Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 44 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lir dem ab,»helfen wäre. Der Einfluß, den Sittah bi« jetzt auf di« Kinder, ja auf die ganz« Familie auSgeübt hatte, war auffallend und e« war nur zu wünschen, daß da« Fräulein länger im Haufe bliebe. E« mugte also so eingerichtet werden, daß Esther in eine Pension geschickt wurde. Somit Sittah den jüngeren Geschwistern als Erzieherin verbleibe. Das war ein guter Gedanke, den er sofort zu verwirklichen such««. Er suchte seine Schwester auf und erzählte so en pMsnnt, daß einer seiner Bekannten nächsten Monat nacki Brüssel reise, um seine Tochter in ein dortiges Pensionat zu geben. Seine Schwester, welche die Leute sehr gut kannte, sagte: .Schade, daß wir Esther nicht auch schon in ein Pensionat schicken können; sie hätte an Rosa eine paffende Schulfreundin, und beiden würde eS nicht so leid thun." „Warum kannst Du danicht?" Ich finde Esther noch zu jung; wen» fie zwei Jahre älter wäre, könnte man eher davon sprechen." .Esther ist nicht mehr zu jung; sie ist freilich an Jahren ein Kind, aber an Körper und Geist eine entwickelte Jungfrau, die in zwei Jahren vielleicht schon unter die Ehuppe tritt. Ich würde die Gelegenheit benützen und Esther mit Herin B. und seiner Tochter nach Brüssel in« Pensionat schicken. Boa Fräulein Sittah läßt sic sich doch nicht gerne etwas sagen und sie bedarf »och sehr der Erziehung * .Ja, wenn ich die Sache überlege, so finde ich den Plan gar nicht schlecht; doch da kommt mein Mann, laß uns die Sache mit ihm besprechen " Der Hinzutretende, den die Dame mit dem Namen .mein Mann bezeichnte, konnte eigentlich aus den Namen Mann keinen Anjp>uch machen. ES war eine kleine verwachsene Gestalt mit einem kleinen Kopfe, in welchem lebhaft glänzend« kluge Augen funkelten. Der kurze Rumpf saß auf düunrn Beinen, an welchen sich unförmlich große Füße befanden : auch die Hände, in denen sich jetzt verschiedene Papiere befanden, hatten eine stattliche Größe und bildeten daS Ende ungewöhnlich langer und dünner Arme. Dieses Männchen war der Besitzer des Gutes, der Gatte der stolzen Frau und der Vater dieser schönen Kinder Er kam rasch näher und seine Züge lassen erkennen, daß er in reichem Maße geistige Vorzüge besitzt, die seine körperlichen Mängel weit ^überwiegen. Die Herzensgütc steht ans seinem Gesichte «schrieben und Klugheit und Milde blicken auS seinen Augen. Er hat einen Brief in der Hand und ttitt zu seiner Frau mit der Frage heran: .Wollen wir unsere Esther in Pension geben? Herr B. schreibt mir, daß er im nächsten Monat seine Rosa nach Brüssel dringe und fragt an, ob ivir unsere Esther nicht auch schon sortgeben wollten, der Gesellschaft halber, wie Herr B. schreibt." .Soeben sprechen wir davon", sagte die Dame de« Hauses, .mein Bruder sagt mir e«, ehe Du zu unS tratest und ich meine, ob Esther ein Jahr ftüher oder später geht, da« wäre einerlei. Gesellschaft bietet sich nicht jedes Jahr — wir wollen sie mitschicken.' Der Bater hatte keine Einwendungen dagegen und so wurde Esther denn mitgetheilt, was man beschlossen hatte. Sprachlos starrte das Mädchen die Mutter an, und das einzige Wort, welches ihr entschlüpfte war: .Sittah". .Tu scheinst Dich gar nicht mit dieftr Botschaft zu freuen!" sagte ganz verdrießlich die Mutter. „Du bist ein undankbares Stint», das seinen Eltern nur Verdruß bereitet." .Ich — ich freue mich ja außerordentlich", stotterte Esther verlegen, „ich — «t war nur die Ueberraschung — da« kam so schnell, so unerwartet." .Nun, was soll ich Herrn B. schreiben?" fragte kurz der Vater. »Schreibe ihm, daß unser Estherchen mitgeht", «rwiederte die Mutter, der Tochter freundlich zunickend. Mtt Thräuen 8° fiel S< P la in _ , . dieselbe uud fragte: .Deine Liede bleibt mir doch, Mütterchen, we auch ftrn bin?" „Du Närrin, gewiß bleibt sie Dir, »er sollte sie rauben?" .Sittah." .Du klein« Närrin; bist wohl eifersüchtig? Ich äuleiu Sittah recht gern. Du bist und bleibst jedoch lebe« Töchtrrchen" .Ganz gewiß, Mutter?" »Ganz gewiß " Ein herzlicher Kuß schloß die theuerung und Esther war zufriedeugesteüt Am andere« Tage schon wurden die Vorbereitungen z« Reise getroffen und al« der Tag, der zur Abreise brsti« worden war, kam, nahm Esther unter Thräuen Abschied »o den Ihren, und versprach recht oft z« schreiben. XI. Sittah an Esther Marx in P. „Fast drei Monate sind vergangen, seit wir Abs.hii von einander genommen, ftit ich Dein liebe« Antlitz zuf gesehen. Dich zuletzt au me.« Herz gedrückt habe. Wie jsluge. entschwand mir die Zeit. d»e mir, ach, so uueudlit ang erschien. Der ungeheure Schmerz um den Verlust vo Bater nnd Mutter läßt mich die Heimath kaum vermiss« und meine Stellung l»a1 der Pflichten so viel« für ich kaum dazu komme, an mein Unglück zu denken den herzlichsten und innigsten Dank für all die Güte Freundschaft, die Du mir in dieser Zeit der Noch und Summers erwiesen hast Möge der Allvater Dich vor so'' Weh behüte», das mich bettoffen hat. Alle«, an dem grz^hmg, habe ich verloren, Battr und Mutter, imäch und Vaterland. Mir bleibt nnr noch Dein« Freu« fchaft, unser heil'ger Glaube und meine Pflicht. Ost mir die ganze letztt Zeit al« rin schwerer Trau«, au« ich plötzlich erwacht bin, aber ach, meine Umgebung, jetziger Aufenthalt, sie zeigen mir, daß kein Trumn umfängt, daß alles wahr und Wahrheit ist. Wie viel glück kann doch der Mensch ertragen! Auch Deinem lieben Bater meine» besten Dank fftrj die Liebe und Treue, die er mir erwiese« hat. Auck kann meinen Schmerz mitfühlen, denn er hat in seligen Vater einen treuen Freund verloren, einen mit dem er lange Jahre zusammen gelebt. Dein Bater seine Freundschaft auch ans mich übertragen und ■ Streben soll eS sein, mich dieser Freundschaft würdig^ erweisen. Dein Vater soll die Reliquien, die ich von lieben Eltern erhalten und ihm zur Bewahrung ü habe, gut verwahren und sie demjenigen übergebe«, al« Parole die letzttn Wort« meine« Vater« dreimal^ — Ich würde Dir gerne einen Bericht von meiner ' 5eben, wenn ich überhaupt etwa« acjehen und gehört )ic schönsten landwirthschaftlichen Gcenerien mag ich flogen haben — ich habe nichtdavon gemerkt; mein war blind, denn stets stand derAu«nblick vor meiner da man die Eltern mir in« kühle Grab legte. Heute wenn ich mit meinen Zöglingen einen Spaziergang maj kann ich die Schönheiten der Natur nicht scheu — mich erst aufmerksam daraus machen. Ich habe es hier ttoffen. Der Herr und die Dame de« Hause« nehmen ah ordenllich viel Rücksicht auf mich uud meinen Sinder, meine Zöglinge, sind mir wohl zugeueigt das älteste Mädchen, welches jedoch stit vierzehn Brüssel in einem Penfionate ist. S* ist ein eigei wunderhübsche« Mädchen von 13 Jahren, da« a« sei e« sieben Jahve älter. Bon meinem Hau« seiner Eltern bi« heute wähnte ««, Liebe seiner Eltern e«tw«>den könne, u»k Thräuen darüber vergossen. In der wohnt ein Bruder mewer Dauwz,