Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Per jlQfwarfct. Rach viertägiger B«rha«dlm,g endete der BerkumdeugS- Prozeß gegen den berüchtigten Rrrtor Ahiwardt mit der Berurthe««« t«» Angeklagten zu 4 Monaten Gesängaiß und Unauchbarmachurig der inmminirten Stellen seines Schantbuche». Der Staatsanwalt hatte ein Jahr Gefängniz beantragt und diese Stiase in einer Rede begründet, die sür de 1 Angeklagten schwerer wiegt, als «in Jahr Gesäaguiß. sie i't ein« lebenslängliche sittliche Verurtheilung, der Angc» klagte ist zeitlebens als .gewerbsmäßiger Verleumder un» Ehrabschneider" gebrandinarkt. Und mit chm ist zugleich der Antisemitismus verurtheilt. .Wenn die Antisemiten' — schreibt mit Recht die Bei» liner .BolkSzeit.' — .acht zumeist gänzlich abgebrüht wären gegen Alles, was gtOilbiten und gesitteten Menschen ekelhaft >st, wenn sie sich nicht im Punkte d«S politischen Auslandes über die clrmeitarstcn Forderungen dickfellig hinlvegsrtztcn. und wenn sie endlich sich im Laufe der Zeit nicht daran g» wöhnt hätten, ihre anerkanntesten Maulhelden Jabr aus Jahr ein mit i>en verächtlichsten Mitteln der Lüge uno Be:» leumdung die Dummen bearbeiten zu sehen, die nicht ale werden, so würden sie ncch dem Plaidoyerdeü Staatsanwalts von Rheinbaben im Prozeß Ahlwardt au» Scham und Schant« krrbsroth werden müsien Er, Ahlwardt, der vergötterte Held, der gefeierte Heilige, den fanatische .deutsche Männer' zujohlten, toenn er in Bolksversammlungea das Gift der Derleumdung ansspritzte, wenn er die schlechtesten Instinkte d:r Masse in rasnnirtester Weise ausstachelte gegen Person«» und Behörden, er, der ,große Mann' eine Nr. 1 in d:r n ederträihtizen, unser Land mit Schimvf und Schmach bedeckenden antisemitischen .Bewegung', hat nach dem Urtheil de* StaatSanwaltS in leichtsinniger, frivoler, gewissenloser Weise den dümmsten Kätsch und Tratsch zu ehrenrührigen Beschuldigungen .vcrarl«itet', ,um den Lesern einen Kitzel darzubicten', also aus gemeiner Scandalsucht, und um .1nanzielle Vorteile' dabei herauszuschlagcn, also aus erbärm» licher Gewinnsucht, hat er seine Brochüre in die Welt gesetzt, jene* wüste und gemeir gefährliche Machwerk, von dem der Staatsanwalt sagt, eS falle unter das Kapitel der .gewcrbsmäßigen Ehrabschueiderei". Aber der Rektor Ahlwardt ist nicht der einzige Schul» di«, der durch das über ihn ausgesprochene Urtheil der öffentlichen Verachtung preisgcgrben worden ist. Ter Bcmrrtheilte ist nur ein Typus für eine ganze Klasse von Hetzern» dir sich vielleicht glatter durchzuwmden wiflen duich die für derartige Demagogen berechneten Bestimmungen t«s Strafgesetzbuches, deren gehässige Redereien und Schreibereien aber in ihrer Wirkung aus die belogene und betrogene Masse hinter dem erhabenen Vorbilde nicht zurückbleiben. Tebrandmarkt, so gut wie der antisemitisch« Volksv.1» sasnlungS-Apostel und Brochürenschrciber, ist durch die B:r» urtheilnng AhlwardtS auch die antisemitisch.׳ Presse, die deranige Individuen unter ihre Fittiche nimmt, sie be- »eibräuchert und als Helden preist uns den von diesen Vir׳ rnosen der Verleumdung aufgchäustcn Unrat in ihren Spalten mit Behagen breit tritt.' Auch noch nach e׳.ner andern Seite hin ist dieser Prozeß, von Bedeutung. ES ist vor aller Welt klar gelegt worden, Iiaß Antisemiten durchaus nicht zu Lehrern und Jugendbildnni langen, daß man ihn:n die Erziehung unserer Sinder uich^ auvrrtrouen kann. Es entspricht den allereinfachsten Gest;er! der Logik, wenn man von einem Manue, der einen MenskM lediglich um seiner Abstammung willen für vogelfrei erklärt, nicht erwartet, daß er in den Herzen der Jugend die Keim,: der Nächstenliebe hegcn und pflegen werde, die sogar rach der spezifisch ,christlichen' Slttenlehre doS vornehmste sittlichc Gebot ist. Daß solche Subjekte, die unter Umständen ״aus Prinzip" und im Interesse der ״großen heiligen Sach: Lco arischen iSerzweislungskampseS« circn jüdischen Mitschtllec den gemeinsten Ehicanen seiner Lameraden schutzlos preisgebe« würden, weil der Jude nichts Besseres verdiene, nicht f als Lehrer in die Schukftvbe gehöre«, «darf keines Stattfe Traurig ist es, daß die Peftbeifle de- A»tise»itis»«s fkch - an unserem staatlichen Körper zu widerwärtigste» Umfien« ■ entwickeln konnte; aber ein Verbrechen wäre «S, de« »Btt» ן semitischen Fanatismus nicht die Schulzimmer mit aller Sorgfalt zu verschließen. ,ל In Summa: Die antisemitischen Hetzer in Wort und Schrift, sie sind wieder einmal vor ganz Deutschland vffent» lich aufgerufen zur Scham. Leider aber ist da» eia Artikel, von dem sie keinen Gebrauch machen könne«. Immerhin ־«*•- das Brandmal der Schande glüht auf ihrer Stirn. Sie sind gezeichnet".' A-ker die Nrs«ße« u»d Kotze» der Jude«. Ausw .'isauge» i« A«ßsard In der deutsch,« Presse ist das roh« und unvernünftige Vorgehen dcr russischen Regierung gegen die israelirische Bevölkerung de» Land?- hinreichend charakterisirt und verdientermaßen gebrandmarkt worden. Vielfach aber ist bei uns die Meinung verbreitet, daß die Verfolgung und Austreibung der russischen Juden nicht allein von der Regie» rung auSarhe, sondern daß diese dabei einem gewissen Druck dcr öffentlichen Meinung in Rußland folge, oder doch min» bestens mit ihren Maßnahmen den Ansichten und Wünsche« der großen Masie de- Volkes entspreche. Die Antiserriteu in Deutschland haben natürlich ein besondere» Jnb.'resse daran, dieser Meinung Vorschub zu leisten. Daß dieselbe aber vollkommen irrig ist, zeigt eine beachtenSwerthe fitine Schrift, welche unter dem Titel: .Ei» Rusie über da» heutige Rußland', vor einigen Monaten (im Berlage von Albert Boß in Bcrlin) erschienen ist. Der Verfasser dieses speeiell für da» deutschc Publikum bestimmten Buches kennt die Verhältnisse iu seinem Vaterland« offenbar sehr genau und hat sich ein verständiges, objektive» Urtheil über dieselbe» gebildet. Ec spricht di: zuversichtliche Ueberzcugung au», daß der Zar die für ihn und seine Dynastie gefahrvroheude Gährung im Volke ablenken zu können glaubt, indem er die Erregung de» RrligionshaffeS al» Blitzableiter benutzt. .Man ist aber in, Jrrchnm', so sagt der Verfasser der Schrift ״wenn man meint, daß es dem Alleinherrscher in Rußland gelungen sei, dcr Judeahetze auch nur den geringsten Schem von Popularität zu geben, die unzufriedenen Siemen« i» Lande auch nur vorübergehend damit zu beschäftigen.' Das Volk in Rußland, wenn e« auch keine bescmdere Zuneigung für fremde Elemente hegt, ist dixh weit entfernt, aus eigenem Antriebe durch thatsächlicheS Eingreifen in die des Volkes begründet. Wenn die Verfolgung der Anders» H gläubigen in Rußland, besonder» der Israeliten, eine albe* .י meine Ausdehnung gewonnen hat und vollständig orgrnistrl r-, worden ist, so hat dies in ganz hervorragendem Maße seinen Grund in der bekannten Eorruption de» russische» Beamtenthums, dessen Angehörige aus diesen Maßnahme» für sich Nutzen zu ziehen verstehen. Als die berühmte Commission sür die Judensrage ihre ins Unendliche glzogme v; Thätigkeit begann, war es i« unterrichtete«. SrechA ei»A offene- Geheimuiß, daß ein« sehr hochgestellte und eiufluh-« reiche Persönlichkeit diese Gelegenheu wahraenommen hatte, 1׳ um sich einige Millionen zu sichern. Da diesem Ehrermaune 'V die betreffende Summe natürlich nur für den Fall eines günstige« Ausganges der Beratungen zugesichert war, s»^ hatte er e» vorgezogeu, sich wenigsteneinen Thril de» ft Geld«» al» Abschlagszchluug auf all« Fälle vorher zahle« " zu lassen. Daß auch nochAndere so praktisch gewest» wird stark vermuthet. Für die Polizeibeamten ut