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Israelitische Wochenschrift · 1892-05-13 · 20 (13.5.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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166 — ixputatioit nur zwei Juden (ein Stadtrat und ein Burgerdeputirterl befinden, unk» daß ein drittes Mitglied Dissident ist, alle übrigen 29 aber einem der beiden christlicken Bekenntnissc argehönn. Ter Ausschuß schlägt selbstverständlich vor, über die frivole Eingabe zur Tagesordnung überzugehen. Stettin.!Or.-Corr. > Es ist erfreulich, daß dikjrr,igen chiistlichen Gcisilichen, die nicht zu den verfolgungssüchtigen Predigern a la Stöcker und zu den wuthschnaubmden zireu,׳,;ctt»11csritteln gehören, öffentlich Protest gegen die Verhetzung und Verletzung Andersgläubiger einlegen. so Iwt unlängs! der hiesige Paslor Dr Konrad Scipio in einem zu Liegnitz gehaltenen, in Druck erschienenen Vortrage über .,Fanatismus, das Zerrbild der Religion" (Bremen, Verlag von Max Rößler» die Antisemiten mit folgenden Worten abgcfertigt: .Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt! wenn man im Mittelalter Juden räderte ivegen angeblicher Ritualmordc an Christenkindern, so ist dacschlimm: wenn aber das kultivirtc Christenthum der eiver Jahre des IS. Jahrhunderts in Ungarn dieselben albernen Anklagen erhebt, wenn dieser Tage officielles derlincr Chrlstenthum in seinem germano-christlichen Fanatismus soweit geht, zu sagen, ein christlichen Gauner sei einem jüdischen gegenüber immer nur ein Gauner zweiter Classe, so ist das schlimmer." An diese Ausführung fügt der Herr Pastor die Anmerkung: .Als Verfasser obiger Worte über die 80er Jahre dieses Jahrhunderts und über ungarische Vorkommnisse schrieb, da e,tappte er sich über dem Gefühle eines kleinen pharisäischen stolzes bezüglich der!»Oer Jahre dieses Jahrhunderts und bezüglich seines deutschen Vaterlandes. Tank dem Abgeordneten Stöcker und der Kreuzzeirung ist ihn, inzwischen jener Pharisäismus gründlich ausgetrieben durch deren Behandlung des Lantener Mordsallcs." — Der Verfasser steht auf positiv christlichem Stand- Punkt, er erhebt sich nicht als Vertheidiger des Judenthums, sondern als Kämpfer gegen Jesuitismus und ObseurantismuS, die mächtig daran arbeiten,das deutscheBolk religionsloszu machen. Kr«»S«rg, 8. Mai. Wie die vernünftigen mtt anständigen Mitglieder der konservativen Partei über die .Judensrage" denken, zeigt folgende Auslassung des hiesigen gut konservativen .Tageblatts": ,Die Ausnahme der angeblichen .Judenfrage" in das konservative Programm würde, weil sie den antisemitischen Klassen-, Rassenuod Religionsfriedensstörern einen gewissen Anschein von Berechtigung für ihre Hetzereien barteten würde, dem gesammten Geist unserer aus endliche Herstellung des socialen Friedens hinarbeitenden Politik schnurstracks zuwiderlaufen. Gegen die Juden Ausnahmegesetze schaffen wollen, welche sie von gewissen Rechten und Aemteru ausschließen, widerspricht der modernen Kultur, Gesittung und Rechtsauffassung. Die Juden haben dieselben Pflichten wie wir. Folglich müsseuAihnen auch die gleichen Rechte gewährleistet werden. Uebrigens ist den Conservativen erst letzthin bezüglich der Judenftage seitens der »Norddeutschen Allgemeinen Zeüung" ein handgreiflicher officiöser Wink mit dem Zaunpsahl gegeben worden. Es wurde chnen deutlich genug gesagt, daß mau in leitenden Kreisen der motximen Civilisation Rechnung trägt, also vom Antisemitismus oder der sogenannten Judenftage grundsätzlich nichts wiffen will." Trotzdem soll to christl.-sociale Flügel dieser Partei, deren Heißsporne die Stöcker, Wackerbarth, Rauchhaupt und von der Lasa sind, sich für die Aufnahme der ,Judenfrage" in's revidirte Programm energisch ausgesprochen habm. Aessa», S. Mai. Seit einiger Zeit wird hier der Versuch antisemitischer Versammlungen gemacht, zu denen man Redner aus Berlin holt. Wer Ässau kennt, weiß ganz gut, daß für religiöse Unduldsamkeit Hierselbst kein Bodeu ist, und mutz sich wundern, wie grade jetzt derartige Experimente gemacht werde» können. Ohne die Richttgkeit der Behauptung untersuchen zu wollen, daß Angestellte einer bekannten hiesigen Firma die Veranstalter seien, müssen wir doch constatiren, daß, von vielen Neugierige», von Soeialdemokraten uud 1 von den angegriffenen Israeliten selbst abgesehen, die Be-! theiligung eben aus die müchmaßliihen Unternehmer sich bej schränst und eine Antisemiten-Partei liier nicht besteht. In 1 der ersten Versammlung war Reclcr Ahlwardt aus Berlin ausgetreten: in der letzten, vor rxnigen Tagen gehaltenen, wollte der bekannte Dr. Förster aus Friedenau bei Berlin sprechen, kam aber nicht zum Wirt Als er nach unendlichem Lärm von der. kürzlich geschehenen Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals ausgehen wollte und sagte, daß dieses seines Ursprung« wegen, trotz der Verehrung, Die er für den großen Kaiser hege, nicht nach seinem Sinne sei, löste der Polizeicommissar die Versammlung auf. Es wird rathsam sein, Fortsetzungen zu unterlassen. Man kennt in Dessau weder Pbiloscm'tismuS nach Antisemitismus, hält eine Handlung weder deswegen, »veil sie von einem Juden, noch deswegen, weil von einem Christen'geschehen, für gut oder schlecht, man betrachtet sich den einzelnen Juden und den einzelnen Christen und weiß ebenso!>ei Christen wie bei Juden zwischen vornehm denleuden und handelnden Personen einerseits und eitel», aufgeblasenen uns gelvgierlgen anderseits wohl zu unterscheiden. Der Ruf sftpp! Hepp! aber — das mögen die Berliner Herren und ihre wenigen hiesigen Freunde ein für alle Mal sich gesagt sein lassen — wird in der Stadt des Vater Franz keinen Wi:derhall finden. (M. Z-- Areska», 9. Mai. (Or.-Con.) Am jüngsten Sabbath Nachmittag 6 Uhr hat der frühere Kantor und gegenwättige Opernsänger am hiesigen Stadttheater, Herr Cerini, einen Probevortrag als Borbeter in der großen Synagoge gehalten. Der Tempel war, trotzdem eine öffentliche Anzeige nicht beliebt war, in allen seinen Räum:n gefüllt. Herr Cerini hat eine vorzüglicke Tenorstimme, die schon viele Gemeindemitzlieder im Theater und bei privaten Gelegenheiten entzück: hat, kein Munter, daß er vollen Beifall fand und sein Engagement allgemein beftiedigen würde. Die große Gemeinde ist durch den allseits so geschätzten Ober-Kantor Deuffch s. A. sehr i , gesanglicher Beziehung verwöhnt, und ein Ersatz für diesen schien daher nicht so leicht; gelingt es, Herrn Cerini für unsere Gemeinde zu gewinnen, dann glauben wir in ihm den würdigen Nachfolger Deutschs gesunder zu haben. Hartrruße, 6. Mai. (Or. Corr.) Ehrentage, die Volk und Fürsten zugleich geehrt, die wieder einmal auch durch alle Trübungen t«s politischen Lebens hindurch von dem wahren und nicht blos auf dem iSapiere stehenden paritätischen Verhältniß Zeugniß abgelegt, wie es Gottlob hier, in Baden, trotz vereinzelten Anstürmen dagegen, zwischen den verschiedenen Consessionen bestiht, das waren die Festtage der abgelausenen Woche, aus Anlaß des 4Üjährigen Regierungsjubiläums unsereerlauchten Großherzog« Friedrich. Durfte es doch, auf dem zn Ehren dieses Ereigniffes von der Stadt Karlsruhe gegebenen Bankett sein erster Bürgermeister öffentlich hervorheb:», daß der Fürst des Landes, wie er so hervorragenden Antheil an der Einigung der deutschen Stäiame gehabt, auch im Innern auf Festigung der Eintracht alle!׳ Volkselemente des neuen deutschen Reiches halte, jede Bewegung verdamme, die auf Störung des konfessionellen Friedens hinauslaufe und dürft zuversichtlich gehofft werden, daß die großherzliche Regierung den Feind dieses Friedens, wo immer er sich zeige, nieder» werfen werde mit allen ihr zu tziebote stehenden M'tteln, wahrhaft erhebend: Worte, die mit stürmischem Beifall von der Festversammlung ausgenommen wurden. Nur nebenher sei als paritätisch»: Zug von den Regierungsaktrn der Festtage, mte in diesen Blättern bereits gemeldet, erwähnt, daß unter den mtt Orten und sonstigen Auszeichnungen bedachten Beamten des Laodes auch diesmal, außer dem bereits, in vor. Nr. genannten Stadt- und Conftrenz-Rabbiner von Mannheim, Herrn Dr. Steckelmacher, noch mehrere Juden

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