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Israelitische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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87־ — -?> «׳■*•: . r Tftr.1 lii.ge, sondern mchrerc Millionen Juden in Rußland, Gfrtfl» lartb, Oesterreich, Frankreich, Amerika mit Leib und Seele ergebe» sind — die überwiegende Mehrzahl derer, die in Wirklichkeit Juden sind und für ihr Judenthum leiden. Die nationale Bewegung will nur gekannt sein, um selbst von Andersdenkenden sympathisch betrachtet zu werden. Ein rufsicher Nativnaljudc. Aus Mürttewterg schreibt uns ein bedeutender jüdischer Theologe über die ,Zionisten", wie er die Jüdisch-Nationalen nennt, wie folgt: Lange noch, bevor die antisemitische Gistiaat in Deutschland aufgegangcn, noch ehe die judcnfeindliche Stimmung und Strömung in Oesterreich sich breit machte, bekämpfte bereits die Wiener ״Neuzeit" untcr ihrem früheren so scharfstchtigcn Redacicur Sz-'mto in gründlicher Weise die damals in dem zu Lyck erscheinenden hebe. Blatte vertretene Idee der Anscssigmachung in Palästina (Jischub ercz jiSroöl) mit fast inwidcrlegbarcn Gründen. Die trüben und tristen Verhältnisse in Rußland und Rumänien haben seinerzeit die'en lvenig lebensfähigen Äedanken an's Licht des Daseins gebracht und seit dieser Zeit spukt er in den Köpfen sinnverwirrend und wahrheitvc!drehend. — Auch pietistische Sekten in England haben viel beigetragen, die ״Kolonisation Palästinas" ins Rollen zu bringen/) Doch für uns handelt es sich hier nicht darum, ob diese Idee ausführbar und lebensfähig sei — sondern es soll bloß dargrthan werden, daß die buchstäbliche Auffassung der bezügliehen prophetischen Stellen in Betreff der Wiederherstellung des jüd. Reiches auf Abuntr'Jrnvcge führt. Die allzustarke Betonung des nationalen Elements seitens einiger Israeliten ladet und bürdet uns aber auch viele Gefahren auf, deren Folgen unabsehbar sind — wir werden olle für soldarisch, auch mir den entarteten und mißrathcncn Zweigen des jüd. Baumes und Grammes, gehalten und werden verantwortlich gemacht für alle Vergehen und Verbrechen jüd. Betrüger und Blutsauger, die wir doch von Rechtswegen, wie die Atheisten und Materialisten, ausstoßen und dcSavouiren müßten, abgesehen davon, daß wir dadurch der doch allgemein gangbaren Ansicht widersprechen, daß wir nur eine Eonsession, eine Religionsgemeinschaft und kein Volk im Volke bilden wollen, wie es die Zionisten wünschen. Die Racengemcinschast kann wohl Niemand uns zunr Voiwurfe machen, denn sie ist ja in der Natur begründet, allein an der Treue des Staatsbürgerthums könnte hie und da gezweifelt werde», wenn wir noch immer die Repatriirung nach Palästina als unser geschichtliches Ziel anstreben. Daß die Buchsiabengläuvige» daran festhaltcn, ist leicht erklärlich, aber gerade die traurigen Vorgänge der jüngsten Leit sollten sie belehren und aufklären, daß die endgültige ErlösungderMenschheitausganzanderenVoraussetzungen beruht. Die Erlösung und Befreiung Israels und der Welt hängt wahrlich nicht davon ab, ob wir im Orient oder Oe- -cidrnt uns aufhalten, die Erfüllung der messianischen Weissaguugen der Propheten ist vielmehr dann von selbst zu erwarten, wenn ״die Erde voll ist von Erkcnntniß des ewigeinzigen Gottes״, bis die Gottesfurcht und Gottesverehrung in der Menschheit allgemein wird, bis die humane Gesinnung und religiöse Gesittung allenthalben Anerkennung gefunden, dann erst ist die Morgrnröthe der messianischen Epoche, des 4SotteSreiches auf Erden angebrochen und dann ist jeder als Jude anzusehen (Synhedrin 19), gleichviel ob er dem Hause Juda entstammt oder nicht, dann ist der geistige Tempel des Herrn erbaut, ein Gotteshaus für alle Nationen der Erde — dann erfüllt sich das Wo« der h. Schrift: Juda, dir werden deine Brüder huldigen! Dann ist aber auch erst unsere Mission und Aufgabe im Exil vollendet und gelöst -um Heile der Welt! —n. *) Sv verbreitet man auch jetzt wieder per Telegraphen wie eine LiegeSnacl»ich! die Minheilung, dag sich in Schottland ein Perein »orr Lhrisieu gebildet Hab«, um die nationale Idee der Eoionisiruna DaÜlftina'it fördern zu Helsen. Mainz, 2Z. Januar. (Or.-Co1.) Am verflossenen Samstag hielten d« Antisemiten eine Volksversammlung in dem nahen Rieder-Olm ab, in welcher der RrichstagSabaeordnete und Redactcur deS ״ReichShrrold" in 1'/, ständiger Rede die allbekannten Lügen und Tiraden der antisemitischen Hetz- und Wanderpredigcr loslicß. Circa 1000 Bauern der Umgegend waren erschienen, um sich an der Predigt des Marburger Agitators zu ergötzen und den Berichten der hiesigen Tageöblöttcr -,ufolge soll sich der Herr haben gehen lassen, wie selten zuvor. Sogar zu den inS Reich der Fabel gehörenden Erzählungen der angeblich von Juden an Christen begangenen Ritualmorde nahm er seine Zuflucht und bear beitete nach Herzenslust die. seinen Worten andächtig lau'ckenden Bauern Ec forderte ganz offen zur Vertreibung d e r I n d c n aus und schloß: ״Ihr habt mich init Mnsik l>crrinbeglcitet; macht nun, daß Ihr die Juden bald mit Musik hinauejagt". Selbstredend konnte dem .Herren nicht erwidert werdrn, da die Versammlung wohlweislich für den Sabbat anbcraumt worden nmr. Wenn unsere Polizei so l che ösfe n t l iche Hetze re ien und Aufwiegeleien gestattet, so darf eS sie nicht wundern, wenn sie in absehbarer Zeit ganz andere Tinge zu unterdrücken und zu be kämpfen hat. Es ist sehr leicht, die Leidenschaften des Volkes zu erregen und auszustacheln, aber eS könnte gehen wie dem ״Zauberllhr'ing", der in seiner Noth rief: ״Herr, die Noth ist grcß! — Tie ich rief die Geister — Werd' ich nun nicht los!" Heffau, 21. Januar 1892. sOc.-Corr.) Eine von der Anhaltischen Regierung in Be reff der Ausnahme eines Cantors in die Alters- und Jnvaliditütsversicherung getroffene Entscheidung*! wird von verschiedenen Seiten in nicht zutreffender Weise beurtheilt, weshalb ich zur endgültigen Aufklärung den ganzen Hergang tir Angelegenheit mittheilen möchte. Der Cantor und Lehrer Herr Bin Bernburg richtete an den Magistrat diese: Stadt das <8esuch um Er theilung einer Acrsicherungskarte. wurde von demselben jedoch abschläglich beschieden, da man ihn nicht in die Claffe der zur Versicherung Berechtigte» zählte. Herr Cantor B. wendete sich nun Beschwerde führend an die Herzogliche Regierung, legte Nr. 14 der ״Israelitischen Wochenschrift" vom Jahre 1891 bei, in welcher eine seinem Gesuch günstige Entscheidung aus der Pfalz enthüllen war, uno bittet, da er weder auf Lebenszeit noch mit Berechtigung aus Pension angestellt sei, um Ertheilung einer Bersicherungskarte. Dieses Gesuch schickte mir die Regierung br. ra. mit der Bemerkung zu, daß ich mich gutachtlich äußern möge, woiin die Functionen eines Cantors iin Einzelnen bestehen, und ob deren Verrichtung eine wissenschaftliche Bildung voranssetzt. Ich antwortcte kr. w. an. 8. September 1891: ״Daß die Functionen des Cantors und Lehrers in dem Vortrogen oder Singen der hebräischen Gebete, dem Vorlesen aus der Thorarolle und in dem Religionsunterrichte der Kinder bcstehen. Diese Functtonen setzen eine bestimmte Vorbildung voraus, welche sich jedoch häufig auf eine Kenntniß des Ritus und der religiösen Vorschriften zu beschränken pf.ege. — In größeren Gemeinden ist das Amt dcS Cantors häufig nur auf das Bortragen oder Singen der Gebete beschiLnn und ist hierzu vornehmlich eine musikalische Ausbildung erforderlich. Bei dem Lehrer wird jedoch eine bestimmte geistige Vorbildung gefo rdert, da derselbe außer im Hebräiscyen, auch in der (bibl.) Geschichte und Religions» lehrr zeitgemäßen Unterricht zu ertheilen hat. In vielen Fällen hoben dir Neligionslehrer auch schon an einem Lehrer» seminare ihre Prüfung bestanlien". *) Air haben dieselbe inAr. 1 fllernburgivrröffentlichl; dieA.tz.d.J. hat sie (ohne Quellenangabe, wie ta» ihre Art) mit unjerem redactionetten Zeichen abgedriuk» In jenen Blatte — oder vielmehr nur auf dem Umschläge desselben—hat ein jüdischer LultuSbeamter die AnsichtdeS Herrn LondeSrabdinerS einer absäl.ige» Kritik unterzogen, welche durch obige Erklärung de» Letzlern völlig hinfällig wird. (3i«bj

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