Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 42-43 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
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r5r üortte darauf bann tok au« einem Traume empör. „Sehen Sie," rief er bann mit einem Ausdruck unsäglichen Schmerzes, indem er mit beiden Händen sich beim Barte faßte, .sehen Sie diesen milchweißen Bart, vor erst acht Jahren war er kohlschwarz, aber «in einziger Tag genügt«. ihn in grau zu wandeln, und ein Wunder ist «4, daß jener Tag mich nicht ganz zerschmetterte." Jäh bekam sein Gesicht bei diesen Worten eine erdfahle Farbe. „Sprechen wir lieber von etwa« anderem," sucht« der Vater abzudrechen, als er den Sturm merkte, den seine Frage in ihm entfesselte. „Nein," wehrte er entschieden ab, „just jetzt drängt eS mich davon zu sprechen, auch der Schmerz ringt nach Luft und läßt sich nicht immer eindämmen." Wir rücken näher zu ihm und horchten, während er mit einem von Wehmuth durchwühlten Ton« zu erzählen anfing. „Just um dieft Zeit, um di« Abenddämmerung war e«. Ich saß mit meinem Sohne in der Laubhütte, wir begrüßten, wir wir e« soeben hier gethan, die Väter der Urzeit in unserer gastlichen Laubhütte, da brachen unheimliche Gäste zu un« ein und brachten meinem Weibe und unserem einzigen Kinde den Tod und mir ließen sie noch etwa« Schrecklichere« al« diesen zurück — da» Leben. Doch nein," unterbrach er sich auf einmal, „so werden Sie mich nur schwer verstehen. Früher muß ich Ihnen ein Bild meine« einstigen Leben«- glücks entrollen." — Er sammelte sich einen kleinen Augenblick und fuhr dann weiter fort: „Der Herd der Zuftiedenheit und de« Glücke« war mein Haus in der ganzen Stadt genannt, und auch mit Reckt, denn selten barg ein Hau« zwei solche glückliche, zuirirvene Menschen wie mich und meine Frau. Wir gehvrten einander in Liebe, Treue und aufopfernder Hingebung. Reichthümer besaßen wir zwar nie, aber Gotte« Segen waltete in unserem Geschäfte, so daß e« un« möglich war, in Wohlstand und Behaglichftit zu lebm. Unsere Ehe war >t man nur ein Fichtenbäumchen strotzen, Lühe schießen. Um da« Maß unsere« ichen, war e« un« vergönnt, schon in Al» die Sinder da« neun- Echülern al« Muster hinstellten. Er gedieh un« von Tag zu Tag immer mehr, daß da« Auge sich daran ergötzte, chn anzuseheu. So sieht man nur ein Fichtenbäumchen sti blühen und in die Glück« voll zu mal seiner Lindheit «in Stück sonnigen Himmels von seiner Zukunft zu sehen — seine Lebensgefährtin war ihm schon al« kleiner Suabe zugedacht. Da« war da« Töchterchen ' meine« Schwager«, nämlich de« Bruder« meiner Frau. Blümele hieß sie, ein Namen, der ganz ihrem Wesen entsprach, denn sie war schmuck, herzig, thaufrisch und voll Liebreiz wie ein echte« Blümlein, dabei munter uud flink, wie ein Eichhörnchen, mit ihr kamen immer Lust und Gesang in'« Hau«. Sie wuchftn von Sinde«beinen zusammen aus, spielten zusammen gen offen bei einem und demselben Unterricht, gingen täglich zusammen au« und theilten jeden guten Bissen miteinander. Man nannte sie die Unzertrennlichen, uud jede« in der Stadt war e« kein .Zweifel, daß diese Sinder für'« ganze Leben zueinander gehörten. Bon seinem siebzehnte» Ähre angefangen, widuwte sich Joseph dem Geschäfte, i» da« er sich bald so hineingefundeu hott«, daß ich ihm mit ruhigem Gewiflen da» Ein- und Verkauf der Äoareu ganz überließ. Ost hielte« ihn Geschäftsreisen wochenlang fern vom Hause, aber an sei» Blümele verfehlte er keinen Tag zu schreiben. — Wo« wäre denn da« für ei» Tag für sie, wenn sie nickt zu» mindeste» etwa« von einander sehen sollte«? ... Al» d» zehnte war da« «in Schwelgen in Glück und Wonne! Roch nie hatte man : Jahr erreichten, feierten wir ihre Verlobung. O, wa» xi» für eine LickeStruntenheit bei diesen Kindern, für vor . . . _ ««, all« Blick nur auf sie gerichtet. Wir Eltern uu« an dem Anblick unserer Sinder. Da zeigte sich plötzlich an de« sonnigen Himmel uns. Glücke« ein dunkler Punkt, der un« in dem ersten Au, blick sehr beunruhigte. Ein hoher Gtaat«beamter tKraäfftc] sich in unser Blümele, er verfolgt« sie überall; wo sie sta» und ging, tauchte er wie aus dem Boden hinter ihr au[ er drängte sich an sie mit schamlosen Anträgen heran einmal lauert« er ihr in der Abendzeit in der entle Gaffe, wo ihr« Eltern wohnten, auf und «suchte ihr Gewal anzuthun. Die verzweifelte Lage jedoch, in der sie sich fand, stählt« ihren Arm, so daß sie ihn mit einer sol, Sraft von sich fortstieß, daß er zurückaumelte und mit ' Sopft gegen ein« Bretterwand rannte, an der er eine schloß Verletzung sich beibrachte, indeß Blümele seinem “ versuche glücklich entkam. Seit jener Zeit hörte er auf zu verfolgen, denn er mußte immer an di« blutig« Schram» denken, die ihm seit jenrr Zeit unauslöschlich wie rin Saint zeichen zurückgeblieben war. Unser Joseph wollte in ersten Aufwallung de« Zorne« zu dem Schamlosen I stürzen, um ihn nach Verdienst zu züchtigen, doch hieltenj wir ihn von diesem Schritte ab — mit derlei Leute» hervorragender Stellung ist e« gefährliche Sache anzubind übrigen« hatte ja Blümele sich selver Genugthuung veischaf Inzwischen verstrichen einige Monate. Jener u« genehme Vorfall war lange schon vergeffen und nach freuten wir uns wieder unsere« Glück«, da« seit ' nicht «in einzige« Mal mehr getrübt war. Um spielten sich in dem öffentlichen Leben stürmische iffe ab — der Ansstand der Polen. Da« ging toll Hers an hörte von einet Art Behm^richt. geheime Executio, wurden ausgeführt, die Aufftändlschen überfielen die Sais lichen Soffen, stürzten sich au« einem Hinterhalte auf Soldaten, verweigerten die Auszahlung der Steuern, zei sich öffentlich in der Nationaltracht, hißten die pol» Fahne auf die kaiserlichen Aemter auf und fangen in fi lichen Auszügen die polnische Nationalhymne. Da» sah Regierung nicht lange müßig an, sie raffte sich wie verheerender Sturm auf. Zu Hunderten wurde» Empörer hingescklachtet, in d« Serker geschleift, auf ofi Straßen gezüchtigt, ja sogar di« beim Aufttande betheil Frauen wurden nicht verschont, und so manche Edeldan mochte damal« Bekanntschaft mit der Snute. Daß zu solches rten oft Gewalt und Willkür zur Herrschaft gelang leicht zu begreifen. Doch alle diese stürmischen Ereig, zogen jpurlo« an un« vorüber. Harmlose, friedln Bürger wie wir waren, lebten wir nach wie vor uuf Familie und unsere« Taaesberufe, ohne un» um di« draußen zu kümmern. Dazu nahm un« auch die Hochzeit unserer Sinder in Anspruch. Blümele befand just damals in der Glanzzeit ihrer weiblichen Schönheit war über alle Maßen heiter uud glücklich im Bewußtf bald dem Geliebten ihre« Herzen« für all« gehören. — War da« nicht auch da« Endziel uufe Wünsche und Träume? ... Da« sollte jedoch ander« werden. Eine« Abend« nämlich stürzte unser Joseph zu un« herein mit dem Rufe: „Ein Nnglüch.ein schreckiche« Unglück ist über gekommen II" „Wo« ist geschehen?" fuhren wir alle schrecken-bleich i „Mein Blümele ist verhaftet l" „Was — Blümele verhaftet! Wie kann c» mügl» „Wie Ihr höret. — Bor einer halben Stunde bewaffnete Soldaten in'« Hans und rissen fie mit T „Und warum? Un Ootteswilleu warum?" „Wie sie angabeu, al« Betheiligte beim An „Blümele al« Bethelligtr beon Aufstande Du, Sind?"