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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 41 (1891) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
41 (1891)
Date
1891-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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&r weiß — tauchte rin leichter Schimmer der Hoffnung in seinem Herzen auf — wer weiß, vielleicht hat ihm Sott?as Herz erweicht, so daß er mich wegen des Wochengeldes nicht mehr verfolgen wird. Gott, der die Nieren prüft, weiß es ja, daß ich mir vom Munde den letzten Bisse« ab- ,espart hätte, um meine Schuld zu bezahle«, aber bann es!vnn sein Wille sein, daß ich mein arme-, kranke- Kind chne jede Rettung verschmachten und sterben lasse? Und er ^at ja soviel dieser Reb Sender, daß er mit seiner Frau >>nd seinen Kindern schier im Ueberfluß ersäuft! Jndeß langten beide in der von unzähligen gelben Wachslichtern beleuchteten Synagoge, die von einer taustndöhfigen Menschenmenge überfüllt war» alle barfüßig und mtt dem Todtenhemd bekleidet. Prim Anblicke de- Gemeindevorstehers drängte die Menge zusammen, und während er rom Synagogendiener begleitet die Reihen vorüberschritt, strecken sich ihm unzählige Hände mit lauten Segnungen entgegen. Auf seinem Sitze in der Frontseite angelangt, nahm ihm der Synagogendiener die .Raswulki" ') ab, so aß er in der silbernen Jomkippurkappe und in dem Kittel mit dem goldenen Kragen stehen blieb. ,Ein Jüd wie ein Malah *) flüsterten sich die Frauen in der .Weiberschui" zu. Jäkele blieb unterdessen bei der Thür der Synagoge ,uhen, ohne weiter einen Schritt zu wagen. — Er kannte seinen Platz — der Arme. Bereitstand der Borbeter umgeben von seinen .Unter- Helfern" beim Altäre und jetzt wurde der große Sammetvorhang von der heiligen Lade weggeschoben, aus der drei Thororollen ausgehoben wurden, von welchen die erste Reb S«"der und die beiden andern noch zwei andere Borsteher erhielten. Daraus begann der Vorbeier mit jener feierlichen und uralten Melodie das .Kol Nidre'-Gebet. Wie auf SturmeSflügrln erhoben sich die Herzen der vielen Beter zu Gott und tausend Stimmen brachen sich an der Wölbung der Synagoge. — Ach, was haben sie nicht Alles von dem lieben Gott heute zu erflehen die vielen zerknirschten und reuigen Menschenkinder! Auch Reb Sender sentte den Talis mit der großen silbernen Krone tief über den Kopf und begann mit dem lieben Gott ein ernstes Wort zu sprechen. Auch die ver» stockten Thränen stellten sich diesmal reichlich ein. denn jetzt heißt eS. Alles, was ihm auf dem Herzen ist, in rührender Weise dem lieben Gott vorttagen und er hatte viel von ihm ju erflehen: baß die Wochengelder, die er unter die vielen Armen verliehen, pünktlich mit den Zinsen jede Woche «ingehen, — daß dieses Jahr kein einziger Ausfall fein soll, — daß die eingeklagten Wechsel ihm d»e ausstehenden Gelder wieder zurückbringen, — daß die strafgerichtliche Untersuchung, die gegen ihn eingeleitet ist, sich günstig für ihn abwickle, freilich habe er schon das Röthige angewendet, aber was frommt alles menschliche Sinne« und Handeln, wenn Gott nicht mithilst? ... Daß der Stadtscbeigez *), der ihm liberal ei» Bein stellt, ein fiir allemal von der Erde verfc^oinde, — daß Gott die Gemeinde, wie bis jetzt auch weiter in Blindheit erhalte, damit sie es nicht sehe, wie er ihr in ftommer Demuth das Fell über die Ohren zieht, — daß er mit seinem Weibe und seinen Kindern in allem Guten ältere, und endlich, daß der liebe Gott es so führe, daß er bald die Fleischpacht erstehen soll, denn wer weiß noch so gut, wie der allwissende Bater im Himmel, wie man bei diesem Geschäfte den lieben Leuten die Kehle zusammenschnüren kann, daß sie braun und blau werden. Mtt ganz besonderem Flachdruck legte er dem lieben Gott die Sache der Fleischvacht an's Herz, so daß er beim Bußgebet gar nicht sparte, sich jedesmal mit kräftiger Faust an die Brust zu schlagen ... Auch Jäkele stand den Talis über den Kopf mit dem Gesichte zur Wand und flehte zu Gott, aber seine Wünsche waren viel, viel bescheidener, als die des Gemeindevorstehers. ') Di« Oberbülle. ») «ie ein (Engel, •) tinet, der die Sffeet- Uchen Angelegenheiten Überwacht. Er flehte, daß Gott seine Mühe und Arbest segne,'Ätck er ihm datägliche Brot verdienen lasse rn Ehren, ~ Schmach und Erniedrigung, — daß Gott von seinem lii Ganeden *) da» Heil für stin krankes Kind schick — ihm der liebe Gott da» Joch des Leben» ein bischen leichter^ mache, denn es fei ja gar nicht mehr zu ertragen, — daßx er alle jene, die gegen ihn hart sind, zur Milde und Barnv^ Herzigkeit stimme, denn er sei ja doch ein Gott der Milde und der Versöhnung, der dem Armen immer beisteht, die Wankenden und Muthlosen nicht sinken läßt und die Thräne» der Unglücklichen zählt! ... Den ganzen Abend und den darauf folgenden Tag waren sie nicht müde zu Gott zu flehen und de« Himma mit Gebeten zu stürmen, und abgar am Bersöhnungstage die Abendschatten sich zu verlängern anfingen und der Borbeter daS Neilagebet') mit den feierlichen Worten eröffnete: .Thue weit Deine Thore auf, bevor sie sich schließen, und laß unser Gebet vor Dich kommen!" Da ergoß sich ein ' neuer Geist über die vom Fasten und Beten erschöpfte Ge».. meinde, die wie verjüngt und neugestärkt auf den Flügeln^ der Andacht zu Gott sich emporschwang. Reb Sender betetenicht mehr, sondern brüllte wie ein Löwe, denn er wollte alle anderen mit stiner Stimme übertäuben, damit der Engel Gabriel, der Pförtner des Himmels, sein Gebet zuerst hör«^ heißt es ja, daS Reich de- Himmels sei wie das der Erd«/ und hier gilt e» doch nur, mit gewaltiger Faust sich vorzudrängen und alle Schwächere» zu Boden zu schleud damit sie Zurückbleiben und nicht gleichen Schritt halttKA können. ES gilt also vor Thorsperre mit allen Kräften j vorwärts zu stürmen, weshalb Reb Sender, der Vorsteher/ “f mit Aufgebot seiner ganzen Kraft zu Gott hinauspoltertei - j .Der Tag schwindet, die Sonne geht unter,' laß «ich ei» ziehen in Deine Thore!" Jäkele hingegen würgte die Thränen, daß er kau» hörbar vor dem lieben Gott seine Klage vernchmen ließ: „O, laß Deine Gnade über mich walten, laß mein heißes ij Gebet vor Dich kommen, denn das Herz ist mir wund und der Kopf wirr und krank!" Und zu Ende ist das Gebet, verhallt der siebenmalige Ruf: „Der Ewige ist ein Gott!", auch der gedehnte Ton de- Blasthornes ist soeben verklungen. > Ha! Wie das fluthet von allen Seiten hinauf zu« li Gemeindevorsteher, dem hundert Hände auf einmal sich «ft '3 dem jubelnden Segensrust entgegenstreckn: .Möge Gott alle-Z Ihre Gebete in Erfüllung gehen lassen!" Begleitet von einer großen Schaar von Anhängern, begab sich Reb Sender, der sich den Talis um den vey^j schwitzttn Hals wickelte, nach Haust, wo bereits alle Räu»e von Licht übersttömt und die Tische mit allem Guten bedeckt j waren... Während Elkele mit der breiten Stirnbinde und des herrlichen Perlenschnüre» von allen Seiten die Segnua ihrer Gäste entgegen nahm, ging Reb Sender, der Gemein Vorsteher, di« Hände auf dem Rücken verschränk wohh im Zimmer auf und ab und sang vor sich hin einige! der Helligen Gebete . .. Ihm war so stoh zu Muthe. — Gewiß hat <? alle seine Gebete erhört. Da» Herz sagte es ihm. Auch Jäkele und seine Frau kehrten von der Symrg zurück in ihr kleines, dunstige» Ofsizinstubchen, das schon beim Eintritte den Athem bekomm und das d düster und traurig von einem Zweikreuzerlichtchen beleu war, da» auf dem Tische vor dem Bette dekranken einen umheimlichen Lichtkreis um sich wob ... Das kranke Kind sah heute noch viel bleicher als au», die Augen schienen chm noch viel weüer und die! viel dünner und zitternder ... .Heitz süße», was ist Dir?" stagte dst bebend« Stimme. •) Paradies. ') Schlnßgebet.

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