Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 45 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.Ihre Freuudlichteit geht zu «eit/ wehr», der junge Manu, „wie kann ich —* .Wir sind am Ziele,' sagte I. vor eine« schönen Hanse srehen bleibend. „Treten Sie näher und seien Sie mir in »emem Haus« herzlich willkommen.' Ehe der junge Manu etwaentgegnen konnte, stand er der Dame de« Hauses gqrnüber, di« ihn ebenso herzlich empfing wie ihr Gatte. Rabbinowitsch nahm die ihm mit so großer Liebenswürdigkeit angeborene Gastfreundschaft an. ein Diener besorgte ihm sein weniges Gepäck, und eine Stunde später saß er mit der Familie I. bei Tische Die Familie des Herrn I. war nicht allzu groß. Sie bestand aus den beide« Ehegatten, einem Sohn« von *1 Jahre», der zur Zeit in Hamburg war, einer Tochter von 17 Jahren und zwei kleineren Rindern von 11 und 7 Jahren. Frau I. war eine hohe Dreißigerin. Ihrem Gesicht und ihrer Figur nach konnte man sie zehn Jahre älter halten Sie hatte, wie das bei den Juden Polens üblich ist, oiitfünfzehn Jahren gehrirathet und war schnell verblüh. Ihre Tochter Mammy, der amerikanisirte Name für Mirjam, war ein hübsches Mädchen von hoher Gestalt, üppigem Wuchs, dessen Bugen die Abstammung verriethrn. Sie hatte eine sorgfältige Erziehung genossen und nichts von der emancipirttn Art der ameriünischen Damen an sich. Sic empfing den Gast ihrer Eltern mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit und «US sie hörte, daß er einer der vertriebenen sei, öffnete sich ihm ihr Herz und sie sagte: .Dä müffen wir in der neuen Hcimath Sie ja doppelt für da» entschädigen, was die Hcimath überm Ocean an Ihne» gesündigt.. .Hrimach?' versetzte er wehmüthig. .hat Israel eine H-imarh? Was heute Europa gefällt, kann morgen auch ihr« seinen Einzug halten. Israels Feinde sind überall. Israel ist zum Wandern verurtheilt. Israels Heimath liegt über öen Sternen, von dort her kommt sein Heil.' „Und doch hängt auch Israel an seiner irdischen Heimath,' verseyte das schöne Mädchen. .Sehen Sie. ich bin drüben Sboren, seit dem dritten Lebensjahre in Rew^jork und darf »erika als mein Vaterland betrachten; und doch zieht es mit', nach doitrn, doch möchte ich ldiropa wieder sehen.' .Scheu wohl,' warf der Pater hier ein, .aber nicht dort leben.' .Rein, lieber Pater,' fuhr sie fort, .so allgemein möchte irh oas nicht «gen; rS zieht auch in Europa Staaten — doch wozu soll das; wir leben in Amerika und leben gerne hier. Auch Mae» wird rS hier gefallen.' .Daran zweifie ich nicht,' versetzt« Rabbinowitsch ,besouderS da ich das Glück hatte, Aufnahme bei so liebenswürdigen Leuten zu finden.' Auf diese Weise spann sich daS Gespräch den ganzen Abend hi«. Ehe man sich« dachte, war dir MitteruachtSstunde hrrangerückt und Herr I. mahnte, daß cs Zeit sei, dem Körper Ruhe zu gönnen. Seit vierzehn Tagen war Rabbiuowitsch im Hause des rn I. und noch hatte sich keine passend« Beschäftigung den jungen Maun gefunden. Rabbinowitsch war traurig darüber und ging betrübt einher Ihm war das NichtSthun ein Greuel und deshalb beschäftigt« er sich mit den jüngeren Rinder seines gastfreundlichen Wirthe», half denselben bei ihre« Schularbeiten oder er ging mit in das Lomptoir und «achte sich daselbst nützlich. Der Aufenthalt im Hause des Herrn I. ließ ihn ein Familienleben kennen lernen ähnlich dem, wie er es bei Red «iah gesehen hatte. Mirjam hatte in ihrem Wesen Arhnlichkeit mit Sittah und in der Unterhaltung mit ihm bäuchte ihm oft, Sittah unterhielte sich «it ihm. Daß dadurch der Berkehr -wischen den beiden jungen Leute« ein herzlicher, der Ton rin fast inniger wurde, lag an der Selbsttäuschung, der sich Rabbinywitsch hingab, Daß dabei in das Herz de« jungen Mädchens die Lieb« einzoa, daran dachte Rabbinowitsch nicht. So kam es, daß er Mirjam für Sittah hielt, und diese ihn wie Sittah liebte. Tage« kam Herr I. vom Lomptoir nach Hanse. Rabbinowitsch war damit besüRstig», don bewen kleinen Knoden die vier -verschiedenen «len Schüler der Hagadah zu erklären. Ob« daß es Jemand bemerkte, trat Herr I. in das Arbeitsi -immer seiner Knaben, die mit leuchtenden Augen den Erklärungen des jungen Mannes lauschte«. Mit wahrer Freud« hörte und sah er, daß das Lehrtalent des jungen Mannes eia großes und sein Wissen ei« tiefes sei. Er ent-. % i OK an ne« rin gnrgt» uno rein roiijen na ncfc* |ei. ein»»; schloß sich also kurz und als eine Panse eintrat, kam 1 näher, lobt« seine Knaben für deren Aufmerksamkeit und bat Herrn Rabbiuowitsch. ihm iu fein Privatzimmer zu folge«. Hier angekommen, begann er: Ich befinde mich heute in einer Lage, - ähnlich der. in welcher sich Laban «usciem Stammvater Jakob gegeaübrr befand. Ich habe schürt, wie S^e meine Knaben unterrichten, habe gesehen, wie diese von Ihrem Unterricht« entzückt sind — ich sage also: beffer Sie unterrichten die Knaben, als daß ich sie von einem Andern unterrichten lass«. Bleiben Sie bei mir.' Des Morgens arbeite« Sie mit mir Ihnen zusagende Arbeiten im Lomptoir «ud des Nachmittag» gehören Sie den Knaben. Ich bewillige Ihnen dafür ein Honorar von monatlich hundert Dollar» nebst fieier Station. Sie find an keine Zeit gebunden und könne», wenn Sie es wünschen«- werth finden, zu jeder Zeit unser Brrhältniß lösen. Ist Ihnen dreier Vorschlag genehm?' tL „Wie soll ich Ihre Freundlichkeit und Güte vergelte«!' erwiderte Rabbinowitsch mit vor Rührung fast erstickter Stimme. »Sie schaffen mir eine neue Heimath dadurch, daß Sie mir Aufnahme in Ihr gastliche« Haus gewähre«, und erfüllen meinrn Herzenswunsch auf so großmüthige Weise. Daich tausend Dank.' .Sie traben nicht zu danken. Ich hoffe, es wird Ihnen genügen, der Lehrer und Führer meiner Kinder zu sein.' Lächelnd ttat Herr I nach weuigen Augenblicke» in das Arbeitszimmer der Knaben, welche das soeben Gelernte schon wieder der ältesten Schwester erklärten. „WaS meint Ihr dazu, wenn Ihr jetzt jeden Tag bei Herrn Rabbinowitsch lernen dürftet?' „Ach, daS wäre herrlich, das wäre nett,' riese« die Knaben wie aus einem Munde und sprangen voller Freude an dem Vater empor. Dieser nahm sie bei ber Haad, führte sie in's andere Zimmer zu Rabbinowitsch und sagt«: „Run seid brav und fleißig; machet Euren Eltern und Herrn Rabbinowitsch Freude' und zu Herrn Rabbinowitsch sich wendend: „Erziehen Sie die Kinder zu braven Meuscheu, zu guten Juden.' I. hätte keine bessere Wahl treffen können. Rabbinowitsch nahm es mit der übernommenen Pflicht heilig und die Kinder machten gut« Fortschritte. Rabbinowitsch gehörte gach zu der Familie des Herrn I. und bald bildete sich daS Brrhältniß so, als ob er der Sohn der Familie wäre. Herr I. hatte auch für sein; Lomptoir eine gute Kraft an dem jungen Maua gewonnen, der bald die recht« Haad des Herrn I. genannt »erden konnte. Die übrigen lungen Leute des Herr» I. gewannrn den jungen Eollegen bald lieb und nichts hätte sein Glück getrübt, hätte er Nachricht von Sittah gehabt. Die Sehnsucht nach der Geliebten zehrte an seinem Herzen und ein wehmüthiger Zug in seinem Gesichte zeigte dem ausmackfomea - Beobachter, daß Rabbinowitsch nicht ganz glücklich war. Und einen solchen aufmerksamen Beobachter gab es , im Haufe. J Mirjam war, seitdem der junge Mann i« Haus« ihrek.^ Eltern weilte, in ihrem Wesen stiller geworden. Sie sanbz Gefallen an seiner Unterhaltung und »eilte gemein fei« Nähe. Mirjam war eia für ihre Jugend reifes und ständigcS Mädchen, und als solches gab sie sich A schaft von ihre» Gefühle«. Als der jnnge Mnu« Tage im Hanse ihrerfiltern geweilt hatte; merkt«