Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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ist schon so schlimm, daß durch eine unkluge Haltung der Juden gar nichts mehr zu verderben ist. Aber bedenklich wird dieser Wahnsinn, wenn er deutsche Köpse ansteckt, wenn er unter den^ Juden Berlins einen Anhang findet. Ein Agent Stöckers könnte nichts Schlimmeres thun, als diese Fahne des Nationaljuden'hums in Berlin aufpflanzeu, denn was könne diesem Herrn mehr willkommen sein, als ein Bekenntniß der Jude», daß sie Fremde sind; das klingt ja beinahe wie ein Antrag der Juden selbst, in Deutschland unter Fremden recht gestellt zu werden. Bis auf Weiteres glauben wir noch nicht, daß der gegenwärtige Redactcur der ״Zeitung des Judenthums", wi: jüngü berichtet worden ist, für dieses Nat׳onaljud?nthum sich begei'tert hat. Hier muß rin Mißverständniß obwalten.*» Wir Juden in Deutschland sind der Religior «ach Juden, der Nation nach Deutsche. Darauf beruh! unirr Recht in Deutschland, wie es durch die Verfassung anerkannt ist, wenn eS auch in der Praxis uns mannigfach verkürz» wird. Kein Deutscher, der gerecht urtheilt, wird es mißdeuten, wenn der Jude seine Vergangenheit in Ehren hält, wenn chm Zion und Jerusalem heilige Stätten sind (die heiligste, der Sinai, l.egt außerhalb Palästina's), wenn wir den Wunsch hcg:n, daß diese uns ehrwürdigen Orte aus ihrer Bei wusiung sich erheben. Die Deutschen, die .Herrmann dem Cherusker ein Denkmal gesetzt haben, müffen für solche Pierät ein Verständiiiß haben. Jerusalem war länger als ein Jahrtausend die Heimstätte unserer Religion. Ein Atheist aber kann kein Jude sein, weil er den Grund und Kern des Glaubens leugnet, hat er sich selbst von der Gemeinde auSgeschlosstn. Denn ein Jude ist nicht ein dem Deutschen, dem Franzosen, dem Russen adäquater Begrisi. W-:r zum t-ad'ma sich bekennt, ist uns ein Jude nach der alten Uedrrlieferung; das Nationale im Juden« thum ist das Zufällige, die Religion ist das Bleibende.; Dir Herstellung einer jüdischen Herrschaft in Palästina! nüre für uns :venhlos, wenn nicht das religiöse Leben der 1 Juden daraus wichtige Impulse bekäme. Wenn dort russische indische Rihi.isten sich ihr Nest bauten, so wäre uns dies eine Entweihung heiliger Erinreru,1gen. Die Tollköpfe, die hier i,. Deutschland von einem Nationaljudenthum schwatzen, ״geben unfern Gegnern das Schwert in die Hand um uns zu erschlagen." Nur von diesem Gesichtspunkte ist es nothwendig, diese lärmenden Palästinenser in Berlin zur Ruhe zu weisen. ö. K. Aiidische Bankiers und evangeNsche Keistliche. Als im November vor. I. einige jüdische Bankiers fallirtcn und wegen unterschlagener Depots in Untersuchung kamen, da waren die Spalten der antisemitischen und konservativcn Zeitungen wochenlang mit Skandaigeschichten angefüllt. Damals konnte man nicht genug Worte finden, um die jüdischen Betrüger zu brandmarken: ״Die Juden sind alle Gauner, sie saugen am Mark unseres deutschen Volkes, sind die Bamphrc der Gesellschaft"! Auch wir haben nicht geschwiegen und keinen Anstand genommen, diese u>.,ere sog. ' Glaubensgenossen zu vcrurtheilen, obwohl sie nicht allein! standen und ebensoviel christliche Kollegen zur Seite hatten, die ebenso schamlos gewirthschaftet hatten, wie diese. ׳ Ueppiges und zügelloses Leben verbunden mit Betrügereien, > erwies sich eben interconfessionel, aber im gewöhnlichen Leben! Pflegen doch nur Kaufleute bankerott zu werden und ׳ Bankiers anvertrante Depots zu unterschlagen. Das soll wahrlich keine Entschuldigung fein; aber es ist doch zum mindesten nicht unnatürlich, wenn ein Bankiers die Depots gelegentlich benützt, um andere Verpflichtungen zu erfüllen. *) Da« nach den uns zugegangeaen Mittheilungen wir nicht in der Lage sind an^utlärea, »Brgl. S. 31 anter Neuesten Stach richten Merlin I".) (Sied.) Sein Geschäft bringt es mit sich an der Börse zu speku« »treu, und wenn er Ijeute verliert, so kann er morgen das Verlorene doppelt gewinnen. Ebenso bringt es die Stellung eines ai.zesehenen Bankiers oft mit sich, daß er ein großes Haus macht, daß er nach außen hin zu glänzen sucht, um seinen Kredit zu befestigen. Wer die Lage unserer heutigen Kauf« leute kennt, wird sie nicht einmal beneiden, wenn sie auf Gummirädern fahren, Gesellschaften geben und Premiären besuchen. Inmitten der rauschenden Amüsements erscheint auch ihnen, wie beim Festgelage Belsazars, das Mene mene Tekel und im Glanzesschimmer frißt die Sorge wie ei« Wur« am Leben und das Ende ist: Selbstmord oder Zuchthaus. Wie glücklich sind dagegen — als gerader Gegensatz zu den eben Geschilderten — christliche Kirchenbeamte, z. B. evangelische Geistliche. Wie friedlich, ja idyllisch verläuft ihr Leben. Sie befinden sich ohne Ausnahme in ge« sicherter Stellung, wissen ihre Familie auch nach dem Ableben wohl versorgt. Sie brauchen kein glänzendes Haus zu machen, und können, wie das ja auch in den meisten Fällen so ist, durch ihr Leben und Wirken ihren Gemeinden als leuchtendes Vorbild dienen. — Aber imrkwürdig, — nach den betrügerischen Bankiers kamen — protestantische Geistliche! Wir triumphiren nicht darüber, aber wir, geben sie der ftommen ״Kreuzzeitung", der echt christliche» ״Staatsbürger-Zeitung" für die jüdischen Gauner zurück, und wenn sie jemals wieder in Versuchung kommen, die Spitzbübereien in Bankierskreisen zu generalistren, so biete» wir ihnen für jeden jüdischen Bankier, der betrogen, -inen Betrüger im Talar. So giebt selbst der Stöckersche ״Nelchrbole" jetzt anläßlich brr - Schwindeleien bt* oldenburger Pastor« Müller, ein ganze» Sünde«» - register -ldenburglscher Pastoren zum Besten. Er läßt sich au« dem s'.omme» Ländchen schreiben : ״Dem Dämon unserer Zeit, der Genuß- - sucht, verbunden mir dem Hange groß zu thun und über seine Bei» hälinisse zu leben, sind in '.in letzten Jahren in dem kleinen Groß» ' herzoglhum Oldenburg drei iSelfkllche zum Opfer gefallen, indem si«,H um diesen Hang best ledigen zu können, sich unrechtmäßiger Weis» i« ** den Besitz ihnen nicht zugehörigen (Seide« setzten Der eiri« von ihn««, Namen« Holm, der schon sehr jung ein« reich dotirtr 2 ell« i» östlichen Holstein erhallen hatte, stellte sich, von Gewissensbissen ge» trieben, selbst dem tSericht und büßt nun seine Strafe im (Sefangniß zu Mechien ab, der andere, Keil Hausen, wie Holm einHolsteine, «m Geburt, wurde seine« Amte« entsetzt und wellt, wie wir baffen reuig ' und gebessert, in Amerika. Beide wurde» durch da» üppige Lebe» ־v der reichen Bauern ihrer Gemeinden in Berfuchnng geführt 1;r• gleichen Versuch»,,gen war Pastor Wilhelm Müller von Golden^edt nicht au«setzt. Er war der Seelsorger einer kleinen Gemeind« 1« -gS Münsterland, di« sich mit schweren Opfern seilen« der Landeskirche ~J3 selbstständig gemacht hatte; da» Leben in dortiger Gegend ist einsach und :q billig." Und nun folgt die Schilderung von dem bodenlosen Aufwunb, den der neueste gastliche Schwindler de« Ländchen« Oldenburg trieb. r>Jj Also nur das üppige Leben der oldenburgischen -ך״; Bauern hat diese geistlichen Herren zum Betrug verleitet. , Gott sei Dank, daß diese Bauern keine Juden sind, die doch sonst für alle Sünden verankvortlich gemacht werden. ~; Bei dem neuesten Prachtexemplar dieser Gattung von Geistliche» > trifft die« nun schon nicht zu, da derselbe in einer einfachen Gegend lebte, da« gesteht aber der ״Reichsbot«" selbst «in; jener Grund ist aber durchaus nicht richtig. Ersten« kommen auch außerhalb der reiche« Bauerngrgenden sortlausend geistliche Skandale vor In diesen Doge« n lasen.iolierrst zwei aus Thüringen, von denen der eine laute«: ״Am;־- Mittwoch Abend ist in Gotha, wie da« dortige ״Tageblatt" meid«, '־!■ der Pfarrer von Tüngeda, Namens Nu ge, der sich dort zuw Besuch ausgehaiten hatte, hinter Schloß und Riegel gebracht worden, weil er im Brrdacht steht, ein Dienstmädchen au« seinem Orr zum Mei»ett verleite» zu haben." Bermuthlich dreht e« sich hier um dir Zahlung von Alimenten und «in Siulichkeitsjkandälcheii nebenbei, zu denen Brr» tuschung dem fromme» Herrn die Berleitung zu« falschen Anruf des Namen« seine» Go»«-: gerade recht ivar. Also die Aäulniß im Stande )er Geistlichen bricht i berall hervor, auch wo S«se nicht mitten unter ,,üppigen Bauern" l«!«n. Wir könnten diese Beispiele noch um da» Doppelt: ver- »ehren, wenn wir bei solchen Gelegenheiten uns die antiemitischen Zeitungen zum Muster nehmen wollte». Wir Üünnten auch einen Vergleich anstellen zwischen diesen Geistlichen und den Rabvinern, deren es in Deutschland etwa 300 H stiebt und fragen: Wo hat jemals ein Rabbiner existrrt/,^ — die doch wahrlich mit wenige« Ausnahmen keine׳ fettes