Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 42-43 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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zu ^fetten, «mH, . _ ... . war in rin« Art Lhtffreschrift abgefoßt Darüber befragt, beruhigte « mich mit d« Antwort, d« Inhalt kei ganz harmlos« Natur. Je den zweiten, dritten Tag entterSi« « sich für einige Stunden andem Hanse, ohne dag wir wußten, wo « dies« Zeit verweile, ab« anch dafür verstand « imm« einen Borwand zu findn. WaS mich aber noch «ehr beunruhigte, waren mehrere Exemplare eine- Zeitung»« blatte-, di« ich auf seinem Schreibtische vorsand, eines jrn« Blätter. die damals wie aus den Wolken in die Häuf« geflogen Kimen, ohne daß man wußte wann und woher Jene» Blatt predigte Umsturz und Lockerung aller Gesell« schohsbande; kurzum ein Nihilistenblatt. — .Wie kommt denn so rin Blatt zu Dir?" fragte ich ihn. .Du weißt ja," beruhigte er mich, .wie so etwa« in unseren Tagen Einem wie aus den Wolken in die Hand fällt!" .Und bist Du, mein Kind, mit diese« Inhalte rin» verstanden?' forschte ich .Wenn ich aufrichtig sein sollte — ja!" erwiederte «. .Wie!' ries ich befremdet und «schreckt, .könntest Du Gefallen daran finden, daß alle Bande der Gesellschaft gelockert werden?" .Jo, diese verdammten ObernaczelnikS schnüren uns diese Band« so um den Leib, daß wir ersticken!' .Man darf nicht, mein Kind, von Einem auf das Ganze schließen!' .Bon Einem," lächelte « bitter, .solche ObernaczelnikS führen leid« üb«all die Herrschaft, überall in allen Schichten und in allen Kreisen, und sie trinken uns da» Blut aus dem H«zrn, daß sie wie Blutegel damit vollgesogen sind!' .Du urtheitst allzu einseitig, mein Kind," belehrte ich ihn, .an die alten Fundamente der Gesellschaft darf nicht gerüttelt w«den!' .O, diese alten Fundamente," versetzte «. .sind in unseren Tagen umspült und unterwühlt von Schweiß, Blut und Thrüneu, daß sic ganz morsch sind und das Gebäude nicht mehr tragen können, so daß cs eines schönen Tages wie ein Kartenhaus zusammenstürzen muß!' .Du sprichst ja Wahnsinn, mein Lind, wie kommt diese Sprache zu Dir?" .Wahnsinn?' wied«holte « mit tiefer Wehmuth, .möglich wohl, es wäre ja auch gar nicht zu verwund«»!" .Aber ich bitte Dich, mein Kind, laß von solchen Jcrcn. denn sie bergen in sich den Tod!' .Sei nur ruhig. Bat«," vertröstete « mich, .ich äußere sie je nur Dir gegenüb«, und Du bist ja nachsichtig!" Mehr sprach ich seit jrn« Zeit mit ihm kein Wort : i'on. Ich hatte auch keinen Anlaß mehr. Er lebte wieder ganz dem Geschäfte, blieb nie mehr vom Hause weg, war emsig thätig und kehrte sich nicht um daS Treiben dranßen!" Draußm gingen unt«drffen die Wogen imm« höh«. Wie von einem unsichtbaren Wesen ausgestrruet, flogen jene B.ätt« jedem in'» Haus hinein, ja anch di« kaiserlichen Beamten fanden sie, als sie in'S Bürrau ttaten, auf ihrem Pulte liegen. Auf grheimnißvoüe» Wege gelangten sie jedem in die Hand. BergebenS spiomrte die Polizei nach. Ebenso geheimnißvoll spiriten im Laude sich schreckliche Dinar ab. Bahnen entgleisten zufolge platzend« Dhnamst» bomben, man entdeckte unterirdische Pulverminen; mitten am Hellen Tag« und auf offen« Sttahe sanken Beamte von einem Dolche gettoffen hin. ohne daß man wußte, wen in Verdacht zu ziehen. Es existirten geheime Fabriken, geheime Druckereien und geheime Verbindungen. Die Polizei schnüffelte üd«all herum und war in allen Häusern zu finden. Ich hatte fett jen« Zeit keinen Grund mehr, um meinen Sohn besorgt zu sein. Er lebte ganz de« Geschäfte, . bueb nur äußerst selten vom Hanse weg, ja « verfehlte ui« oit Sabbath- und Festtagen mrt mir zusammen di« Synagoge zu besuchen; kurz nichtin seine« ganzen Thun und Laffen «regt« irgend welchen B«dacht!... geil nnr in rin« Verblendung lebten, i* Es war a« zweiten Tage de- Hüttenfeste-. Ich gerade mit «einem Sohne an» d« Synagoge zurück, indeß 'Ä meine Frau ans einen Feiertaqsbriuch zu einem chrer Per- > wandten sich begab. Ich und «ein Joseph befanden uns inzwischen in d« Laubhütte, wo wir nach Elternsttte mit de« vorgrschrirdenen Gebete die unsichtbaren Urahnen t bei uns al« Gäste willkommen hießen. — Da wurde plötzlich mit einem großen Lärm die Thür« angestoßen und zn meinem Entsetzen gewahrte ich den Obernoczrinik in Begleitung einig« bewaffneten Soldaten. .Da ist « ja. den wir suchen." rief er den Andern zu, und. zu meinem Sohn gcwendt, fügte « mit jene« .tj, tückisch-freundlichen Lächeln, das ich schon einmal bei ih« gesehen: .Soeben emdeckten wir ein ganzes Nest von Ihren Lollegen und bei dieser Gelegenheit ward mir da» Vergnügen zu theil, in mehr«« Ihr« Briefe Einsicht zu nehmen, die ja von Writbeglückang üb«sttümen, weshalb wir eS rinsehen, daß anch wir so einen Mann bej unS brauchen könnten, und Sie daher schön bitten, mit u»S mitzuspazirrenl" a .Gerne," erwiederte Joseph, der. bevor man sich versah, hart neben ihm stand, .doch ftüher habe ich Ihnen nur - die zwei einzigen Worte zu sagen: Krepir' Schurke!" und in dcmielbe» Augenblick« ging rin Pistolenschuß los. D« Obernaczelnik packte sich mit beiden Händen bei der Brust, an« d« ein Blutstrahl hervorschoß, und taumelte rücklings, zu Boden ... Mg Ais die Rauchwolke sich verzog, sahen wir Joseph mit einem tleinen Revolver in der Hand, deffen Mündung vonH dem soeben abgefturrtcn Schuß noch dampfte. d Ehe ab« die Soldaten noch Zell hatten, au» Erstarrung zu erwachen, fenertt Joseph mit der Raschhchj^s de» Blitzeeinen zweiten Schuß ab, diesmal gegen sichselb«, und binsinkmd rief « mit lauter kräftig« Stirn» .Ich selb« vahn« mtt den Weg zu Blümrle, — v«zeih mir meine lieb« Elt«n — Adieu!" Das Alle« war das Werk ein« Sekunde. Eine halbes Stunde spät« trug man zwei Leichen aus d« Laubhütte.! Was daraus geschah, ich weiß eö nicht mehr, ich tor“ ' nur» daß ich der Tragbahre folgte, iu welch« sich die Leie! meines etnzigen Kinder befand. Danzit aber war da» große Trau«spiel noch Nicht zu Endri? Plötzlich drängten sich viele Leute mit einem großnu Lärm an mich h«an; sie rissen mich mit sich fort zu mirs nach Hause. .Dein« Frau!" hörte ich sie mir zurnfen/s .nur schnell. Deine Frau! Deine Frau!" Als ich zu Hause anlangte, war meine Frau eine Leiche. Sie wurde nämlich, als sie spät« nach Hause kam und^ daS Schreckliche «fuhr, von Schla.se gerührt. WaS spät« geschehen ist. — Sie sehen ja, ich lebte olle«: Blümele, meine Frau, meinen Sohn, alle mir theuer sind, ich glaube, ich werde mich selb« überleb well für meine Qualen kein Aufhören und Sterben Händen ist.' Dem greisen Manne blitzte bei diesen Worten eine jäh Thrän« in den Wimpern. In der Laubhütte herrschte wied« tiefe, feierliche Stille.^ Durch das Laubwerk üb« unserem Haupte goß^d blaffe Mond sein fahles, gespenstische» Licht über uns a« D« greise Erzähl« saß, das Haupt auf die Brust gefenk und starrte in'S Leere. Mein Bater neben ihm stützte dei Kopf auf den Arm und saß in traurige Gedanken verlöre« auch die anderen Tischgenoffen saßen jed« still« vor und lebten i« Grifte nochmals das Erzählt« durch, — aber blickt« fort und fort zum bleichen Mond hinauf, im Laubwerke wie ein still« Lauscher, sich oastrckt hhrll^ ..in meinem damals kmdlichen Gemüt he sagte ich «ir: , dies« Mond hi« und dir Sterne, um» mit ihn« im Bö auch die große Sonne täglich auf so viel Ja»»« so gllttg hinunterschauen können, dann »ag ich si^niGt «t T ■—*—nf*-*-»---°*~n1^-~n T—"~T~nVf ft fjnTin (JilHnTi fl tnnlfp.tffn>linr|