Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 41 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/6492351-8722846-5959746--1736-5374808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^\VU %'$/ $mulg«g<tai dm Or. M. Nahmer In wagdibnrq. |ir |itrr|iltflX| in* -eiehnnß f8r *ie isriktitislhe fnilif. kiamurly. — 6ittak. Roman au* der Zeit btt letzt r. föoTtfcttnig.) — RatHtMfotaafen. — RLihsrl-LSfnng (oMrfastn RaRtnuf ul Mrfra (Matt* ist mu»»Mßt.) Zwei NmhhMr». Jüdische Silhouette von Rathon Lamuely. (Schluß.) WaS zu Leut' ist zu Leut' — Reb Sender sitzt, umgeben von seiner Familie» bei der vollbesetzten Tafel mit auf» geknöpften Hosen vnd gelockertem Halslragen, denn er verproviantirt sich für die ganze Nacht und den ganzen morgigen Tag. an welchem er keinen Bissen zu sich nehmen wird, mit Speis' und Trank» daß er schier berstet, und der überfüllte Magen in Grunzt öncn sich jedeSmal Lust macht. Jetzt geht «S an da» Rachtischbebet und um sich für eine hochernste Stinnoung vorzubemten, befiehlt er seiner Frau mit einrm schweren Seufzer und einer weinerlichen Stimme: .Elkrlr, mein Weib, sckütl' mir «och ein Gla» Wein ein!" Und Elkrle schüttete de» Becher voll, den der fromme Red Sender mit großer Andacht auf den letzten Tropfen leert worauf er da» Nachtischgebet zu verrichten ansäagt. Da» war ein Erbarmen zu sehen, wa» für Grimassen der Arme schnitt und wie er sein Gesicht wie «in Krapfen in tausend Falten legte, «m nur eine Thrüne hetautzubringen. E» ist dock) ein Wahrer Skandal, beim Rachtischgrbet vor .Kol Ridre" nicht ein« Thrüne zu veigirßen. Aber es ist wie verhext — eine tinc Dürre, r» will sich nicht weincn! Der Arme mußte sich »mit begnügen, mit leiden Hüaden da» Gesicht zu verhüllen und da» Rachtischgebet mit lauter jämmerlicher Stimme vor sich hinzublüken. Rach dem Tischgebet sesstr Red Sender die Jomkippurkappe auf und zog den weihen Kittel mit dem goldenen -Kragen an, über de» er den rothea Bart auf der Brust »eit auseinander machte, so daß er wie ein Generalmajor ^Oussah von einem russischen Kosakenregiment. Jetzt trat «ich vor ihn sein Weib Elkele, geschmückt für den heiligen Tag. 0 Zwei blitzende Btillantenbouton» an den Ohren, aus hem Kopse ein« breite Stirobiade und mehrere Schnüre : Perlen von ungewöhnlicher Grüße um den Hat». Thränen -ftab es, die sich in Perlen gewandelt haben. Thränen von '1*itien Armen, Wittwrn und Waisen, di« Reb Sender, ihr Mann, mit einer Schraube zusammeugekrämpst, daß sie au» Brust teudjttn, doch wa» schadet da» Alle», meinte Elkele, «ehr Thränen, mehr $*rltn. — Und wirklich die Stirnbänder und die Perlschnür« von Feiertag :iertag einen imunr größeren Huwachs an schöne«, Perle«, denn auch Reb Sender, ihr Mann, sagte gleich .wa» schadet da» Alles?" Nicht ohne ei« Gefühl der' inner» Selbstzufriedenheit, Sender fein« Herden feste» Hände auf die gesenkten seiner Kinder, um sie vor dem Herauvahen der feierlichen z» segnen. Und wer soll den» segnen, wenn nicht Gott vielt Inden in der Stadt, die, nie er, ihp gewiß wird, der dort oben sitzt, sofort eskompt iren. In demselben Hause, in dem engen, dunstigen Offizinstübchen, in der Nähe de» Abgusse», sitzt auch Jäkele mit seiner Familie um den Tisch, vor dem Bette de» kranken Kinde» Wahrhaftig, sie brauchten sich nicht erst zu nvthigen um «in paar Thränen zu vergießen, denn diese quollen und rannen ihnen so reich und so voll au» dem Herzen, daß da« Schüssrlchen mit magerer Supp«, da» vor einem jede« zu sehen war, sich immer mehr mit fetten Augen füllte. Jäkele'» Weib trägt keine Brillantohrgehrnge, kine Stirnbänder und keine Perlenschnüre, sondern ein verblaßte» Seidentuch um den Kopf gewickelt. Sie war so bleich und mager, daß man jede» Arderchen ihr im Gesicht zählen konnte. Jäkele blökte nicht mit lauter weinerlicher Stimme da» Nachtischgebet, sondern schluchzte es still in sich hinein und suchte vielmehr dir Thränen vor dem kranken Kind« zu verbergen, daß diese ihn wie Nadelspitzen im Halst stachen. Die arm« Mutter drückte ihr Gesicht an da« ihre» Kindes, da» sich feucht aufühlte, denn auch dem kranken Kinde quollen die Thrüne« aus den halberloschrnen Augen. Auch Jäkele legte, wie Red Sender, seinen Kittel an, doch nicht wie jener, mit einem stolzen, goldenen Kragen, sondern ein wahres Todtenhemd, jenes Schlafgewand, da« er einst anzirhen wird, wenn man ihm zur ewigen Ruh« hinlrgte, und ach. er möchte schon sttzt schlafen gehen, denn er ist so iodimüde. — Ihm fällt es nicht «in, seine Linder zu segnen, denn was kann der Segen eines Mannes von Werth sein, den Gott mit seinem Fluch« beladen? Aber all« — Ellern und Kinder — beugten sich über da« blaße, kranke Mädchen, so daß sie sich all« mit den Köpfen berührten, und lagen sich dann minutenlang schluchzend in den Armen — sie verstanden einander. Ädlich wandte sich Jäkele rasch ab, griff «ach Tali« und Gebetbuch und verließ, ohne em Wort zu sagen, da» Haus. Er vermochte nicht länger zn bleiben, er fühlte, daß das Herz sich chm zusammenkrämpste. Am Ausgange des Thorrs trastn beide Nachbarn Zusammen. Reb Sender schritt breit vor sich hin, mit feisten Hand sich behaglich den Bart glättend, während der Synagvgendiener hinter ihm das große, schwere Gebetbuch und den blinkend neuen Bettalar ihm nachtrug. Jäkele wieder ging mit gesenktem Haupte und beim Anblicke des reichen Manne» drücke er sich an dir Wand, um ihm mehr Pitch z« machen. Einige Schritte ging so Reb Sender, ohne sich umzusthen. Endlich machte er eine Handbewegung, wie wen« er einen kühnen EntMuß gefaßt hätte. Er wandte sich rasch um. ging einig? Schritte zurück und reicht« mit dem üblichen Segensspruche „Oemar tow (guten Erfolg)!" Jäkele seine Rechte hin, die der Arme kaum mit den Fingerspitzen K' «rühren wagte. Darauf ging Reb Sender weiter, tndem er zufrieden den Blick zu« flammenrothen Abendhimmel rmporhob, wie wenn er sich Überzeugen wollte, ob Gott es gesehen, wie weit er sich seinetwegen jetzt vergeben habe. — Jäkele verlangsamte unterdessen sein« Schritte, und den Kchf »och tiefrr gebückt, überdachte er das so«,« Geschehene.