Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492344-5935084-5959782--1016-5374958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
btefc Wüsheit mehr fühlte als begriff, vorwitzig genug, den Lehrer dar«« zu erinnern, daß er ja gar «ich« Böses gethan habe, so erhielt er wohl zur Antwort: »Hast Du nichts ge- 1ha», so wirst D» thun.* Dies PrSnirmerando-Verfahren konnte nicht widerlegt werden. Aber auch in anderen Strafe« zeigte sich der erfinderische Geist des Echulghetto'S. Bekanntlich war dazumal Lehrstube, Küche und Wohnstube nicht so streng getrennt, als e» die Pedanterie der Neuzeit unter uns fordert. Was war natürltcher, al» daß der Lehrer auch die Utensilien der Küche bcnutzte um zu — erziehen. Nun prangten al* Zierrath der Küche die stattlichen kupfernen Pfannen, die im mageren HawShalt de» Lehrer» nur selten gebraucht wurden. Da lag rS denn so nahe, die Pfannen zu pädagogischen Zwecken zu benutzen und sie als Kronen der Trägheit für einige Stunden den Kindern auf'S Haupt zu setzen, die nicht die volle Zufriedenheit des Lehrer» sich erworben hatten; solche und noch schlimmere Scherze gestattete die Pädagogik deS Ghetto. Die Früchte waren indeß keineswegs so schlecht al» nach solchen Ausartungen anzunehmen wäre; die Rohheit kam nicht au» dem Temperament, aus der Lust zur Grausamkeit, au» dem Hange zur Bequemlichkeit, daß, weil der Lehrer sich kein« Mühe geben will, er durch bösen Zwang den Schüler za erhöhten Anstrengungen spornt und dieser durch erhöhten Eifer das gut machen muß, woS die Trägheit des Lehrers versäumt: diese Momente, die heut zu Tage die Strenge manches Lehrers oft nur zu gut erklären, waren für gewöhnlich nicht vorhanden; nein, Eltern und Lehrer hielten dies Vafahrrn für ganz in der Ordnung, für ausgezeichnet geeignet sozusagen den Kopf zu öffnen; aber lvaS der Wahnsinn der Erziehung verschuldete, wurde reichich ausgewogen durch den ehrlichen Willen des Lehrer»; der Schüler fühlte «S trotz Rauheit und Roheit doch heraus, daß er dem Lehrer nicht gleichgültig sei, daß e» diesem als die schwerste, religiöse Versündigung galt/ lästig zu sein im heiligen Amte; man glaubte an dir allein klug machende Kraft des Stockes. Bekaoutlich aber ist der Eifer des Lehrers die beste Methode und kann alle Schwäche», die sonst der Methode de» Lehrer» anhaften, auSglcichen. Gü dem an 11, der vielverdientc Rabbiner der Wiener Gemeinde, der unter allen Schülern Graetz' dem Meister durch friar Leistungen der Nächste ist und der daS Werk des Meisters mannigfach ergänzt hat, hat neuerding« eine ganze Mihe von alten Dokumenten, die sich auf den Unterricht der Juden in Deutschland und Polen beziehen, au» der Brrborgrnheit an'S Tageslicht gezogen und der stattliche Band*) bietet für die Art und Unart des altjüdischen Unterrichts manche Ausbeute. (Schluß folgt.) Gerichte m»d C»reefp»nde«se«. De«tschl«»d. ZKaßdetnrß. Die »Kölnisch« Bolkszeitung" vom 8. März c. enthält einen Artikel unter der Ueberschrift »Was inan an der »Kölnischen VolkSzeitungauszusetzen hat" u. A. folgende di« Unparteilichkeit derselben bezeugende Stelle, von bet wir ger•״. Act nehmen- »Wie wir über den Antisemitismus denken, haben ryir noch kürzlich (in No. 92) an leitender Stelle anläßlich verschiedener Zuschriften auSeinandergesetzt. Dabei bleiben wir. ,Hier nur einige Pröbchen, welche Dinge man sich zusammen- «chttt. um unsere angrblicke Iudenfreundlichkeit, d. h. unfern festen Entschluß, bei der antisemitischen Racenhetze 1*141 mitzuspielen, zu erklären. ״Da siebt man, was das ^Geld thut.' Den unbekannten Nrhei>er dieser Aenßerung — , ' Quellenschriften zur tSrschichte des Unterrichts und der Er ziehunr bei den d«ut,cl>en Jude». Bon Tr. M Güte wann. - Bei. 'A- Hofiviami, Berlin lBfl. sie ist uns von glaubwürdiger Seite mitgetheilt worden — möchten wir auf diesem Weg,: daran erinnern, daß leichtstückige Verdächtigungen darum nicht weniger verwerflich sind, wenn man sie gegen eine Zeiting richtet. Genau dasselbe gilt für einen Arttkel der (antisemitischen) »Neuen Deutschen Zeitung* (Leipzig) vom 25. Februar d, I, in dem rS heißt: »Daß die biedere katholische Volks- Zeitung sich rühmt, in der Juxnftage eine gerechte Politik* ju treiben, braucht Eine» nicht zu wundern: Leut« oder Blätter, die zu feige sind, nm allen Rücksichten, sagen wir: auch denjenigen auf die jüdisthen Geldschränke, z. B. der Firma Simon Oppenheim in Köln, die vor 50 Jahren schon ein Mal die fallit geworiiene Firma Bachem hat retten helfen, zu trotzen, sind stetei-rig beflissen, ihre Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu vcrsich:r11." DaS ist offenbar eine Anspielung auf einen verstoibenen Ehrenmann, Lambert Franz Joseph Bachem, den Bat«r des gegenwärtigen Verlegers, der im Jahre 1840 einen Cc-ncnrS mit 75 pCt. abschloß, aber durch Urtheil de» Rheinischen Appellation»-Gerichtshofs zu Köln vom (. November 1853 in aller Form rehabilitirt wurde. Ob da» Blatt, ras sich in demselben Artikel über den »bösartigen Philosemiten Windtborst* ereifert, au» vorstehcr.der Darstellung des Sachverhalts Anlaß nimmt, zu errölhen, müssen wir seineni Schamgefühl überlassen. Zur Erheiterung nach dieser häßlichen Geschichte eine recht lustige. Bor einigen Tagen hat ein antisemitischer Bekannter unseres Hauvtrrdacteurs die scharfsinnige Vermuthnna geäußert, daß vielleicht »auch in seinen Adern hebräisches Blut rollt.* Nun hat unser Hauptredactenr allerding» schwarze Haare, lva» ia sehr verRichtig ist, aber auch einen Hristlich-germaniscben Stammbaum von väterlicher wie mütterlicher Seite, um den ihn mancher eingefleischte Antisemit beneiden würde. Men ivird sich entschließen müssen, für unsere Haltung in der Iudenfragc sachliche Gründe anzunehmen. Wenn nicht, so ist'S auch gut; wir werden un» dadurch nicht abhalten lasse», einerseits «form-jüdischen(?) Frechheiten und semitischem(?) Wucher, anderseits antisemitischer Racenhetze und Aufforderung zum BerfassungSbruch wie bis her entgegenzutretea.* (Man kann ja mit dem Standpunkte der ״Köln. Bolkszeit.* iin Ganzen zufrieden sein; uns fiel nur im Schlußsätze bei den von nn» mit Fragezeichen versehenen Worten die Frage du, ob denn die betr. Red. dem nicht semitischen Wucher und etwaigen arischen Frechheilen nicht auch rntgrgentreten wolle?) Uemn. 13. März. (Org-Eorr.) ״Bei den Inden war Licht!*. Dieses alte Megilla-Wort wäre hier bald zu Schanden geworden; ein Theil der Berliner Gemeinde hätte beinahe dir Megille ״ohne Licht" gehört uns daS kam so: Die Synagoge in der Kaiserstraße ist bekanntlich baufällig und feuergefährlich, und durch die Intervention der Bau Polizei seit einigen Monaten geschlossen worden, um rin neues Dach und NothauSgänge zu erhalten. Die Baupolizei hat, »um Schaden der Beiliner Gemeinde, zu wenig verlangt. Die Reparaturen hätten nach allgemeinem Urtheile dahin ausgedehnt werden müssen, daß die vier Wände und die Bedachcmg niedergerissfn würden, die innere Einrichtung hätte dann «׳neuert werden können. Bit jetzt sind 42000 Mark für Reparaturen verbraucht norden und wenn die Arbeit vollendet ist, haben wir «ine seflickte Synagoge. Das alles wurde in Ken verschiedene» Bersiimmlungen eingehend diskutirt und leblwft Klage geführt, da) die PlätzeJnhaber, die für ein ganze» Jahr bezahlt, den ganzen Winter vom GotteSdienst ausgeschlossen find. Die alte Synagoge ist stets über füllt uns der Gottesdienst in den beiden neuen Synagoge« ist nicht nach jedermanns Geschmack. Der Vorstand ist gegen die bekannter. Agitationen nicht mehr so taub wie früher und kommt berechtigten Wünschen in der That entgegen. Wem! er diese» Mal einen Mißgriff gemacht, so ist e» nicht ganz seine Schuld. ES wurde für vier Salldathe und für Purim der Festsaal im Königstüdtischcn Easinv für 400 Mk. gemielhck.