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Israelitische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— 85 — Unterhaltung der Ort«schnle,1 eine Last der bürgerlichen Gemeinde ist, eine Bei hülfe aus Kommunalmitteln zu fordern haben. Wenn jedoch zu 8 70, der von der Aujammensetzuiia des Schulvorstandes spricht, bemerkt wird, ״daß der Geistliche und der ReligionSlchrer der confessionellen Minderheit bei consessioorllen Schulen keine Vertretung finden kann," so sind in diesem Falle gewißlich auch die Juden zu verstehen. Ziehen wir nunmehr daS Facit für unsere Verhältnisse, so erhalte» wir den Eindruck, dag wir im Allgemeinen bei unserer bisherigen Praxis verbleiben ׳verdrn Der Schulgesetzentwurf in der vorlitMzden Fassung ist ja weiter nichts, als eine Concession an die Clcrikalen und Hochconservativen, die ihm auch zum Siege verhelfen werden. Vom allgemeinen Standpunkt aus, mutz cs jeden aufrichtigen Menschenfreund 4mfs schmerzlichste betrüben, dag in dem letzten Jahrzehnt des IS. Jahrhunderts oic consessioiiellen Gegensätze so sehr auf die Spitze getrieben und durch Gesetz auf lange Zeit hinaus fcstgclegt werden. Mit Riecht sehen die freisinnigen Zeitungen den Mühlcr'schcn Entwurf im Vergleich zu den: neuen als das kleinere Uebcl au. lleberall wird (in parlamentarischen Kreisen) anerkannt, ,das; die kon- Swelle Ausgestaltung des Volksschulwescns hier auf die rste Spitze getrieben und daß dem geistlichen Einslus; ein weit über das bisherige Maas; hinauögehender Raum angewiesen wird." Man erblickt darin ,ein bedauerliches Zu-!eständniß an eine Richtung, von der wir nicht glauven önven, daß sie von der Mehrheit des preußischen Volkes und seiner Vertretung gebilligt wird." Man hegt in allen liberalen Kreisen den Wunsch, daß der vorliegende Entwurf da« Schicksal seiner Vorgänger thcilen möge. Wie aber die eben begonnenen Debatten im Abgeordnetenhansc zeigen, wird dieser Wunsch schwerlich erfüllt werden, da bei dem gegenwärtigen Zahlenvcrhältniß der Parteien Eentrum und Co»- servative die nöthige Stimmcnzahl für die Annahme abgeben werden. An dem jüdischen Volks- und Religionsschulwesen wird dadurch nichts geändert. Nie jüdische üolonisatis« in Argentinien. Falsche Gerüchte liefen dieser Tage durch verschiedene auswärtige Zeitungen über dir von Baron von Hirsch gegründeten und noch zu gründenden Colonicn in Argentinien. Ein Korrespondent aus Buenos-AyreS veröffentlichte in einer der letzten Nummern der ,Temps" einen Bericht, der in den dunkelsten Farbcn die Lage der Colcnisten schilderte. Derselbe spricht von der agrarischen Unfähigkeit der Jsrae- Uten, von der Voreingenommenheit der Regierung und des Parlamentes gegen dieselbe. Ein Redacteur des »Eclair* hatte in Folge dessen eine Unterredung mit Baron von Hirsch, um denselben über den Stand deS Eolonisationsprojectes zu befragen. Die Antwort lautete: ,Die Gerüchte, von denen Sie mir eben sprachen, sind vollkommen erdichtete. Ich habe sechzigtaufen deingewanderte Israeliten in die Republik Argentinien eingeführt und die von mir mit der Regierung Argentiniens gepflogenen Unter- Handlungen sind nur augenblicklich unterbrochen. Ich will Ihnen Einiges aus diesen Unterhandlungen mittheilcn und Sie werden die Haltlosigkeit aller Gerüchte leicht einsehen. Ich hatte Herrn Dr.Löwenthalnach Buenos-AyreS geschickt, um die Frage des Landankaufs zu ordnen. Mein Auftraggebrr hat sich nur allzuschlecht seiner Ausgabe erledigt. Er hat die sich bei ihm meldenden Arbeiter nichts »veniger als .freundlich bei sich empfangen Und konnte sich nicht mit den Häuptern der isr. Bereinigung verständigen. Dr. Löwenthal war von mir beauftragt, sieben Millionen Morgen Lande« zu erwerben. Mein Vorschlag wurde nicht vertagt, nur wollte die Regierung eine so große Fläche nicht abtreten und stimmte der Erwerbung von fünf Millionen Morgen zu. Daist der wirkliche Sachverhalt. Sie sehen, daß ich " keinen Mißerfolg zu k«klagen und nur die Ankunft de- Major« 1 Goldsmid ir Buenos-AyreS"abzuu«arten Hab«, welcher den Dr. Lüwenthsl an der Spitze unserer Colonie zu ersetzen hat, um die gjerhandlungen mit der Argentinischen Republik endgiltig abzuschließen. Man hat behauptet, daß die ersten Ansiedler eine vollständige Unkenntniß der ersten Anfänge des Ackerbaues gezeigt hätten, es ist allerdings etwas Wahres in diesen Be- Hauptungen. Es war leicht voryerzusehen, daß die beiden ersten Monate nach ihrer Ankunft die Eingewanderten noch nicht viel von dem Ackerbau verstanden. Aber Kraft der großen Assimilationsaabc, welche unsrrm Stamme eigen ist. haben die Ansiedler sich rasch an ihren neuen Beruf gewühnt, und k«ute sind dieselben ebenso thätig und geschickt, als di« Ansiedler einer andern Religion. Der Pariser Eorrespondent der ״Tcmps" will seine Leser glaubcr machen, daß ich die ganze Idee der Colonisation in Argentinien ausgegcben habe. Er täuscht sich darin gründlich. Ich habe gegenwärtig in der Provinz Buenos-Ayrcö die Colonie .Mauritius" von 80,000 Morgen, die Colonie .Moses Will" von 40,000 Morgen und einen kleinen dieser, beide Colonicn angrenzenden Complex von 20,000 Morgen. Diese Ansiedlungen sind von Eolonistcn überfüllt, und ich muß oemnächst neue Landerwerbabschließunger besorgen, in Rücksicht aus die ״JewiSH Colonisation Society", welche dieses Jahr, I5 bis 20,000 Israeliten cinwandcrn läßt. Was Sie jedoch von der AnflSsung de« Comitre'ü von BuenoS-Ayres sagen, so ist die Antwort darüber ganz einfach: Das Comitec hat niemals bestanden. Sic sehen demnach, daß die falschen Gerückte nur der Ungeschicktheit eines diplomatischen Agenten zuzuschreiben sind, welcher sich der argentinischen Presse entftemdete und die falschen Leger den in die curofräische Presse übergehen ließ. Die argentin schc Republik ist voll deguten Willens für unsere Ansicdlung und ist weit davon entfernt, ihre Verbindnngen mit mir abzubrcchcn". Berichte tsufe Correspondenxr«. Deutschland. M«-deI»rß. Auf das Treiben deS Antisemitismus wirft ein bezeichnendes Licht eine von dem vormalige» Chef- Redakteur des antisemitischen .Leipz. Tagcsanzcigers", Hermann Lucko, verfasste Broschur:: ״Ein Jatir im Centrum ocr Drutsch-sccialen Partei. Ein offenes Wort." In derselben werden auch Stellen aus Briefen des bekannten Anti semiteuhäuptlings Wilhelm Marr veröffentlicht. In einem aus Hamburg vom Juli 188 t dc tirtcn Schreiben dieses Herrn heißt es: ״Ter moderne Aiitisamitismus — raote Fabrik- Geschäftsschwiadel-Antisemitismus ist für mich ״gegenstandslos" geworden. Er belügt sich selbst, um andere zu belügen und zu beschwindeln." In einem anderen Schreiben heißt cs: .Ich bin ein alter Parteigä ager, aber nie habe ich mehr Erzschelmenbande gefunden, als unter den heutigen Geschäfts- Antisemiten. DaS aber dürfen Sie privatim erklären, .daß ich nach 30jährigem Jvdcnkrieg mich mir Ekel bis zum Erbrechen abwcnde vcn dem ganzen hrn.igen Geschäftschwinvel Antisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widerrufen.׳ — Herr Marr kennt seine Leute. Man kann ihm in Bezuc auf die Antisemnen glauben, was er sagt. Wir werden in nächster N׳. noch einige Auszüge auS dieser den Antisemitismus in einer ganzen Verworfenheit und Fäulniß getreu zeichnenden Broschüre eines Antisemiten bringen. Aertt», 25. Januar (Or.-Corr.) In mehreren antisemitischen Volksversammlungen wurde beschlossen ein« sogen. ״Million-Adresse" an den Kaiser zu richten, damit endlich die armen Antisemiten vor den Jukn Ruhe haben. ES ist in der Thal nickt mehr zu ertrage »,daß auch Juden die vom Staate errickststen und unterhalt:neu — Gefängnisse benutzen, daß selbst em:r von den ftigeij. Juden Mordversuche (auf י- Juden) gemacht (siehe Rrozeß «Schweizer-Prager), daß auch

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