Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 42-43 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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(tnulfcgcbfit so* Dr. >. Natztner ln SUgtöurg. z« |«trr|iitii| 11) Hdttnif fir )if isriMslhe JtRtür t DK Gift« in btr Laubhütte. Lim Nathan Lama«ly. — Sltrah. Soma» au* bei Zelt bei letzten Masse, * au* Nntzlaub nnb Beruhen. Bon -.Berger. (Fortsetzung.)— Allerlei für ben Familientisch. — Nithsel- Nsthsel-Lsfungen. (lln bringt er »achbenck an« biese» Blatte ift ber letzten Maffeaausmeisungen -l-Vufgabcn. — " NnirrsOgt.) Die Gifte i» der LmidhStte. Von Nathan Samuelh. »Seid gegrüßt, ihr heiligen, himmlischen Gäste! Seid erhabene Urväter, Bewohner des Paradiese* im »Schatstn der göttlichen Heiligkeit! Seid mir gegrüßt Abraham, Jizchok, Jakob, Moses, Ahron, Joftpb und David!' Nicht allein in meinem Gebetbuch«, sondern in allen . Gebetbüchern älterer Ausgabe findet sich diese uralte, kabba» Kpische Formel, mit welcher der Jude jedesmal bei seinem r-inintte in die Laubbütte die heiligen Ahuengäste begrüßt,!^e nach einer alten Sage bei jedem Juden früh und abends in der Laubhütte erscheinen, um ihm die Mahlzeit zu segnen... Mein gottseliger Bater pflegte immer diese Eeremonie mit einer besonderen Weihe zu verrichten, so daß sic nie Mrsehlt«^ einen tiefen Eindruck aus alle Anwesenden auslüben. War es der kindliche Glaube oder war es die er« ne Stimmung meine« Vaters, die sich mir mittheilte, ich .weiß es selber nicht mehr, aber ich glaubte damals deutlich . den Flügelschlag der guten Geister zst hören, mit lvelchem cher Kein« Raum unserer Laubhütte sich füllte, ich glaubte 'ihren Odem zu fühlen und den paradiesischen Hauch einzu« -äthmen, der ihrem Wesen entstrvmte. <S« war auch das Ganze damals so recht geeignet, mein kindliches Gemülh mit tanstnd Idealen zu bevölkern. Da stand die Laubhütte festlich geschmückt, die Bretterwände mit reichen Teppichen bedeckt, in buntgestickten Farben Bilder ans dem Lande der Väter tzursstllstn: breitblättrige Palmenbäume, ein Eedernwäldchen, »ns dessen Dickicht einige Gazellenküpft lurvorlauschen, Zinnen, Dippeln und weit entfernt auch eine Burgruine. Oberhalb «tserem Haupte wölbte sich die Zimmerdecke aus Reisig, .Mld aus diesem hingen in augenerquickender Abwechslung Tim, Rosen und Paradiesäpfel herunter, die in der Luft schweben schienen, während die feierliche Abendsonne sich dem grünen Laubwerk boach, so daß sie sich in tausend »de Diamanten zerbröckelte, die uns zu Füßen rollten de» stillen, friedlichen Raum wie mit einem Zauberlichte tsiuhüllten. Und siehe, da saßen um den Tisch graue, ehrürdige Bärte, wir Kinder mit den liebstommen Augen "neben ihnen, und an der Spitze mein Bater mtt dem selig» ' Irten Gesichte. — Run. warum sollen in diesem para» Raum« nicht auch all« guten Geister Platz haben, «ein Vater soeben begrüßte? So seid denn willkommen, ihr himmlischen Gäste! Willr Vater Abraham, Jizchok, Jakob, Moses, Ahron, und Dawid! kein guter, leutseliger Bater aber begnügte sich nicht mit diesen Gästen, die ja auch Red Eli Kreuzcrfeld, bekannten Knauser der Stadt, gar nicht lästig sielen, sie. wie er sich ausdrückte, einen in gar keine Kosten Mein guter Vater sah auch gerne bei sich Gäste sch und Blut, die an seine« Tische sich Speis und ^»ehl schmeck»,, ließen. Er tm darauf auch bedacht. daß sein« Gäste bessere Menschen seien, mst denen sich ein gemächliches Plauderstündchen verleben läßt. Besonders blieb mir au» meiner Kindheit einer von jenen Gästen, in Erinnerung der selten einen Festtag verfehlst, an unserem Faimlientistie theilznnchmen. Reb Jechiel war sein Name — ein taubengrauer Greis mit großen, buschigen Augenbrauen und schwarzen, lebhaften Augcn. um die ihn jeder junge Mann beneiden könnte Reb Jechiel hatte es zwar nicht nöthig, sich bei fremdem Tische zu sättigen, denn er t>crfüg»e über ein kleines Vermögen, da« für seine bescheidene« Bedürfnisse als alleinstehender Mann vollkommen ausreichte, abcr er gab den Bitten meines Baiers nach, wenigstens an den Festtagen mit ihm seinen Familientisch zu theileu. Reb Jechiel galt in der ganzen Stadt als ein Sonderling. Nie sah man ihn im Verkehr mit Menschen. Zweimal des Tages — früh und abends — ging er in die Synagoge, verrichtele sein Bebet, »nd kaum war er damit zu Ende, kehrte er in seine Wohnung zurück, die in einem entlegenen Stadttheile sich befand, wo er sich für den ganzen Tag ein» schloß» ohne sich auch nur am Fenster zu zeigen. Durch Zufall lernte ihn mein Vater in der Synagoge stauen. Reb Jechiel faßte zu ihm sofort Vertrauen, so daß er seiner wiederholten Einladung endlich nachgab, an den Festtagen unser Gast zu sein. Nach und nach thauete er bei unserem Tische immer mehr auf, und da zeigst eS sich, daß wir einen weltklugen Mann vor un» hatten, der bei einiger allgemein« Bildung auch in verschiedenen Dingen sehr erfahren und wohlunterrichtet war. Wir freust» uns immer aus die Festtage, d». un« den klugen Reb Jechiel in'« Hau» brachst«, der über Alles so gut nutzusprechen wußte. Boa seinen Erlebnissen kam er nie uns etwas zu erzählen; aber manches bittere Wort, daß ihm hin und wieder un« willkürlich entschlüpfst, ließ un« bald errathen, daß sei» Gemüth von einem schweren Alp bedrückt war. Einmal jedoch geschah es. daß er. wir durch Zufall, den Vorhang von seiner Vergangenheit vor unseren Augen wegzog, und wa« er un« da blicken ließ, war düster und grauenhaft, daß es mir noch jetzt kalt über den Rückt« läuft, wenn ich es mir zurück in Erinnerung rufe. Am zweistn Tage des Hütstnsesst« nämlich hatte Reb Jeckiel immer eine doppelst Jahrzeit, wie er uns sagt«, nach ftiner Frau und seinem einzigen Sohn«. „Ist das blo» Zufall,' fragst ihn einmal mein Vater als er um die Abendzeit bei uns in der Laubhütte saß, »ist das bloS Zufall, daß dies« beiden Jahrzeistn an einem Tag zusammensallen, oder sind Ihnen auch wirklich beide an einem und demselben Tage gestorben?' .Beide an einem und demselben Tag," erwiederst er mit r.nem tiefen Seufzer. . »Ein seltsames Zusammentreffen,' meinst der Bater. .Ein seltsames," wiederholst er. »sagen Sie lieber, ein schreckliches!'