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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 46 (1891) · p. Seite 179

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
46 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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«9 019 TnKfNi 09RCR fRIK 0Qm RR CSfCO QCflt^ •«iftattt.* Der Nachbar rückte ungeduldig mit seinem Sessel, wie »am tr sagen wollte; Ich Hütte auch heute freudig darauf verzichtet. .Allein", fuhr mein Vater inzwischen fort, .ich hörte, daß Jk>en der Berkehr mit Juden unangenehm ist." .Hm, hm, ^n!" hüstelte der Nachbar energisch, was wie -eine laute Bestättgung sich anhörte. »Heute jedoch", fetzte mein Bater dessen ungeachtet fort, »hielt et «ich nicht länger zu Haufe, weil ich gehört, daß Sie in bedrängt« Lage sich befinden." .Aha!" stürmte rs endlich au» ihm heraus, wie ein wütheuder Strom, der dann durchbrach, .da» muß aber auch eine Freude bei Ihren Glaubensgenossen geben, daß so ein Ehristemnensch in Bedrängniß ist — nicht?" »Di« Juden freuen sich nicht über da« Unglück Anderer", «widerte mein Bater in' verweisendem Tone. .Uebrigens kann ich Zch"kn nur bethcnern, daß kein Jude mit mir davon gesprochen hat?" .Und wer denn sonst?" »Ihr liebliche» Töchtnche», die kleine Muschu!" .Daß mir aber di« ftlrine Alles au« dem Hause schwatzt!" fuhr « fort. »Da« sollen Sie zum Mindesten diesmal nicht bedauern, denn ich bin gekommen, uni Ihnen in der Roth bei» zusteheu." Der Nachbar mit sein« Frau rückten mit ihren Stühlen , näher an den Bater hemn. »Sie wollen mir vielleicht eine Summe Gelbe» leihen", sagte er, .ich würde Ihnen ewig dafür dankbar sein, und wäre auch geneigt. Ihnen die besten Procente zu zahlen.", .Ich bin kein Procenteunehmer", versetzte mein Bater. »Uebrigens bin ich nicht zu Ihnen gekommen, Geschäfte zu machen, sondern rein in der Absicht, Ihnen zu Helsen, wie <« die Nächstenliebe von un» heischt!" .Nächstenliebe!" rief er verwundert au», .Sie sprechen ja wie einwahrhaftiger Christ!" »Ich sag« wieder, wie rin wahrhaftiger Jude oder richtiger, wie ein Jude und ein Ehr ist sprechen sollen, oder ' am allerrichtigsten, ick spreche wie ein Mensch, denn e» giebt keine besonder» jüdischen und keine besonder» christlichen Tn^mden.^ E» giebt nur Tugenden und die sind allgemein .Ägemein menschlich!" wiederholte der Nachbar, »da» schon eher; denn Euer Talmud — entschuldigen Sie mir, ÄI« Herr, — befiehlt Euch ja, Andersgläubige zu Haffen und zu verfokgeu!" »Da« hat Ihnen entweder Einer gesagt, der den Talmud kennt, oder ein Lügner. Der Talmud ist im Gegentheil Hohen Grade tolerant!" .Der Talmud tolerant!" riefen Beide ungläubig au». »Ja, der Talmud ist sogar voll Nachsicht gegen die ^Sünder, denn er verurtheilt nie diese, sondern die Motive und die Ursachen, di« sie zu Sündern machen. Wiffen Sie »a» der Talmud zu der Psalmstelle: .E» mögen die Sünder von der Erd« vertigt werden , hinzusügt? .Die Sünden, ^aber nicht die Sünder!" »Da» ist ja di« höchste Toleranz!" riesen Beide erstaunt au». .Ja, da» ist e» auch!" .Aber Sie werden doch zugeben", nahm der Nachbar nach einem kurzen Besinnen wieder auf, »daß eS trotzdem 'jüdische Untugenden giebt." »Rein, r» giebt nur Untugenden, ab« keine jüdischen. Dadurch daß man sie jüdische nennt, wälzt man die Schuld > Einen auf da» ganze Bolk, und da» ist mehr al» Un-!!" .So sagen Eie selbst,- edler Freund, giebt e» nicht unt« Juden hartherzige Wucher«?" ,S» «o» wohl Wucher« geben, ab« da» hat nickt» mit dem jüdische« Name« zu thn». nutz zugegeben, daß veele Juden vom Wucher leben, so»muß ich erst recht mit dem Psalmfften auSrnsen: .Mögen die Sünden von der Erde vertilgt werden!" Mögen nur die Motiv« verschwinden, welche sie auf diesen häßlichen Erwerb angewiesen. Was diese Motive sind, Sie kennen sie wahrscheinlich sr gut wie ich. Doch ich bin nickt hergekommen, um mit Ihnen davon zu sprechen. Erzählen Sie mir gütigit jetzt Are Berlegenheit und wir wollen sehen, wodurch Ihnen geholfen werden kann." .Die Wahrheit gestanden", begann der Nachbar, .dattrt mein Haß gegen da« jüdische Bolk seit der .-seit, al» ich den Mann erkannt habe, von dem ich Ihnen jetzt erzählen will." .Eine» Ta«S nämlich — ich wohnte damals noch in d« Hauptstadt ft — suchte mich in meinem Bureau ei« Geldv«leiher auf, den ich früh« hin und wieder mit meinen Amtskollegen verbehren sah und bot mir in d« verführerischsten Weise eine Anleihe an. Er behandelte und l>etheuerte. « sei imm« bereit, aus verlangen den Termin zu verlängern und begnüge sich mit den mäßigsten Zinsen. E4 war just damal» der lustige Carnrval. die Zinsen waren chatfä^lich mäßig; genug. eS w« zu verlockend, so daß ich die kleine Summe von fünfzig Gulden bei ihm g,ge» ein tnrimonatlicke» Accept aufaahm. »Die Zeit verstrich leider schneller als mir erwünscht war, denn ich war just nicht in der Lage, den Terminötag! einzuhalten. Mein Gcldmann witterte bald, daß ich in Ber» j legen heit war und schraubte den Zinfuß für die weiteren! drei Monate um ein Bedeutende» hinaus. Den nächsten Termin einzuhalten war mir durch die inzwischen angewachsene Höhe d« Summe um so iveniger möglich, und die Schuaube zog sich um so fest« zusammen. Um nun kurz zu sein — nach anderthalb Jahren schwoll die Summe von SV Golde» zu eia« Hühe von ISO an. Diese» «schreckende Anwachsen de» ursprünglich kleinen Betrage» bewirkte, daß ich alle mine fträste auspanate nnd meine Schuld bezahlte. Woran ich ab« wenig« dacht«, war, den bezahlten Wechsel mir beim Wucherer abzuholen. Mich drückte nur die Schuld, der Wechsel war Nebensache. Dazu hatte ich damals den ftopf voll mit der Uebersiedelung, denn ich war just hi«her versetzt — kurz, den Wechsel hatte ich ganz vergessen!" .0, daß vif Sünden von der Erde vertilgt werden!" cifirtr mein Bater lächelnd seinen Psalm. .Welche Sündrn?" .Ist denn Leichtsinn nicht auch «ine Sünde?" Ja, Sii haben recht, ich war sehr leichtsinnig. — Inzwischen", fuhr n weiter fort, .wurde ich hierher »«setzt, de erhielt ich eine? Tage» — schon hier — von »eiarm Geldmann einen Brirf, in welchem « mir wird« seine Börse anbot! Er traf gerade die rechte Zeit. Di« Heb«, stediung hi«h« brachte eine bedeutende Mehrausgabe in meinem Haushalte mit sich die Zinsen waren sehr mäßig, Sünde — wie Sie den Leichtsinn nennen, war noch genug im ftopf« zurückgeblieben — kurzum, ich überlegte nicht lange und nahm eine Anleihe von hundert Gulden bei ihm auf. Diesmal suchte ich mich zu bereden — werde ich den Temnin schon einhalten. Denken Sie sich aber meine Bestürzung, al» ich einige Tage vor dem Termin von ihm ein Schreibe» «hielt, in dem « mich aufforderte, ihm ja genau zum T«miu»tage di« Baarsumme von 2SV Gulden anzuschaffen, er könne sich auf weitere Prolongationen nicht einlaffen. Ich gerieth auß« Fällung — wieso waren au» hundert denn pveihund«tsünfzig Gulden geworden? Und da mußte ich erfahren, daß der Schurke von Geldleiher meinen bereits chm schon einmal bezahlten Wechsel wieder zur Geltung brachte. Die Wahrheit gestanden wünschte ich damals da» ganze Judenvolt in die Hölle, und hätte ich Macht in Händen

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