Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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losigkeit ernnes,; 5geht>'Stöckrr natürlich mit SchweigerW>in- »eg. Sein zarte» Gefühl vermag gar nicht den Gedanken fassen, daß «in Anderer auch nur unter der verläiimischen Beschuldigung des Meineides gestanden! Aber auch in der zweiten Affaire, welche Stöcker dazu benützen möchte, dem preußischen Richterstand den diffainirenden Stempel der Parteilichkeit und Ungerechtigkeit aufzuprciqen, handelt cs sich um einen angeblichen Meineid. Ein Meineid, darin ist Herr Stöcker kompetenter Beuctheiler! Vorausgesetzt natürlich, daß ihn ein Jude geschworen hat, sonst lobnt cS sich ja gar nicht von einer solchen Kleinigkeit Ju sprechen Herr o. Bleichröder, der Freund Bisirarcks, oll einen Meineid geschworen haben und der ganze preußische Richtcrstand samrrt dem Justizminister, werden von tat Antisemiten als Coinplicen dieses Verbrechens denuncirt. da sie es — ungeahndet lassen. Die Vorgeschichte dieser Bleichröder-Affaire ist zur Beurtheilung des Falles ganz belanglos. aber charakteristisch ist es jedenfalls, daß die antiseinitische Meute als Bunde sgencssin einer Erpresserbande austritt, die, von tveiblichen Händen geleitet, in Herrn v. Bleichröxr lange Jaltre ein schätzbares Ausbeutungsobject gesunden. Der Gewährsmann Stöckers, tvelcher die Fructificirunz xr Bleichröder-Affaire bislang in Broschüren und Versamm lungen betrieb, ist der famose Rector Ahlwa rdt, der heute wegenmehrsacherAnklagenvor demStraftichtersteht. DerManu ist eine Zpccialitüt. Es ist ihm gelungen, sich das Re nommee eines Individuums von solch' moralischer Niedrigkeit zu erwerben, daß — so unfaßbar dies auch scheiren mag — fast alle Antisemitenführer Deutschlands ihn selbst der Ehre ihres Umganges für unwerth erachten. Das ist dasselbe Subjekt, welches in einer schwacheit Stunde aufrichtig bekannte, er verüble den Juden nur Eines, daß sie ihn, der für eine bescheidene Entschädigung zu allein zu haben wäre, nicht der antisemitische» Sache abwendig mcichen wollen Das ist der Gewährsmann Stöckers, sein Bunds- Jenosse in der schändlichen Denunciation des preußischen lichtcrstandes! Damit aber l»at Herr Stöcker noch nicht den Gipfel- Punkt erreicht. Die nichtswürdigste, schamloseste Verdächtigung der preußischen Justizpflege gründet er auf den an-?ebiichen ״rituellen Mord" in Xanten. Das Terrain war in trefflich vorbcrciier. Die antisemitischen Schandblatter Deutschlands, allen voran die .Kreuzzeitung", hatten Tag! für Tag die aufreizendsten, gehässigsten Artikel gegen lie! Juden veröffentlicht, die sammt und sonders als Mitschuldige - an dem .rituellen Morde" verdammt werden, ber in Xanten verübt worden. Des alte, aus der Paarung von Wah nsiv n und Bosheit gezcugte Blutmärchen — welches zuerst von den fanatisirten Römern gegen die Christen ausgeljeckt worden — feiert in unserer angeblich aufgeklärten .Zeit wieder feine Austrstehung und die verhörte, fanalisirte Mcnge glaubt heute noch, ivie im Jahrhundert der .Hexenprozesse, oaS Aberwitzigste und Tollste, wenn es ihr von gewissenlosen Lügenpropheten mundgerecht gemacht wird. Was weiß die unwissende, urtheilslase Menge davon, daß sie besten Männer der Wissenschaft, wie auch die Fürsten der Kirche, de» ״rituellen Mord" als infame Lüge gebrandmarkt; sie hört und liest ja nur jene offenen und versteckten, gifterfülltcn Anspielungen, welch«- das alte Märchen immer wieder eci wecken. Die ״Kreur^eitung" und die ihr gesinnungsixc-! wandten Organe wiederholen es Tag für Tag ungeschwt, die Juden brauchen Blut zu ihren Osterfesttagcn und Heir Stöcker mißbraucht d e Parlamentstribüne, uni gegen deutscln Richter den Vorwurs zu schleudern, sie seien die Beschützer jüdischer Mörder. Es mag ׳Wahnsinn sein, die Behörden und du Richter zu Mitschuldigen Ser Juden zu macken, wenn sie in dem angcklagten Juden keinen Verbrecher e> blicken können, aber «-S liegt eine furchtbare Methode darin, konsequent an^ der Unti-rgrabung des Rechisgcsühles, Mt Rechtssicherheit des Volkes -»^arbeiten. Stöcker und Lausotten wissen es ganz gut, daß es keine beffere Gewähr für da- Gedeihen de» Antisemitismus geben kann, als wenn v: den Glauben des Volke» an die Gerechtigkeit an die 2111• Parteilichkeit der Justiz erschüttert. Mit diabolischer Derlogenheit versucht man daher die einfachsten Vorgänge in ein mysteriöses Dunkel zu hüllen und jeden Act der ßt wisscnhaftesten Gerechtigkeit als eine parteiliche Borriagenommenheit Hinz,,stellen. Stöckers Rede gipfelt in de» Behauptung, die Juden seien die Mörder des cirmrn Kindes, dessen Leiche in Xanten gefunden wurde, gleichwie sie die Henker gewesen, welche die Opfer von TiSza-lkßlar und in Corsa geschlachtet, aber —Untersuchungsrichter u. Staatsanwälte seien von den Juden gewiffermaßen bestocken und gekauft gewesen. Nebenbei verwahrt sich Stöcker gleißnerisch gegen die Annahme, er glaube an den ״rituellen Mord". Ei» Glück für die Juden übrigens, daß Stöcker sich nicht bereit erklärte, auch einen Eid dafür abzulegen, daß es keinen rituellen Mord gebe; ein solcher Eid hätte ihnen wirklich gefährlich werden können. Kt« Mart r«r AerKändig««!;. In den jüdischen Blättern ist jüngst ein heftiger Streit ausgebrochen, der sich um die Frage dreht: Sollen die Inden aller Länder der Erde sich zu einer aussch'.ießlich-nationa len Gemeinschaft bekennen oder sollen sie unter Wahrung de r Nationalität, der sie in den verschiedenen Ländern angehören, nur die religiöse Zusammengehörigkeit betonen. .Heftige Reden fliegen hinüber und herüber, Anklagen» Verdächtigungen, Verläumdungen durch'chwirren die hebräischeu Blätter und während der Federkrieg zwischen den bil» dünge freundlichen Elementen in Israel wüthet: tertiu» r&odet — steht die schwarze jeden Fortschritt tötlich hassende Partei hohnlächelnd bei Seite. Schon desw.gen halten »vir es an der Zeit, daß erfahrene, für das Judentum begeisterte Männer dazwischcnireten und ein Wort des Friedens und der Verständigung sprechen. Mit diesen Zeilen sei der Anfang hierzu gemacht.*) Zuerst ein Bekenntmß. Ich habe stützet zu den überzeugtesten Gegnern der — um einen die nationale Richtung bezeichnenden terminns teohnica» zu gebrauchen — .Zionisten" gehört. I» ruhigen friedlichen Tagen war mir die dettelhaste Geschäftigkeit der süddeutschen Frommen für die Müjsiggänger, Wucherer und Lhaluka« nehmet im heiligen Lande in der Seele äußerst zuwider. Der sel'ge Hirsch Kalischer in Thorn, ein höchst braver und gelehrter Mann, kant mir mit feiner Agitation für die Colonisiring Palästina'« genau so komisch vor, wie mit seinem Kampfe gegen das System der Copernikus, dem er di« Berechngung eines Denkmals auf dem Marktplatz in Thorn absprach. In einer Recension über das zionistische Buch: ״Axaolias bas ami“ machte ich mich über die genannte Richtung geradezu lustig. Ich bin auch heute noch nicht aus einem Saulus zu einem Paulus geworden, aber z« einer milderen Auffassung der national-jüdischen Bewegung bin ich doch gekommen; nämlich zu folgender: in Ruß l an d, in Rumänien (und zum Theil auch in Galizien scheint sie mir berechtigt zu sein. Es ist eben ein Unterschied, ob mir z. B. ein Treitschke durch einen Aufsatz oder ein Stöcker durch eine Kneipcede mein angeborenes Deutschtum stieittg macht, oder ob mich der Russe oder Rumäne als ״Fremden" von Haus und Hof jagt. Von dem Augenblick an, in welchem ein Land den Juden praktisch, legislatorisch und ge» waltthätig von sich auSstüßl, wird er gezwungen, die Lieb«' *) Nachdem mir den Vertretern der extremen Parteien, eine» sehr geschätzten deutichen Rabbiner und «Inen, ruisisch., Rabkmalt» ca»didal>». in uns. Bia »e ihicAnsichten mit aller Schilfe haben ent» wickeln liss-n, ertheilen wir dem Herrn üvllcgen au» oer Houpiftadt Galizien» da» Aon zur Darlegung feine» v rmitielnden Standpunkts, der unserer.,eigenen Stellung zu dieser Frage am ncchstea kommt, i Mfciw■» l*e>.) , Li