auch mich ergriff es wie ein Sturm und trennte mich von meinem Freunde, an den ich mich ststzuhalten suchte. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht, aber etrug und loälzte mich wie einen Ballen von Ort zu Ort, bis ich mitten unter die Fackelträger hineingerieth. Einer, der neben mir stand drückte wir eine brennende Fackel in die Hand. Ich hob sie hoch über mein Haupt empor und schritt unter den Andern im lustigen Tempo einher, nach dem Takte der Musik, ivelche die heitersten Weisen spielend, uns voranging. Ach das Leben ist doch gar so schön! Bor einem zweistöckigen Hause wurde Halt gemacht. Aus dem Balkon der ersten Etage zeigte sich ern Mann mit weißem Iilberhaar. Ein tausendstimmiger Hurraruf erbraus^ in der Luft. Ich jauchzte mit, der Mann auf dem Balkon verneigte sich dankend. Hurra! Hurra! und Hurra ohne Ende. Der Mann fing an mit sonorer Stimme zu sprechen. Ich vermochte in dem jauchzenden Gewühle nur einzelne abgerissene Sätze zu unterscheiden: „Humanität . . Menschenrechte ohne Unterschied der Consession . . . Berbindung aller Gesellschaftsklassen". Wieder erdröhnte es „Hoch" aus taujend begeijtenen Kehlen. Ich schmetterte ein „Hoch" mit in die Lust hinein, und mitten in die allgemeinen Hochrufe fiel rauschend die Musik mit der Bolkshymne ein und alles stimmte auS voller Kehle mit. Und vorwärts bewegte es sich unter Licht Sang und Klang die Sttaße hinunter. Ach, wie ist doch das Leben so schön, hell und heiter! Endlich gelang es mir mich aus dem bunten Menschenknäuel lierauszuwinden. Nach langem Suchen fand ich meinen Freund i» einer eiigen, entlegenen Straße, wie einen düstern -Schatten umherirren. „Nun", fragte er mich mit eigenthümlicher Stimme, „Was sogst Du zu dieser häßlichen Komödie, „Leben" genannt?" Ich fühlte mich auf einmal wie mit Eiswasser überschüttet. Was hätte ich ihm antworten sollen? Das fallen die Leser für mich thun, denen ich ja schon am Anfänge die Entscheidung dieser Frage überlassen Hab«, aber jedenfalls würde ich allen denjenigen, die gleich mir mit einem rosigen Glas in die Welt gekommen sind, den weisen Rath geben: sollten sie einmal in die Lage kommen mit meinem Freunde, von dem ich ihnen hier erzählt .habe, zu lustwrndcln, ihm ja nicht die Wahl des Spazierganges zu überlassen: denn er führt sie dann ganz gewiß auf den Friedhof, und dort — ich weiß es aus Erfahrung — wird ein« Brille, wie mir sie tragen, stark überlaufen und trübe angehaucht. . . Ti ttah. R««»> au« Bet Zeit der lehre» «assruausiVets»»«»» aao »utzlaad »ad Preatze». V.">i Bon H. Berger. „Worüber?" — Lodesqedanken quälten sie," stieß Sittah g,'preßt hervor. „Ick, dachte es mir"; entgegnetr der Arzt. „Solche kranke böten sich selbst; der reinste Selbstmord. Bleiben Sie morgen dem kttankenzimmer fern; ich werde einen Grund fin^n, Ihr Ausbleiben zu entschuldigen." „Wird sie mein Fernbleiben nicht »och mehr aufregen?" „Nein, dir Kranke bedarf absoluter Ruhe, und deshalb darf außer mir und der Wärterin Niemand das Zimmer betreten." „Ich werde chun »as Sie verlangen. Wenn aber heute Nacht? — O, ich mag nicht den Gedanken aussprechen." „Für heute Nacht befürchtt ich nichts," entgegne« der Arzt; übrigens schlafen Sie ja in der Nacht und sollte Ihre Gegenwart erwünscht oder nöthig sein, so lasse ich Sie rufen." . „Danke Ihnen", erwiderte Sittah; „hoffentlich geht alles gut." „Wir wollen das Beste hoffen." Nach diesen Watten entfern« sich der Arzt und Slttah begab "ich in ihr Zimmer. Die Nacht ging beffer vorüber als er gedacht. Die Kranke schlief ganz ruhig und wurde vom Husten nicht gequält, und als sie am Morgen erwach«, fühlte sie sich kräftiger. Ihre erstr Frage galt ihre« Kinde, welches auf ihren Wunsch in» Zimm r gebracht wurde. Sie freut« sich über das sichtliche Gedeihen de» kleinen Wesens und woll« nach Sittah fragen, als ihr die Wärterin mtttheilte, der Arzt hätte jede» Sprechen verbo«n. Still ergab sie sich in ihr Schicksal; sie leg« sich zurück und versuchte zu schlafe«, während die Wär«rin das Zimmer in Ordnung brach«. Sittah war stütz ausaestanden und hat«, al» s« erfahren. daß Mirjam die Nacht gut verbracht hatte, «tuen Morgenspaziergang unternommen. Ls war ein herrlicher Morgen. Die Bögel sangen nnd zwitscher«», aus dem grünen Laub der Bäume blickten die Tautropfen wie tausende von Diamanten hervor. Eine heilige Stille lag auf der Flur, als Sittah ihre Schritte in» Freie lenkte. Auf einer kteincn Erhöhung des Bodens, auf ivetcher unter einer al«n Linde eine Ruhebank stand, inachle sie Halt und setz« sich aus die Bank. Rings um sie her ivar eine seierliche Stille; kein Lüftchen b.ivegtc das Laub. Au» einem Gebüsch zu ihrer Rechte» tön«n endlich die schmelzenden Töne des Gesanges einer Nachtigall; nicht weit von ihrem Ruhesitz trat jetzt ein Reh aus dem Walde und stlgte mit seinen klaren Augen umher, um, sobald cs Sittah erspäht hatte, zu verschwinden. Jetzt kam ein Hase au» der Lichtung des Walde»; er setzte sich auf die Hinterbeine; äugte und horchte, und als alles ruhig blieb, sprang er mit einem großen Satz direct vor Slttah; das war ein Schreck für den armen Lampe, als er das Mädchen erblickte. Sofort wand« er sich wieder den, Waide zu. Hinter ihin her erschall« Sittah» silbernes Laichen. Da näherten ,'ich von der andern Sei« Schritte, und al» sie ihr Gesicht „ach dieser Richtung I wandte, erblickte sie einen Hausirer, der, seinen Packen auf! den Rücken, rüstig fürbaß wandertc. Ec war ein Mann im besten Alter, der, als er ihr nahe kam, höflich den Hut zog und fragte: »Darf ich dem gnädige» Fräulein meine Waarrn zeigen? BieUercht sinket das gnädige Fräulein etwas; ich bm sehr billig und begnüge, mich mit einem geringen Verdienst." „Ich danke Ihnen", wehrte Sittah ab, „machen Sie sich keine Mühe, ich bedarf Nichts." I „Das schadet nichts", versetz« der vausirer, „sehen Sie i sich die Sachen trotzdem an." i Ehe Sittah ihm erwidert hatte, stand sein Lager schon j auf der Bank und er begann auszupacken. Alle sein« Herr»! lichkeiten drei«« er vor dem Mädchen aus; Spitzen und Schürzen, Brachen und Ohrgehänge u. s. w. „Sie machen sich unnüthige Mühe", sprach Sittah, „ich kaufe nichts". „Sie kaufen doch etwas", sprach endlich der .Hausirer» eine abgeriffene Brieftasche herausziehend und Sittah verschmitzt lachend ansehend. Er öffne« die Brieftasche und zog ein Päckchen Bilder heraus, such« und such« und hieltenduch eia Bild in der Hand. „Was geben Sir für diese Photographie?" .