Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 886 Allem, daß er, der noch immcr höhere Stufen der Erleuchtung anstrrbr, bald dahin gelangen wird, »inzusehen, daß wenn er auch erfahren, wie zuweilen menschliä>e Jrrlchrcr all« Ethik auS der Religion herauSdiepotirrn, diese doch nicht dafür verantwortlich zu machen sei und daß die Religion der beste Nährboden für Sitte und Moral ist. Bald wird er auch anerkennen, daß Ethik ohne Religion für das Bolk Süßigfeit ohne Brod sei. es wird nicht satt und verdirbt sich dennoch den Magen. Wie soll dies auch bewerkstelligt werden? Soll das jetzt noch religiös erzogeneVolt darauf h'ngewiestn werden, daß es auch ohne Religion sittlich sein kann, sollte dies ihm auch, was ich für undenkbar halte, bewiesen iverdcn können, es wird nichts nützen, das Vrlk wird an den süßen und lieblich«n Erinnerungen der Jugendzeit zähe sesthalten. Sollte aber dem Volke erst die Religion genommen und rS nachher sittlich erzogen werden — wer wollte die Berant- Wortung wohl übernehmen für die Eonsequenzen, welche die im Menschen schlummernden und nur durch den Glauben nirdergehaltenen böien Leidenschaften in der Zwischenzeit ziehen würden!? Nein, verchrtester Herr Oberst, was Sie wollen, ist sehr gut, ater unausführbar! Sie sind der Mann dazu, daß Volk ethisch erziehen zu helfen, sagen Sie ihm, wie es leben, wie es handeln soll, nur ums HimmclSwillen, sagen Sie ihm nicht, was es nicht glauben soll, denn Sie schädigen damit den Erfolg Ihrer eigenen Bemühungen, das Volk wird schlechter, anstatt bester; Einer verzehrt den Andern und es folgt kein Jahrtausend des wahren Sabbalhs, sondern ein tausendjähriges Reich der Tolm-w&boha!! Auch ich habe gegründete Ursache, zu glauben, daß Herr von Egidy für die Erbitterung des Herrn von Gizyckr den wahren Grund gefunden hat — und es ist Namens der Rcligion, welche keine Unterschiede zwischen Mensch und Mensch kennt, lebhaft zu bedauern, daß ein solch geistig hervorragender Mann von den Bahnen, auf welchen er jedem religiös Gesinnten ein musterhaftes Vorbild sein könnte, auf solch« getrieben wurde, auf welchen er, ohne es wollen, uns unberechen baren Schaden zufügen muß. Dem Privatbriefe, welcher mir einen Einblick in die GeisteS-Werkstätte eines vom Wirbel bis zur Sohle echten Mannes vergönnte, bei dem man Alles in Allem um das Bedauern nicht hrrumkommen kann, daß man mit ihm nicht Arm in Arm Verdrehung und Heuchelei in di« Schranken fordern darf — reiht sich in würdiger Weise der offene Brief des Herr» von Egidy an. Allen Respect vor seiner Auf» fastung der Schriften, die uns gemeinsam beilig sind, alle Anerkennung zolle ich vor Allem seinem eminenten Gerechtig» keitsgefühle, und wenn er unter christlicher Liebe nach der richtigen Bedeutung diese« Wortes, messianische Liebe versteht, will ich, dieses Ursprungs eingedenk, sie wohl gelten lasten. Soll aber dieser Ausdruck den landläufigen Begriff bezeichnen, die Liebe, welche zu ihrer Unterstützung des Schwertes und zu ihrer Argumentirung des Scheiterhaufens bedurfte, über drr Beiechtigung dieser ,historischen" Liebe — will ich mich doch lieber ausschweigen, und es würde mir leid thun, wenn Herr von Egidy seine Lippen mit diesem Worte entweihte. Mag Herr v. Egidy da» Volk lehren, ivaS Liebe beißt, wie er sie versteht, mag er ihm beweisen, daß «ine solche nur dem wahrhaft ethischen Gefühle geziemt, mag er ihm erläutern, wie lang« dieirS von Lippenbckennern und deren Führern mißverstandene oder mißbrauchte Won seiner Erfüllung entgegenharre und er wird in seiner Ehrlichkeit bekennen müssen: Die Liebe, welche das alte Christenthum lehrte, hat eS im A. T. fix und fertig vorgefunden. Und wenn dieBethärigung so manches zu wünschen übrig ließ, — offen gestanden, verehrter Herr Oberstlieutenant, ist sie trotz neunzehnhundertjähriger Entwicklung auf christlicher Grundlage auch nur um eine Haaresbreite weiter gekommen? Edle Menichen gab eS in der Christenheit immer, deren Worte nicht allein, sondern deren Tharen auch Liebe arhmcren — tzst eS aber dam» w» Judenthum« gefehlt, mußte es sie je entbehren, selbst zu einer Zeit, als da» Judenthum uoch.b Schößling« gezeitigt hatte und die einzige Religion war», welch« für die Sittlichkeit, welche im Monotheismus lieg^ Berständniß hatte? Brauche ich Sie auf de« bescheiderwff und geduldigen Hillel hinzuweisen welcher dem Heide«, der das Judenthum kennen lernen wollte, in kurzer Zert, während er auk einem Fuße stand, die Antwort ertheilte: Liebe Dein« Nächsten wie Dich selbst; was Du nicht willst, daß man Dir thu', das füge auch keinem Andern zu — daist die Hawotlehre, jetzt gehe hin und forsche auf dieser Grundlage!? ®er rücksichtigrn nicht die Gebote der Sabbatruhe, der Feste« ftenhe!. und unzählige Gesetze zum Wohle der Armen auch tat. .Fremdling, der nicht Deines Glaubens und Deine« Stamme», ist?" Lehrt nicht der Weise, daß .die Liebe alle Berge« Hungen bedecke?" Betet nicht Abraham für die ftemtar Sünder, Salomo bei der Einweihung des Tempels nicht .auch für die Fremdlinge, welche nicht dem Volke Israel angehören?' Rust nicht der Prophet Maleachi begeistert au•:^' .Haben wir nicht Alle einen Vater, hat unS nicht Alle "* ein Gott geschaffen; warum sollen Brüder gegen einander untreu handeln?" Nicht wahr, Herr v. Egidy, ich täu che mich in Ihne« nicht, Sie gehören nicht zu denen, welche die absurde Brhauptung aufstellrn, der Talmud, der die Interpretation der heil. Schrift sich zur Ausgabe macht, lehre «ine andere Elhih eine andereMoral.eineandereMenschenlirbeal» der Pentateuch? Sie bedürfen nicht de» Hinweises auf Gamalirl, welcher de» fahl, den Bedürftigen drr Heide,, dieselbe Sorgsalt angedeih«» zu lasten, als den eigenen Armen, ihre Hungernden zu speise», ihre Nackten zu bekleiden, ihren Kraulen beizustehen, ihre» Tobten die letzte Ehre zu erweist« und ihre Trauernden zu trösten; Sie w'ssen, daß R. Akiba, einer der hervorragendst«» Talmudlehrer den Ausspruch that: ,Liebe Deinen Nächst« wie Dich selbst. doS ist Grundlehre und Hauptgrbot der Thora." Da» war einer von den Männern, welche für diese Thora unter gräßlichen Martern den Geist aushauchterk «Ä mit dem Bekenntnisse, daß es nur einen Gott für die ganze, Menschheit gebe, aus dem Leben schieden; aber Ihr auS«. prägte» GerÄtigkeitSgesühl wird Sie veranlasten, Ihren zahl-" reichen Anhängern dies zu sogen und sich dadurch neue zu gewinnen, und wahrlich. Sie verdienen sich damit einen Gottä» lohn, denn, wir haben die Seligkeit nicht in Erbpacht ge»; nommen, sondern unsere Weisen lehren, daß die Gerechte» und Frommen aller Völker und Religionen Antheil habe» am jenseitigen Leben. Und dennoch setzen Sie uns in Erstaunen, verehrtest»? Herr v. Egidy, und behaupten, das Ei heben zu Gott, die Vervollkommnung dürfe nicht ״Judenthum" heißen. Ich würbe birst Zurück« isung von Ihrem Standpunkt« auS verstehe^ wenn diestr virlverkannie und vielgeschmähte Name Jhae»^ ״ominös" düntt, und Sie von ihm ein Hinderniß für die Bei» bieitung Ihrer Ideale erwarten. Ader die Begründung, daß mit dem Judenthume Nationalitäts-Äedankrn sich binden, erlaube ich mir, mit aller Ehrerbietung zurückzuweist». Ich könnte dem entgegensetzen, daß der NvtionalilätSgedaiR»! wenn er in dem anerkannt theatralischen Staate eure Heft»» stätte hatte, ausschließlich pottiotisch-politischer Natur wmh sich aber mit dem Wesen der Religion durchaus nicht deckte wie ich durch die vorhin angeführten BeweiSsrelle» — übrigennur eine kleine Blumenlesr aus dem großen duftigen Garten — nachzuweista die Ehre hatte. Ich will nicht durch di« Frage Ihnen unbequem fallen, ob nicht das Chrrstenthu« zu r׳.nvit- RattonalitätS-Prinzip sich verflüchtigt hat, welche» in be» Verlangen nach einem ,christlichen Staate", ja, nach eine« ״christlichen Europa" seinen Ausdruck gefunden hat! Lasten Sie un» aber nicht durch Wortklaubereien vor» eigentlichen Ziele ablenken; soll ei« leerer oder selbst ei« b«U deutungsvoller Name un» ein Zusammenarbeiten unm machen? Nein, und Sie haben ja auch einen glücklichen bereits gethan durch Erwählung de» Rainen» ״Gor!