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Israelitische Wochenschrift · 1892-02-12 · 7 (12.2.1892) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
7 (12.2.1892)
Date
1892-02-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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50 zv■ Biel jchlimmer wirken die dcmagogisch-antisemi tijcheu Organe. Sie Hetzen nicht allein das Volk gegen die iesitzhabende Klaffe, sondern sie erfinden zu diesem Zwecke haarsträubende Geschichten, um ihren Lesern weis yi machen, daß die Juden Leben und Eigenthum ihrer Mitbürg:r in Gefahr bringen. Sie erzählen ihren Lesern, die Juden gebrauchten das Blut unschuldiger Christenkinder. — sie müßten R tualmorde begehen, wann und wo immer ie es ungestraft thun können. Was Wunder, wenn dem melieren Volk, das sich aus den Lesern dieser Schandpresse rekrrtirt, auch das Leben der Juden nicht heilig ist. Ter Prozeß Wetzet zeigt uns eine Frucht dieser Irrlehren. Gewiß, dieser Mordbubc hätte auch einen CH isten umgebracht, wenn es sich gelohnt hätte, aber in dem Juden sah er einen Menschen, der durch Betrug, Wucher und — wie die ganze Skala der den Juden aufgebürdeten Verbr:chen nach der ״Staatsbürger Zeitung" lautet, — viel Gelb zusammcngescharrr hat und er spricht in diesem Sinn: zu einem Mitgefangenen! .Der stinkige Jude H. hat viel (tzeid, das muß ich ihm ablnöpsen" oder so ähnlich. Also nicht das bloße: .Bete und arbeite!", sondere die alttestamentlick)e Lehre, die ja auch in dem Neuen Testamente eine herlorragendc Stelle einnimmk: .Liebe Deinen Ncbenmcnschcn wie Dich selbst" soll i» den christlichen Schulen den Kindern tiefer cingeprägt werden; heilig sei Dir das Vermögen, die Ehre, das Leben des Menschen! Es muß vorAUem die Wahrheit verkündet werden, z. B. daß die Bibel den Israeliten aufs Strengste «bei Todesstrafe) jeden Genuß von Blut verboten, und daß dieses Verbot seit! Jahrtausenden uns heilig war. Dann wäre es unmöclich,! den niederen abergläubischen Bolksklasscn immer wieder neue Blutmärchcn von Juden aufzubinden Man höre das neueste! dieses Gcnrc's, das in der Berliner.Staatsbürger-Zeitung" den Lesern ausgeiischt wird und die Runde durch alle c ulisemitischen Hetzblätter macht. Ta läßt man einen u »genannten Pfarrer Folgendes erzählen: .Als ich noch Pfarrer im Rhöngcbirgc ivar, wo es bekam tlich sehr viele Juden gibt, trat ein von mir confirmirteS Mädchen I. tloigi bei einem jüdischen Läinitiivaarcn Händler W in K. in Dienst Ich habe denselbrn, da ich ost in Jt. verkehrte, wohl gekannt: er nirchte! durchaus den Eindruck eines achtbaren, ziemlich gebildeten, über jeden! rohen Aberglauben eihabenen Mannes. Als ich jenes Mädchr:! I! Boigt ernst mit verbundener Hand gesehen halte, sragte ich nach einigen Dagen die Mutter, wellte ich zufällig tras, warum ihre Tochter die Hand verbunden trage. Dieselbe erzählte niir darauf: Da Fra.: 0). die Dienstherrin meiner Tochter, kränklich ist, sollte ineine Tochter den Teig zu den Mayen (den Osterkuchen der Juden) machen, was sie auch that. Dabei .narrirre" W., der Dienstherr, sortivähcend um meine Tochter herum. AlS dies« dann ihn mit der zrand abwehrle, vrrletzte ste sich an einem Federmesser, da» G in der Hand verborgen kielt. Tie wollte sogleich das Teigmaä>en unterlassen und hinausgehen um LaS Blut zu stille»; aber Herr G und seine Frau jagten. daS thue nichts, so!olle nur ruhig mit der bluleaden Hand den Teig scrtig machen, ja sie zwaiigen sie säst dazu Dieser Erzählung setzte die Mutter des Mädchens noch die Frage bei: ob die Juden dabei irjienb ein .Aber", das heißt einen Aberglauben haben? Ich hatte da »als jo wenig, wie Frau Aoig», von Ser Blutbesct uldigung gegen die Ir den etwas gehört, ich war damals und bin beute noch jeden, RcligivnS- und Racenhasse gegen unsere jüdischen Mitbürger durchaus abgeneigt Aber des Eindrucks kann ich mich doch nicht crivehrcn: ivenn :ine . wohlsituirte, ziemlich gebildete Judensamilie ein.Aber" dabei hat daS 1 Blut ei, eS 16 jährigen christlichen Mädchens mit dem Mazzcnteigi zu > vermengen, so läßt sich nicht abschen, wessen man sich von der sa iatischen, rohen Judenbcvölkcrung in Galizien, Polen re. zu versehen hat, welche nicht, wie jene Familie, unter dem unbewusst erziehenden and ׳ läuternden Einflüsse christlicher Ideen steht. — ES mögen doch ir ge- I wissen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Traditionen noch im gehe«men bestehen, welche vielleicht in dem Moloch- oder Baalsdienst alter R: ten wurzeln und sich bei dem außerordentlich zähen Festhallen am lb:«>e1lieferten bis heule im geheimen erhallen haben. Daß die kranke Frau ®. sich so lebhaft dafür interessirte, daS Blut des christlichen Mädchens mit dem Mazzenteigr zu vermengen, hat die Vermutung in mir er- «eckt, daß solche Mhchung mit Sem .besonderen Taste" vielleicht Hei.ung von Krankheit ivirken solle." So wird die Saat gestreut, ganz nach der Art aller Märchen, hier aber in blutdürstiger Absicht. Ein Pastor erzählt: — wer ist dieser Pastor r Warum nennt er sich nicht? Warum wird der Raine seines Wohnortes nicht genannt? .Im Rhbngebirg« wohnt ein Jude" — Warum wird der Ort nicht näher bezeichnet? Wie heißt der Jude, genau nach Bor- und Zunamen, damit man bei ilffn anfragen kann, wie sich die Sache verhielt? Das Dienstmädchen wird genannt, da wird irgend ein beliebiger Name genomme«. Sie sollte gezwungen werden, ihr Blut mit dem Mazzateig zu vermischen. Guten Appetit! Wie ist es doch möglich, daß eine in der Stadt der Intelligenz erscheinende Tageszeitung solches iliren Lesern aufzutischen wagt! — Daß die antisemitische Eineute straflos das Alte Testament und seine Bekenner angreifen und begeifern darf, daß man den Soldschreibern dieser Preffe das traurige Hetzgeschäft nicht legt, darin, Herr Staatsanwalt, liegt die Quelle der immermchr an den Tag tretenden Verrohung der Gemüther! Es gehört gar nicht viel Scharfsinn dazu, diesen Zusammenhang von Ursache und Wirkung herauszufinden. SetSstemLvzipalion ist ein vortreffliches Wort und zu>eifellos ist cs wichtig, das wir uns cmanzipiren von allerhand Vorurthcilen, von veralteten Anschauungen, von aller Nachäfferei, und uns daraus besinnen, daß Israel seine Ehre nicht von den Nationen erhält, unter denen wir leben, sondern daß wir unsere Ehre in uns tragen; unzählige mal ist von jüdischen Kanzeln gemahnt worden mit Stolz zn bekennen: .ich bin ein Ebräcr und nur den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich." Jüngst ist uns nun zum ersten mal die Nummer eines Blattes zu Gesichte gekommen, das den Namen .Selbstemancipation" führt, sich das Organ der ״Jüdisch-Nationalen" nennt und jetzt schon im fünften Jahre erscheint. Dort wird die Selbstcmancipation freilich ziemlich weit getrieben, man cmancipirt sich da auch von der gesunden Vernunft und fordert geradezu den Gegner heraus. Ter ״Nationaljudc", der Artikel, der jüngst in diesem Blatte (Nr. 4) veröffentlicht worden ist, hat die Leute so erregt. Dr. R ü l s aus Meinel, der bekannte Sammler, rast und wüthet, als ob der in Memel und Umgegend so mächtige.Wutki" seine Seele triebe. Oftmals heißt eS in dieser Nummer der Selbstemancipation, der Nationaljude sei die wichtigste Erfindung der Neuzeit, erst seit einem Jahrzehnt sei der .Zionisinus" ins Lebe» getreten. Aber Rülf findet, wer diesen Nationaljuvcn antastet, sei ein arger Sünder, ein ״Löter be-IKIror" und nennt den Artikel eine Blasphemie, eine Gotteslästerung.*) .Die Nationalität ist unser .Hauptbekenntniß." ״Wir schämen uns unserer Geburt und.Herkunft nicht," .und jagt Jemand zu mir: Du bist als Nationaljudc ein Fremder und müßtest unter Fremdenrecht qeikellt werden, so werde ich ihm ins l^esicht schlagen." Die wilbesten Schimpfworte stößt Rülf in seinem Rausche hervor und hält den, der einen Artikel wie den in Nr. 4 der Wochenschrift veröffentlichten schreibt, für die Taufe reif. Man kennt diesen Unverstand; wer vor Zeiten seinen Rock nur ein wenig kürzte, dem hat mancher beschränfte Mensch zugerufcn: ״Heute trägst Du einen kurzen Rock, morge» wirst Du Dich schmadden." — Auch die überspannte Meinung von dem eigenen Werthe war vordem bei ungebildctcn Juden nichts Seltenes; aber wir glauben, daß bis auf einige Wilde dieser Hochmuth geschwunden und eine würdige Selbstachtung geblieben ist.**) *) Wir glauben, daß die von Rücs in dem gen. Bl. vorzenommene Bezeichnung — ״vor der er nicht zurüäschrecken will" — GotteS als .jüdisch.-n Nationalgoll" eher ein« Blasphemie zu nenne» wäre. **) Wenn Rülf sich in die Brust wirft und de» Lap leistet:' ״Wir brauchen auch keine .Vereine zur Abwehr d«S Antisemitismus" und ״schade um den Pfennig, welcher unsererseits an solche Brreiae

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