Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492344-5935084-5959775--0971-5374918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wir wir hören, baben sich die antisemitischen Blätter dieses Stoffes bereits bemächtigt, diese Leute saugcn aus ollem nurGist; so haben sie aus dem Artikel der .Wochenschrift* herausgelesen, daß es Nationaljuden giebt. aber es >anz vergeffen, dcß dies kleine Häuflein gar nicht in Betracht ömmt den Hundert tau senden non Juden gegenüber, die keinen andern nationalen Ehrgeiz haben als den, das Vaterlond geehrt zu sehen und für das Vaterland ihre Schuldigkeit zu thu». Es giebt keine Polemik gegen den bösen Willen; er wird, was wir auch sagen mögen, verdrehen und verzerren Wenn diese fluchen und schelten, so ist das uns eine Ehre und ein Zeugniß, daß wir auf dem rechten!Wege sind. Aaödi»er Ir. <Löö in Altona. Die Orthodoxie hat nicht lauter streitbare Mannen, die über Jeden, der ireiern Gedanken huldigt, hersallen, als sei er ein Verbrecher; es sind auch nicht alle Orthodoxen krasse Materialisten des Buchstabens, des Ceremoniells, daß ihnen alle Religion nichts weiter ist als Uebung hergebrachter Satzung, daß sic Jeden schroff zurückweisen, der nach Gründen fragt. Diese Streiter und Feinde der Vernunft führen das große Wort aber es giebt auch unter den Orthodoxen edle und hochbegabte Mänr.er, denen jeder Freisinnige, der nicht ein Fanatiker des religiösen Freisinns ist, Hochachtung zollt. Solch ein Mann, der zwar der Orthodoxie angehvrte, aber die Verehrung aller Parteien, aller, denen das Judenchum theuer ist, verdiente, war der jüngst verstorbene Rabbiner Dr. L ö b in Altoim. Seiner Frömmigkeit war die Milde zugesellt; er suchte im Gespräch mit Männern, die einer anderen Richtung angehörten, die Momente, welche geneinsamc w>1ren, er suchte die Versöhnung, nicht den Streit. Löb war ein Denker, ihm war die Philosophie wohlvertraut und er verstand es die Tradition mit Ideen zu durchleuchten und zu belelien. So hat er dem allehrwürdigen RabbinatSsitze in Altona neuen Glanz verliel-en. Er hat den Konservativen den Weg gezeigt, auf dem sie auch in unserer Zeit dauernde Erfolge erzielen können; ihm war cs nicht gegeben, den Großinquisitor, den Ketzrrriecher und Ketzerrichter zu spielen; nicht die Polemik war seine .tkrast, sondern daraus war sein Mühen gerichtet, einen Strom von Gedanken hineinzuleitrn in das starre Eeremoniell und auch der Vernunst zu ihrem;liecht zu verhelfen. Ties versuchte er ohne sich von der Orthodoxie auch nur eine Haarbreite zu entfernen. Wer den grundgelehrten, milden, gedankenreichen Mann kennen gelernt hat, zumal im anregenden Gespräche kennen gelernt hat, der wird ihn wohl kaum vergessen. Er stammte aus euer Familie, in der von jeher jüdisches Wissen heimisch war, er erweckte schon als Jüngling große Hoffnungen und wurde als junger Mann zum Rabbiner nach Jchenhausen damals der zweitgrößten Gemeinde Bayerns, berufen,׳ von da ging er im Jahre 1873 nach Altona. Im Alter von sünfundfünfzig Jahren ist er dort verschieden und mit allen Ehren bestattet worden. זצ׳־ל. Gerichte »»- Correspondenzen. D-urfcdtand. Magdeßnrz, 10. Februar. Kurz vor Schluß dieser Nr. geht uns tnr Bericht über die gestrigen Verhandlungen im preuß. Abgeocdnetenhause zu. ltnsere Leser werden sie, besonders die Reden Rickert'S Stöcker's und des Justiz- Ministers ».Schilling, mit demselben hochgradigen Interesse gelesenhaben, wie wir. Der Herr Abg. Rickert hat sich ein un- «spende! und verschwendet wird' — so wird er bei ruhiger Ueber» uguag selbst einfctien, daß diese» hohle Paiho» hier durchau« nicht am Platz« war. schützbaresB.'rdienst erworben, daß er den räthselhasten.^anteuer Änabenmord und die damit zusammenhängenden antisemitischen Preß.'rzeugnisse zur öffentlichen Besprechung brachte. Der immer mehr um sich steifenden Mythenbildung über einen Ritual mord ist hierdurch, sowie durch die ruhige sachliche Darlegung des Ministe!s ein Halt geboten. Mußte ja selbst Herr Stöcker zugesteh.n, .daß es einfach undenkbar sei, daß der jüdische Ritus einen Gebrauch von Blut zu rituellen Zwecken fordere; er!varne auch seine Partei davor, von solchen Dingen zu sprechen." Freilich kam er mit diesem offenen Bekenntniß sofort mit der Wahrheit im Widerspruch, wenn :r ans den Fall Ber! stein (Breslau) hinwies und behaupiete, daß cS sich herc usgeslellt habe; dieser — für unzurcchnungsfäh'g erklärte — Jüngling habe Ehristenkindern ausrituellen Motiven mehrfach Blut abgezapft. Bekanntlich ist gerichtlich sestgestellt, daß B. seine Manipulationen nicht allein an christliche«, sondern auch an jüdischen Kindern vorgerwmmeii habe, und zwar nicht aus rituellen, sodcrn aus sexuellen Motiven. Der Herr Justizminister, der mir strengster Objektivität eine genaue Darlegung des Sachver- Halts in.Vant m gab, hattcdabei astGelcgenl-eit, die mannigfachen Unrichtigkeiten Stöckers richtig zu stellen. Er thciltc auch mit, daß der jüd. Metzger Buschhof gestern aus Grund eines neuen Verdachtsmoments nieder verhaftet und nach Cleve gebracht worden sei. Möge die Wahrheit bald an den Tcg kontmen l Körde (Westfalen). Die neue Polksschulgesetzvorlage wirft bereits ihre Schatten voraus. Die hiesige Synagogen- Gemeinde hatte sich an die königliche Regierung in Arnsberg mit der B tte gewandt, di: schulpflichtigen israelitischen Kinder, etw! 3V, nicht aus der städtischen sechsklassigen Volksschule ruszuschulcn und in einer gesonderten Klasse von einem isaelitischen Lehrer Stern! unterrichten zu lassen.*) Trotzdem isi der Magistrat mit einer hierauf bezüglichen Geldbewilligung in Höhe von 2245 Mark jährlich zur Beschaffung eines besonderen Unterrichtsraumes nebst Utensilien, sowie zur Bestleitung ,»es erforderlichen Lehrergehaltes an die Stadtverordneten herangetrcten. Die Forderung wurde abgelehnt Alleir man befürchtet in hiesigen israelitischen Kreisen, daß die Absicht, die hiesigen Volksschulen konfessionell zu trennen, aasgeführt werden würde. Man bringt wenigstens die vor einigen Tagen hier vorgenommene Revision der Volksschulen und der höheren städtischen Unterrichtsanstalten durch den Schulrath Tiska aus Arnsberg, den KreiSsch rlinspektor Meinberg und den Superintendenten Butz mit d.esem Vorhaben in Verbindung. Besonders hervorgehoben zu verden verdient, daß diese neue israelitische Schulklasse im Dachgeschoß der neuen Volksschule eingerichtet werden soll. Nun hat aber die israelitische Gemeinde ih ׳ eigenes neues Schulgebäude der Stadt für die höhere Töchterschule abgetreten: die Gemeinde will nunmehr die Rückgabe des Schulgebäudes beantragen. (Da der Zedlitz'sche Volksschnlgesetzentwurs noch nicht Gesetz ist, so ist die Regierung garnicht befugt, die israelitischen Kinder aus der allgemeinen Volksschule zu entfernen. Der 8 1b des Entwurss wird hoffentlich nicht unameniurt aus der Schul- Commission Hcroorgehen; wir wenigstens haben unsere Schuldigkeit gethan und unsern in vor. Nr. mitgetheilten diesbezüglich n Wunsch einigen Mitgliedern der berathenden Kommission zur Kenntniß gebracht. Es wäre dem Vorstände der Synagogrn-Gemeinde in H. anzuempsehlen, schleunigst üter d:n do:tigen Vorfall an die Herren Rickert u. Birchow zu berichren und um Abhilfe zu bitten. Ein solcher eklatanter Spezialsall isirkt oft mehr als bogenlangePetitionen. Red.) G. gSciti«, 8. Februar. (Or.Eorr.) Am 1. Februar hielt die ,?tereinigung zur Ablvchr der Raceiihehe" ihre dritte Volksversammlung ab, die i!n Vergleich zu den 2 vorangegangener einen günstiren Verlauf nahm. Es waren *) Da» wi)erspr.chi sogar dem K11 de» neuen l^esetzenlwurs«. (Sb.) /