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Israelitische Wochenschrift · 1892-05-27 · 22 (27.5.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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das nach dem Willen seine» Stifter» ein Band der Liebe um alle Erdgeborenen schlingen sollte, in der Entstellrngdir cs schon früh erlitten, mehr al» irgend ein anderer Glaube suchen unheilvollen Zwiespalt ans der Welt hervor« gerufen hat. Wenn gesagt worden ist, in den Ströme« Blute», die e» vergossen, könnten die Anhänger aller andern Glaubenslehren der Welt ersäuft werden, so läßt sieleider dieser Ausspruch nicht Lügen strasta und wer den Versuch dazu machen will, dem erstirbt das Wort auf der Lippe. Denn vor stinem geängsteten Gemüthe steigen alle dir Greuel auf, welche die Bekenner de» Kreuzes in heil« losester Mißachtung der Lehre ihre» Meister» verübt haben, die ÄuSrottung des HeidenthumS durch Bernichtung ganzer Völker und Verheerung weiter Länderstriche, die Errichtung von Marterpfählen und Holzstößen, um Juden oder sog«- nannte Ketzer zu Hunderttausend«» zu verbrenaen, die Glaubenskriegc, in denen sich die Nationen zerfleischen, die Folterkrmmern und finsteren Kerker, aus denen die ,Rechtgläubigen" ander« Denkende nicht eher entkommen ließen, als bis sie mit gebrochenem Geiste ihre Ueberzeugung abgeschworen. Wir mögen uns zur Beruhigung unserer Herzen sagen, daß diese Unthaten hinter uns in der Vergangenheit liegen; aber es wäre nicht gut, zu stst hierauf vertrauen zu wollen. Noch immer — dafür sprechen viele Anzeichen — glimmt die alte Glut unter der Asche, und es bedarf nur eine» Windstoßes, um sie in Helle Flammen aufschlagen zu lasten. Noch immer trägt Verschiedenheit der Koustssionen und »er Glaubensansichten, Zwist in die Familien, verengt und rerdumpt die Religion die Seelen, die sie auSweiten und er- Hellen sollte. Hiergegen aber girbt es kein besseres Heilmittel, al» ^ie Kenntniß und nähere Betrachtung der anderen Glaubenslehren, besonder» jener des Orients, der die Wiege der hauptsächlichsten Religionen der Welt war. Wohl liegen die Triebe de» Bösen in der Tieft de» Menschenherzens, deren es zum Theil zuzuschreiben ist, daß dahimmlische Licht, wo es sich aus Erden zeigen wollte, sich verfinsterte, daß sogar die reine Offenbarung des Göttlichen, welche Ehristu» brachte, gettübt wrrde und die Lehre der Lie ie, de» Friedens und der Milde sich in ihr Gegentheil verwandelte. ,Jedoch einen großen Theil der Schuld hieran tragen Unkenntniß und Unwissenheit und sicher würde nicht so viele Feindschaft zwischen den Anhängern der rerschtedenen Religionen und Sekten obwalten, wenn die «inen nur einigermaßermahen davon unterrichtet wären, worin ira» Bekenutniß der anderen besteht. In diesem Falle müßten sie einfthen, daß in deren heiligen Büchern doch auch Grundflitz« de» Guten, der Nächstenliebe und de» Rechtthun» vorbanden seien, welche mit denen in ihren eigenen übeninstimmten und dieft Einsicht würde auch mllden Empfindung« Eingang in ihre Herzen verschaffen. Sie würden erkennen, »»« die Dogmen seien verschieden/ daß aber der Eine dichsm, der Andere jenem Dogma anhänge. sei nicht etwa Verstocktheit »der selbstgewolltt Verblendung, sondern rühre daher, daß einJÄer dir Lehren für wahr heilt«, di« « mit der Muttermilch eingesogen und von denen ihm schon in der Kindheit ringeprägt worden, da» Seelenheil hänge rw» ihnen ab. Wer dies nun «inmal erkannt, kann uumöglich noch den Andersgläubigen hassen, und e» muß . 1^' frיי ־■ ״ v׳, י• ־. -> — sich überdies, woftru er nicht ganz verblendet ist, -der Gedanke in ihm rege«, <» sei beklage« «erth. daß. eine solche Verschiedenheit oft unfaßlicher Dogmen die Mensche» von einander trennen, «ästend die weistn, n ihren heiligen Büchern enthaltenen Sruadsiitz« sie in Eintracht mit einander verbinden könnten. Es wütde ihn ferner, wenn sie nicht absichttich eine Binde um ihre Auge« legen, eialeuchtrn, wie widersinnig und verderblich die Lest« sei: man müsst die Vernunft unter di« Herrschaft de» Glaubens gefangen gebe». Denn wenn einmal «in Glaube, toelcher möglicher Weffe kein« Prüfung auShtlt, blindlings a :genommen werden soll, so haken die Bekrnrer eines jeden!Dogma'» da» Recht, da» nämliche für den ihren zn verlangeii, und so ist, da dann gewöhnlich noch die Einbildung hinzutritt, , von der Annahme solcher Wahnvorstellungen sei die ewige Eiligkeit abhängig, von vorn herein die VerfolgungSsuckt und der Krieg Aller gegen Alle organisiri." — Wahrlich beherzigen-werthe Wort«! tti»e Se-htr«»M>h»»»>. Den 31. März 1492 erschien dis Edikt Ferdinanddet Katholischen, nach dem die Juden Spanien» oa» Land ihrer Geburt, ihrer Borfcchre». ihrer Erisnerungen, daschöne Land, an dem sie nut allen Fasern ihre» ׳Herzens hingen, da» schöne heittre Spanien innerhalb 4 Monate verlassen mußttn. Diese denkwürdige Zeit gnvinnt heute nach 400 Jahren umsomehr au Bedeutung als nicht nur datraurige Geschick der Juden in Rußl ant zu einer Parallel her- . auSfordett — die ja leider zu Ilngvnsten der letzte«» ausfallen würden, da die russischen Verfolgungen au Hätte und Grausamkeft die spanischen bei Weiem übertreffen — soader« auch un» Jude» in Deutschland» wenn wir un« nicht täuschen wollen, dank der erfolgreirstn Agstationen unserer äußerst zahlreichen tzstaner, Gefahren drohen, de«n Berlauf sich nicht vorau-sehe» läßt. Leider Ijabe» auch di« inner» Berhältniffe de« deutschen Judenhrit sthr viele Aehnlichkeit mit denen der spanischen Juden vor ih«r Bertreibung. Dr. «. Löwentbal in seiner Brochü« ,VorderBettrecbung" schildert dieselbe in einer Weise, daß wir in dem Bilde ganz unsere indifferenten inodernm Inder wiederfinden. ,Mt dem ruhelosen St«ben nach Gewinn und dem gleichzeitig um sich greifenden Hang nach äußerem, prahle» rischem Schein war eine gewiss« Entsittlichung unttr den Juden in Spanien ringerissea, in welcher viele den Grund für da» Verhängnis sahen, welche» über ihn« Häuptern Hereinbrechen soll«. Israel gedachte nicht mehr seine» Herrn, bau« sich Paläste, hielt sich konstbcr» Wagen und kleidete sich in prachtvolle Eewänder. Die Frauen trugen sich wie Fürstinnen und konnten ihr Geschrreide nicht genug zur Schau skllen. Die Jugend ftöhntt dem Müßiggänge, der Spottlust und der sHerrschsucht. Jexr jagte nach Ämtern, der eine gönnte dem andern weder istrot noch Eh«. Statt der Eintracht gewnhtte man nickt» al» unauslöschliche Zänkereien; statt eine» sittlichen Eiser», glühend für die Sh« der Religion und die Wohlfahrt der Zerstreuten und Gedrückten, die nackt«! Selbstsucht, die, um sich zu bereichern, den Bttrug und die Entweihung de» göttlichen Namen» nicht scheu«. ״Umgeben von dem bittersten Leide halten sie Zechgeläge, machen Musik, sttllen sich wie Nichtjuden, um einen g minutenlangen Somienblick zu erhaschen. Schaut man sich in einem Gotteshaus: um, in welch«» «in Rabbiner predigh so findet man di« reichen Leute shlastu» di« Mittelleute schwatzen, die Knaben auf de« Hos! lärmen. Sie!bereuen am Sonntag, wa» sie am Gabbach gelobt habe«, und laffeu

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