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Israelitische Wochenschrift · 1892-10-28 · 44 (28.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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*4p* tf -m'j*‘ i *OCtWftt Snifttont. M>»ßtz«ö«r<. 23. Ottrber. Heute sind 2b Jahre seit dem Tage verflossen, an rielchem der Reichstag de« nor> deutschen Bundenahezu einstimmig und jedenfalls ohne Widerspruch au- Anlaß einer Petition au- Mecklenburg den Beschluß faßte, den Bundeskanzler zur Borlegung eine- Gesetzentw'irsS avfzufordcrn, durch welchen alle noch bestehenden, ans der Verschiedenheit bei religiösen Bekenntnissehergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aufgehoben wcrden scllten. Kein Redner wagte damal- (am 23. Oktober 1807) im Reichstage gegen da- Prinzip der Gleichberechtigung ohne Rücksicht auf dabürgerlich« Bekenntniß da» Wo« zu ergreifen. Selbst dieKonservativcn der äußnlstcn Rechten scheuten sich davor. Die Konsequenz des BrschluffrS vom 23. L)ktober war davom Reichstag-- adgeorbnetlu Dr. Moritz Wiggereiugebrachte, vom Reichs« tage in der Sitzung vom ü. Juni 1868 nahezu ein« stimmig angenommene und vom Bundesrathe genehmigte Gesetz vom 3. Juli 1869, welches all« noch bestehenden aus der B!׳chiedei-hrit drreligiösen Bekenntnisses hergcleitetra Beschrä, kungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ausdrücklich aufhob und zugleich anssprach, daß insbesondere Befähigung zur Thcilnnhme an ter Gemeinde und Landes- Vertretung und zur Bette» sung öffr, tlicher Aemter vom re« ligivfrn Bekenntniß unabtängig sein solle. Bei der ersten Beratung des Gesetzes am 2. Juni I86S erwarb sich der meckl-nburgischeAbgeordnete Graf v. Bas.sewitz den Ruhm, da- Gesetz vom Standpunkt des ,christlichen Staate-" aus pl bekämpfen. Der Abg. Dr. Windhorst aber, der lediglich au« formellen Gründen gegen den Antrag stimmte, weil 'er nach seiner Ansicht die Koiapetenz de- Reichstags überschreite, nahm Veranlassung, seine matenelle und grundsätzliche Uebereinstimmunz mit dem Gesetzeutwursr auszusprechen. Tr sagte wörtlich: .Ich bi» der >»fichi, teß bei de« Strobe der Verhältnisse in Deutschland e> Unzulässig ist, daß dareligiös« Bekeunmtst irgend «mtche» tztnstuß aus die ösfeuilicheu bülgerlicheu oder staatsbürgerlichen Bechällalffe hat. Ich bin ftrner der «etnnng, bah jeder religiösen 1'ebrrzeugnug die freie und öffentliche Ausübung gkstatier werden «uh, und ich 'rnn nur wein tiefe« Bedaneru auSspreche», dah e« im Nord»! deutschen Bond« noch Staate« giebt, in denen di« Staatsangehörigen > Äicht frei »nd öffentlich ihre NellgionSüdungen vornehmen können, ganz ase ihre ReligionSüberzengung dieselben vorschreib«.- Und heute? Wie steht daS Lrntrum, wie strhen dir Konservotiven zur Judeafrage? Wenn'» nach ihn« ginge, wäre die ganze durch d«e Lerfaffung gewährleistet« Gleichstellung der Juden wieder in Frage gestellt. Das sind dir Früchte der Birmankschen Politik, das der — ,neue TorsuS'. Tos «f so ober nicht weiter geht, das sieht jetzt selbst Stöcker ein. (Siehe das folgende ,Berlin'.) tz^MerN», 22. Oktober. In der Tonhalle stießen gestern Übend der Vater des Aotiscmiti-mn-, Stöcker, und seine Christlich«sozialen' Anhänger mit dm ״entschiedenen" Anti« ssinten Ahlwardt'scher Richtung, heftig zusamm«. Stöcker mit gelpmmm. sich gegm einen fein« Bedeutung alauti« jwirffdia .Führer' herabsetzenden Artikel eines leipziger ^Wlisemitmorganzu verteidig«. Unter ander« gab er dabei ad,: Sätze von sich: ^iöir, tue ״christlich-Sozialen', sind allerdings keine große :i geworden, im Segentell, unsere Partei ist in letzter sozac ein wenig zurückgeganaen — aber unsere Jdmr haben l!rs«rgt in der lvnservativ« Partei, und die Regierung Mit so^ir im Großen undGonzen die Bahn«, wie wir sie ms gedacht Hallen. (Le^aster Beifall.) Ich will dm an- Hemitisch« Freund« wünschen, daß ihre Ideen bald den« haben lrrfolg haben werden — daglaube ich aber nicht. — meinen unznei felhasten parlamentarischen Erfolge« sollte «itt doch Glück Uänjchm — aber darin ist in anti« Blättern niemals die RrdeH,Wir Hab« in unserem an, ehe noch von einer antisemitische» Partei! wmn wir allerdings auch nicht so wett gegavj« W! Austreibung der Anden und die Aufhebung der JudtU-Eman__ zipatioa auf unseie Fahne zu schreiben Wer ,itfo bthaiwtet,'"! wir hätten in unseim Programm zur Jubensrage nicht Stellung * genommm, der spricht entweder au» Unwiffercheit so. oder lügt - und damuß aufhör«, wenn die Sache itu gittr» Lade nehmen soll. Wir haben un» an die konservative Partei anarschloffen. und dieser Umstand ha!: beuttekt, daß unsere christlich׳ sozialen Forderungen ja größt enteil» errenht sind. (Zwischennife: ,A» woll, Harnack!' Lärm.) Meine Herr«! Man höri: zuweilen Beschwerden über d:n sogenannten ״Radau«Antisemiti-mus" escheint. als ob auch in dieser Versammlung Anlage deflelben vorhanden seien! 3R1I einem vernünftigen Ehristenthum sei der RassenanlijemitiSmuS absolut unvereinbar. Auch gegen di« Personcu sollte sthder Au« tisemitiSmuS nicht: richte». ״Man glaubt es mir leider im Allgemeinen nicht, daß ich keine Antipathie gegen Me Person der Juden empfinde! (Heiterkeit.) E» giebt i , allen Kreisen dem Judeathum «ngehörende Person«, die in jeder Beziehung durchaus volle Anerkennung verdienen Eine politische Bewegung aber, die Erfolg haben soll, muß auch Wahrhaft tigkett genug besitz«, um Ancrkennrn»werche>t auch wirklich anzucrkrunen.^ (O, dieser Wahrheitsapostel!) Auch nicht gegen dir R e l i g i o n soll sich der Antis :mitiSm u» richten! Steht 1>och da« Alte Testament mtt unseiem Reu« Testament im misten Zusammenhang! Jesus ist je. au« de« Alt« Testament herausgewachsen, und di« Apistel >»ar« doch getaufte Juden. T)en Rodau-Antisemiten ist da-allert ing-naangenchm, und sie wollen sich zuweilen wohl mit der albe«« Behauptung hercuShelsen, Jesus sei gar kein Jui-e gewesen. Wenn man di« Jud« nicht durch da» Alt,! Tesameut.be« kämpft, sondern sie u nd das Alte Testament, so firkt der AntisemitiSmuS zur wüsten Agitation herab. Irr Talmud ständen neben manchem Schlimm« auch die schönsten Tugendsätze. Religion sei nur mit Religion zu belämpf:», und es wäre sehr bedauerlich, daß di« Antisemiten der Religion so gleichgittig gegeriüberstehen. Man solle national aber nicht chauvinistisch sein! Man dürfe die Jude» niiht Haff«.' Ich bin überzergt: Die antisemitische Beilegung muß auf konservativem Voder; bleib«, sonst geht sie tojjutl Er setze seine Hoffnung auf die deutsch« Fürste«, d!e ei«« ״Stur« der Begeisterung' wecken würden, wenn sie siine?!orderong« erfüllten.^ — Tie ״Radan-Antisemiten" wollbm von diesem antisemitischen Eiertanz nichtwissen. Kretzer verteidigte Ahl« warot und forderte, daß die Konservativen sich auf den Bode» dcs Antisemitismus stellen, nicht umgekehrt, er befürworte Boykottirung der jüdisch« Geschäfte. Sie setzte» dem armen Stöcker, der die Geister, die ex rief, nun nicht lo» wird, arg zu. bisich die ganze ״Hetz" io Wohlgefallen auflöste. (Jede»- fall« ist dajetzige Auftreten Stöcker» ur!d bit: Scheidung der verschiedenen antisemitisch« Gruppen von niäst zu unterschätzender Bedeutung; mau lentt vor den A ahlen ei», denn man mertt, daß man auf der schief«« Ebene de- Radau-Antisemiti-mubei der Demagogie culansit.) Stuttgart, 21. Ottbr. (Or^Eor.) 7)ie hefige i-raL Gemeinde und alle J-raelit« Württembe:g» I>aben eiuen schweren Verlust erlitten: Kirchmrath Dr. >1. Aisjermtus» erlag Dienstag Abmd einem Herzschlag — an demselben Tage, den 18. Ottober, an welchem er v>»r 8 Jahr« sei« 56 jährige- Di«stjubiläum gefeiert hatte. Er war am .15. Juli 1811 geboten und stand also irr 82. Lebensalter. Er war 38 Jahre Rabbiner in Mühring« 1«d ßät 12. Oktb. 1873 hier Rabbiner und theologisches Mitglied der K. J«r. Oberkirchenbehärde. Da» Leichenbegängnitz, das heute stand« fand, gab vor der hohen Achtung Zeugnis; toren sich der Verstorbene bei all« Konfession« und in 0Bm Kreisen z» erfreuen hatte. Da- Grao umstanden ,,nßer d« Rabbinmt un!) zahllosen -lanb«sgeMff« a»ch ^der Q

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