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Israelitische Wochenschrift · 1892-12-23 · 52 (23.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 410 - brr• oft!argen Lebensunterhalt sich mühenden Errverbsstände der Nation als eine Herausforderung empfinden, wenn der Geldhandelsmanu an e>nem Lage so viel Lansende gewinnt, wi»> selbst die beftgefielltea Beamten und der Spekulation fernste Heu de Geschäftsleute in eine« Jahre nicht verdienen!innen, obwohl die Bei pflichtung standesgemäßer Lebensführung und die Sorge für eine mehr! oder minder zahlreiche Familie aus ihnen lasten. Der Instinkt bei Lölkes protestirt gegen die AnhSnfung immer größeren Kapitals in immer weniger Hürden, protestirt gegen den der ausdrücklichen Kormnlirung nicht bedürfenden Herrschafts-Anspruch des Koptials. ES mag mit noch so viel Recht eingewendet werden, das Juden» thum als solches oder' die Mehrzahl der Inden weise die oben erwähnte Zdentisizirung zurück, die eine biohe Unterstellung sei. Wenn schon die Jdentifizimng nicht oorhanden ist, die Unterstellung ist eine Thatjache und wir!» wie eine Lbatsache. Man sieht and nenn« nicht die armen Juden, aber man sieht und nennt und — beneidet die reichen Juden, wobei es oft genug geschehen kann, daß man den Mann von notorischem Reichthum einen Juden nennt, bloSweil erreich ist. Man sieht vielleicht den jüdischen Reiehen, de r die Unürten des Protzen, thum» cm sich hat, mehr als den christlichen, obwohl es an Exemplaren wahrlich nicht fehlt, als deren Abbild Fritz Reuier's Pommuchelskopf gelten könnte, weil die Neigung zum äußerlichen Aufwand von der sp-kulativen Thütigkeit und ihrer Nervofitü« hervorgerusen wird. Die Juden haben sich —Jahrhunderte hindurch nicht freiwillig — dem Handel zugewendet, sie find deshalb Im Hc.ndel sehr stark vertreten, und demgemüs, stellen sie einen übergroßen 'Prozentsatz zu der Speku» lantenwelt, von der wir oben gesagt haben, daß sie ein zum Lhetl sehr berechtigtes Mis wollen auf sich gezogen hat. Man kann von de« Volke nicht verlangen, daß es den Dingen auf den ®tun(י gehe und ba» ganze Bild einer nothwerdigen kulturgeschichtlichen Entwickelung sich vergegenwärtige, ehe es seinem Gefühl?!amen und festes ®epräge giebt. Es sieht unter den reichen Geldhandelsleuten viele Inden — so werden ihm die Geldhandelsleute zu Juden, die Juden zu Geldhandelstruten, und alle üblen Erscheinungen, die hier hervortreten, sind ihm jüdische Erscheinungen. Das verhältnißmüßige Uederwiegen der Juden auf diese« Gebiete, allerdings theilweift verursacht durch die bestehenden Ber» waltungsgrundsätze, ist den Juden zum Fallstrick geworden. Nicht ganz ohne eigenes Berschulden, denn «4 wäre ihre Aufgabe ge» wesen, bei Zeiten für eine bessere Bert Heilung, soweit die» in ihrer Macht lag, zu sorgen, damit nicht ihre Minorität, auf ein Gebier zulamme ׳geschaar», den Eindruck einer geschossenen und nicht ungefährlicher. Maffe mache, und damit nicht — wenn auch nur dem Anschein »ach — zum Stammes fehler «erde, was ein Fehler blos des Berufes war. Hier stehen aus dem Konto der Juden Unterlaffungssi-nden, in Folge deren der Antisemitismus selbst in solchen Kreisen Raum gewinnen konnte, die ursprünglich frei von Intoleranz waren und den Juden keine Abneigung entgegenbrachten. Hätten die Juden bei Zeiten ein offnere« Auge sür die ihatsädlichen Berhältniffe gehabt, Hütten si< spontan den guten Willen bekundet, zu bessern, wo zu bessern war, die anttsemittsche Bewegung wäre wohl nicht erstickt, aber in stille User zurückgeleitet worden. Da» geschah nicht, und nun wiederholte sich eine Erfahrung, die t«n schon im Lultnrkampse und später bei dem Kampfe gegen die ge- «eingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie gemacht hatte: es trat eine völlige Berschiebung der Grundlage ein; au« de« Feldzuge gegen die Auswüchse wurde eine heftige Afttation gegen das Judenthum und die Juden selbst. Den Schaden trugen nicht durchaus die Angegriffenen, und Wunden gab es aus!Leiten de« Lhristenrhums m-hr, alt. aus Leiten de» JudenthumS. Der» die Juden schloffen sich, Li« natürlich, fest zusammen, und zu ihnen traten, wie nicht minder natürlich, zahlreiche Nichtjuden, die es al» eine Schmach 'ansahen, daß man mit dem Ungerechten den Gerechten wollte leiden lassen, daß man um schlechter jüdischer Elemente ivillen unterschiedslos alle Juden verfolgte und mit der Beraubung ihrer bürgerlichen Rechte bedrohte. Hatte der Antijemittsmus zunächst nach der ethischen Leite sich verfehlt, indem er lengnete, daß et viele edle und sittlich -ochgebildete sjnder: gebe und hatte er dadurch Aiiderfpruch erweckt und die Positiv» ser ungerecht Angegriffenen gestärkt, je mar nachmals ,die Kormnlirung seiner Forderungen nur dazu angethan, dem engen sammenhalt der Inden etnep» li tische und wirthschaftlicheü zu geben, die manche« Antisemiten den Unterschied zwischen und Können, zwischen de» Lande der Utopien und der Welt der Wst lichteit greifbar deutlich machen mußte. ״Menschenrechte müssen die Juden haben, ob sie gleich uno dte^ selben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungorechtigkett berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden. Aber ihnomt Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als! das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe adzuschneiden andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um י uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderen. Mittel, aU ihnen ihr gelobte» Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken." In diesem Satze Fichte'« ist ter Kern der radikalen auti» semitischen Forderungen ausgesprochen, nnd si'bst Herr Sticker, der sonst eine andere Ansicht vertrat, meinte dieser Lage: das: Beste sei. die Joden nach Palästina zurückzubringen. Einiges Nachdenken genügt, die Unüberwindlichkeit der Schwierigkeiten zu zeigen, die der Ausführung eine« solchen Planes entgegenstehen. Die. ־ meisten Antisemiten hoben wohl auch der Ansicht des Fürsten Bis- «arck beigepflichtet, daß die Beranstaltung einer Bartholomäusnacht gegen die Juden nicbt angängig sei und sich deshalb aus die Forderung beschränkt, die Juden sollten von einzelnen oder von allen bürgerlichen oder ftaalsbügerlichen Rechten ausgeschlossen werden. In einem Organ der gemäßigteren Lonservativen, in der dem Grasen Udo von Ltolberg nahestehenden .Ostpreußiscben Zeitung" hieß es mit Bezug hiernuf: ״Lin Iurückgehen aus die Gesetzgebung von ztzfr würde nichts nur ein Fehler, sondern auch eine Unmöglichkeit sein; der weitaus größte Lheil der deutschen Konservativen würde es als eine em- > pörende Schande ansehen, wenn der deutsche Staat hierin in die'":. Fußtapsen des russischen treten wollte. Die baltischen Protestantew würden ja in Rußland nicht besser oder noch schlimmer behandelt, al» die Juden." Der konsirvattve Parteitag vom S. Dezember er. hat in das. konsirvative Programm Hineingesest, was hier in einem konservativen Blatte ein Fehler und eine Unmöglichkeit genannt ist. Doch wenn Zs ftlbst der konsirvative Parteitag dies nicht gethan hätte, wenn es im Ungewissen geblieben wäre: wie ein großer Lheil der Konservativen eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden wünschte — schon da« Auftauchen solcher Absicht mußte ausnahmslos alle Juden in das Lager derjenigen Parteien treiben, bei denen sie mit Sicherheit ׳ auf Schutz gegen solche Maßregeln rechnen duisten. Ein solcher fbra»״ sicher Zwang sür ble Juden, sich politisch linkwärts zu wenden, war1 auch dann noch vorhanden, wenn die Juden sich darüber Rechenschaft gaben, daß doch eigentlich in unserer Zeit eine Zurückrevidirnng der! Bersaffung in der angedrohten Richtung eine Unmöglichkeit sei. Der, Noth gehorchend, wandten sich die Juden dem polittschen Radikalismns_ zu und stärkten ihn in bemerkenswerthem Maße. Freilich ist h>ereine zweite Unterlassungssünde auf!-bischer,. Seile zu verzeichnen. Gerade die Juden in bevorzugter Stellung, die f and) mit den maßgebenden Kreisen in ununterbrochener Berbindnrtg, standen, wußten und lonnten bezeugen, daß es der Reichs- oder der! preußischen Regierung nie und nimmer einfallen werde, die den Mit»! bürgern jüdischen Glaubens versaffungsmigig zugesprochenen Rechte zu I beschränken. Dieses Zeugniß ist nicht abgegeben worden.—: Auch sonst sind den Gebildeten und Unterrichteten unter den Inden . Unterlassungssünden zum Bormurs zu machen, die sie vom Beginn . der anttsimitischen Bewegung an sich haben zu Schulden kommen lassen. > Das .Leipziger^ageblatt" sormnlirte einen solchen Borwurs nicht unzutreffend folgendermaßen: ,,Hätten die deutschen Juden nur einen kleinen Lheil der Energie, die sie der Bekämpfung Stöcker'», Böcke!'» und Ander«- zuwandten, ans die visciplinirung nnd wo nöthig Einschüchternng; der schlechten Elemente in den eigenen Reihen anfgawendet — dem! deutschen Reichetage wäre e» dann erspart geblieben, den Verfassers der ״Judenflinten" anfnehmon za müssen." Eine einzige Erklärung sch«, von ant»Ljtatives

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