Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Sachlage vorausaesckscft werden, daß der Ausschuß bereit« «orher den Beschluß «faßt hatte, in allen Schlachthäusern den Genickstich af« bi« bewährteste Schlachtmethode einzuführen, obwohl Herr Dr. Dembo, ein« bedeutend« Autorität auf diesem Gebiete, aus (krund wisfenschastlicher Forschungen und praktischer Versuche schon bi« zur Evidenz nachgewiesen hatte, daß diese Tädtungsart die denkbar ungeeignetste und grausamste sei und die jüdische Säjlachtweise unbedingt den Vorzug verdiene, wa« ober Professor WedenSki nicht gern zugeben mochte. ״Auch der Veterinär-Prof. Jgniatew behauptett steif und fest, daß bei dSu naih jüdischer Art geschächteten Thierea da» Bewußtsein und die Empfindung erst nach geraumer Zeit schwinden. Al« unuristäßlichen Beweis für seine Behauptung führte er die Thatfache an, daß rin im hiesigen öffentlichen Schlachthause ,geschichteter" Och« unmittelbar nach dem Schnitt zum Entsetzen der Umstebenden plötzlich aufsprang -und zur Thür hinan« rast«, wobei er auf der Straße ein srrchtbarr« Blutbad angerichtet haben soll. (Ohne Zweifel, fügt der Berichterstatter dv» ,Hameliz' mit vollem Recht hinzu, waren die Füße de« betreffenden Ochsen nicht fest atirag zusammen gebunden, so daß sie sich au« den viel zu Wvachen Fesseln losriflen, noch bevor der Schächter die Manipulation vollenlien konnte.) Dieser vereinzrlt dastehende Fall genügte der .Now. Wer.', um gegen die jüdische Echlachtwerse in rücksichsloser Weise zu agitiren. Da« gesammle Eomitä dr« Thierschutzvereins begab sich nun heute in Begleitung der Herren Prof. Pawlow, Eckert. WedenSki, desaKammeroerrn SchukowSki, der Veterinäre Sawitow und Jgniatew aus Einlad!nia de« Dr. De mbo nach dem hiesigen öffentlichen Schlachthause, um au« eigener Anschauung sich bevor zu überzeugen, welche Schlachtmethode die humanste und schmerzloseste fü■: die Lhiere sei. Unter den zahlreich Anwesenden bemerkte man noch die Herren Dr Becker. Tschurilow und noch einen berühmten Arzt vom medizinisch m Institut des Prinzen von Oldenburg, sowie viele Berichterstatter der verbreitetsten großen Zeitungen. sämmtlichc hiesige Fleischhändler u. v. a. Der Flrischlieferant Herr Pup« ließ 10 Ochsen hineinsühren, von denen 3 ,geschlichtet' und ü durch die Vouterole getbdtet rrsp. betäubt Ivurden. Sämmtlich: Sachverständige erklärten jetzt unum» wunde», daß bei der nach jüd. Ritu« geschlachteten Ochsen die Agonie uud der Tod am allrrschnrllsten eingetreten sind. Sodann suchte Herr Dembo durch merkwürdige Experimente uns eklatante Beweise darzuthun, daß die ü nach russischer Methode geschlachtetem Ochsen einige Minuten länger lebten al« dir 3 vorigen; denn alle ü Ochsen leckten uud verzehrten da« ihnen vorgrhaltene Salz nach einiger Zeit rach der Tödtung! Auf Veranlassung de« Dr. Dembo wurde alsdann »och ein Och» durch Genickstich artvdtet, welchem Herr D. selbst — Brot und Salz in» Maul steckte und steh' da! der erlegte Och« leckt׳: nicht nur mit der Zunge, sondern kaute sogar da« Brot und fraß es aus. Da« war «ine furchtbare, entscheidung-volle »Schlacht", bei welcher glücklicherweise kein Ttopfen Menschenblut vergossen ward; «« war ein siegreicher Kampf der Wahrheit gegen die Lüge. Da« amtliche Protololl wird anfangs nächster Woche er» scheinen — soviel können wir jedoch schon heut verkünden, daß alle Versammelten darin übereinstimmen und gern zu» Sstehen, daß die,Sckechita' vor allen andern Tüdtungsarlen ) am besten und geeignetsten erwiesen und bewährt hat — bst WedenSki und Jgniatrr wagten r« nicht mehr da« G^eutheil zu behaupten, ja sie befürchten sogar sehr, daß viele einflußreiche und mußgebende Männer die allgemeine Einführung der Cchechita verlangen werden für da» ganze ruffische Reich! Dean Pros. Eckert sagte zu Herrn PupS, daß gegen die Schech la sich nicht« eiuwenden läßt; e« sei , aut zu bedauern, daß dir Vorbereitungen so viel Zeit in ׳ Anspruch nehmen wa« z. B bei einer Stadt wie Petersburg, -wo täglich über 100(1 Rinder geschlachtet werden, sehr in« -Gewicht fällt. (Was wird man nun in Sachsen zu diesen Entscheidungen sagen«׳ Hoffentlich werden sie zur Aufhebung de« seit dem 1. Ottiber er. in Seen« gesetzten Schlachtoerbotführen.) z>Ntzd«»Nr§. ,Da« von Herr» G. Lomnitz aeuoe- ' "י 8 de« von demselben vor mehreren Jahren begründeten Deutschs ,J«rael.KinderheimS' anzusehen. Nachdem di«Lebensfähigkeit dieser Anstalt, welche nur Knaben aufnimmt, hinlänglich ge» sichert war, erklärtt der Begründer derselben, Herr S. Lomnitz, seinen Austritt» um da« ״Deutsch-JSrael. Reichs» waiseuhau«' in'« Leben zu rufen, da« sich der Pflqe und Erziehung armer und verwaister M Sdchen widmen sol(wofür sich im Laufe derJahre rin dringendes Bedürfaiß herausstelltt. Um Jrrthümer zu vermeiden. erklären wir noch, daß der Eenttal-Borstand de« Deutsch-JSraelitischen Reichswaisen» Hause« mit der Verwaltung de« Deutschen Kinderheim« zu Frankfurt am Main nach keiner Seite hin identisch ist. Ter Lentral-Borstand de- D^-J- Reichswaisenhauses.' Die Rothwendigkeit, israelitische ReichSwaisenhäuser in Deutschland zu gründen, stellt sich immer mebr heraus, da die von der deutschen ReichSfechtschule in« Leven gerufenen, zu denen viele Tausende von Israeliten beigesteuert haben und noch immer mit großem Eifer sammeln, den jüdischen Waisenkindern nicht in erwünschtem Maße zu gute kommen. Man läßt dieselben zwar die von der Gemeinde de« betreff. OrteS unterhaltene Religionsschule während einiger Stunden in der Woche besuchen, aber wer e« weiß, daß nicht der religiöse Unterricht, sondern die religiöse Erziehung die Haupt» sache ist, ter muß e« schmerzlich empfinden, wenn er sieht, daß diese den jüd. Waisenkindern vollständig abgeht. Bei aller Achtung vor den Festen und Institutionen der christlicheu Kirche, sind fciefc doch nicht geeignet, die jüd. Waisen mit Liebe zu ihrer eigenenReligion, zum Judenthun^ zu er» füllen. Es ist ja auch nicht zu verlangen, daß auf 1 jüd. Kind (unter V0 christlichen) in dieser Beziehung besondere Rücksicht genommen werde. In bester Absicht, läßt man dieses auch an den Wohlthaten und Liedern de« Christfeste« teilnrhmr» — da« jüdische Lichtweihefest (Chanuka) tritt dabei in den Hintergrund; unwillkürlich entfremdet sich da« zarte Kinderherz. das der jüd. Famlliciierziehung gänzlich entbehrt, immer mehr dem Juoenthum. Dagegen giebt es nur ein Mittel: Entweder Unterbringung jüdischer Waisen in jüdische Familien, oder Errichtung israelitischer Waisenhäuser. Da» rum ist es mit Freuden zu begrüßen, daß durch den Eifer de!» Herrn Lomnitz in Diez da« erste ,deutsch-i«r. Reichs- Waisenhaus׳ erstehen soll. Mögen die Sammlungen und Spenden für dasselbe im ganzen deutschen Reiche angeregt werden und reichlich fließen! Muadeturg. Der Vater verleugnet sein eigen Kind — selbst Bismarck will nach der Laprivi'schen Erklärung im Reichstage, die eine um so größere Bedeutung dadurch ge» Wonnen hat, daß dieselbe auf den ausdrücklichen Willen de» Kaisers zurückzusübren ist, nichtvom Antisemitismu« mehr wissen, er läßt in seinem Hamburger Leibblatt Folgendes verbreiten: .In den letzten Tagen hat in Folge verschiedener Vorgang« di« Diskussion der sogenannten Jvdenfrage in der Presse seh: Überhand genommen- Wir sehen de» Nutzen davon nicht eia und müssen es daher ablehnen, uns daran zu betheilizrn- Sir sind davor entfernt, di« «»sichten de« »rasen Uaprivt in diesrr Sach«, oder etwa de« Standpunkt der »streichischen Regierung zu!heilen, aber wir si-d »er Aemnng, das, sich die antisemmsch« Bewegung auf einem Holzweg« befindet und nichts erreichen tonn, (Hegen «inen Zustand, rnier dem «an thatsschlich lebt, ohne di« »rast zu habt», ihn zn andern, fort» »Lhrrnd mit fruchtlosen anltsemittschen Renommistereien anzilkümpse», halten wir für nnwürdig.' Bismarck, der ״Realpolitiker', bemerk die -ferlurer .Bolkszritnng'sehr richtig, sieh: jetzt keinen Nutzen mehr von der Antisemilerei, im Gegensatz zu früher, al« er glau' sie werbe da» tibrral« Bürgerthum schwächen. nichts nützt, da-^tzg(.für,ihn kein Äewicht-Aehnl!