Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 40 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-ONlMnbent und die Stelle, die man ihm in Petersburg offeriert Latte, aunehmen. »Wenn ich »ach einem Jahr»,' so schloß der Brief, .mir in der neuen Welt eine Stellnng und Heimat gegründet haben werde, so werde ich herüberkommen, um meine Sittah zu holen. Gelingt e» mir nicht, so soll meine Sittah frei sein von ihrem Worte und sich einen anderen, würdigen Gatten wählen. Wollt Ihr aber jetzt alle mit in die neue Welt, so seid mir herzlich willkommen. Ich habe gesunde Hände und Kenntnisse und der Vater im Himmel, der den jungen Raben da» gibt, wonach sie schreien, er wird auch an« Helsen und un» reiten. Haltet Euch bereit, in den nächsten Togen werdet Ihr mich sehen. Ich werde iu der Bekleidung eine» podolischen Ochsen Händlers bei Euch erscheinen, da ich, ich weiß nicht au» welchem Grunde, verfolgt werde.- Al» Reb Eliah seine Frau und seine Tochter ansah, la» -er die stumme Frage von ihrem Gesichte und er fühlte sich gezwungen. offen mit denselben zu sprechen; diese» geschah auch und al» er geendet hatte, sagte Sittah: .Laßt un». l«be Eltern, mit ihm da» ungastliche Land verlassen und in die neue Welt reisen. Drüben wird Gott weiter helfen. Wa» haben wir hier? Feindschaft, Vorurtheil, Verfolgung — drüben ist die goldene Freiheit.' — Auf diese Weise vccsuchte wäre, aber in meinem Alter, mein Kind, darf man sich nicht »ehr dem tückischen Meere anvertrauen. Lasse ihn ziehen; er wird Dich bald al» sein liebe» Weib heimführrn, ich aber und Deine Mutter, un» wird der Ausweisungsbefehl nicht treffen, wir werden hier bleiben trotz aller Menschenmacht l' Diese Worte hatte der Grei» in prophetischem Tone gesprochen. Wie ein Seher, der die Zukunft schaut, lag er mit geschlossenen Augen in seinem Lehnstuhl, während ein seliges Lächeln ftine Züge verklärte. IX. Rabbinowitsch war glücklich aus Petersburg» Mauern entkommen. Er saß in einem Coupe« zweiter Klaffe de» Zuge» der um 2 Uhr Mittags au» Petersburg abfährt und über Dünaburg, Wilna, Wirrballen der deutschen Grenze zueilt. Der Züß kommt gegen 8 Uhr de» Abend» in Wilna au, woselbst ern Aufenthalt von einer halben Stunde ist. Schon in Garschina war e» Rabbinowilsch ausgefallen, daß rin Conducteur von Zeit zu Zeit durch das Fenster de» Loupee» blickte und sich überzeugte, ob desien einziger Insasse, Rabbinowitsch; noch im Loupee war. Der also spähende Conducteur hatte sein Billet nicht zu sehen verlangt; diese» »ar von einem andern toupiert worden. Rabbinowitsch war nicht lange im Zweifel, wa» der Ausspaffer wollte, denn in Wilna trat ein Mann an denselben heran, dem er jedenfalls Bericht erstattete, und Rabbinowitsch sah, wie sie »ährend ihrer Unterhaltung fortwährend nach dem Coupe« blickten. Rabbinowitsch wollte da» Coupe« ans der entgegen- -«setzten Seite verlassen — e» war verschlossm. Da» hob thm allen Zweifel und rasch entschioffen öffnete Rabbinowitsch, -al» der Zug langsam au» der Bahnhofshalle fuhr, da» Thürfenster, stieg durch daffelb« auf den Tritt und sprang von dem jetzt in rascherer Bewegung sich befindenden Zuge herab. Seinen kleinen Handkoffer hatte er schon vorher au» dem Fenster geworfen und nachdem er den Sprung selbst gewagt und auch glücklich auSgesührt hatte, eilte er, nachdem er sein Handgepäck sich geholt hatte, auf Umwegen dem Bahnhof «t. Er hatte sich beim Herabspringen etwa» verletzt und hinkte stark. Endlich errerchte er den Bahnhof; noch zur -achten Zeit, um sich ein Billet zu dem nachWarschau, SoSnowic«, -Kattowctz fahrenden Zuge zu lösen. Bon Warschau au«, , »o er sich einen halben Tag versorgen hielt, schrieb er an .Mb Eliah und an seine Braut. Am andern Tage erreichte «sang« fochten die Grenze. Er wartete den Anbruch der um die Grenze zu überschreiten, da er nicht« mit thnn haben wollte. In Gnmira schloß er sich einem Ochfenhändler an. der ihn al« Treiber engagierte und der «benfall» nicht« mit den Zollwächtern zu thun haben wollte. Rabbinowitsch kleidete sich in die Tracht eine» sol-hen Treiber» und mit noch zwölf anderen wollte man gegen zwei Uhr in der Nacht über die Grenz« gehen Alle» war zum Ausbruch bereit, da kam die Rachricht, daß die Wächtcr benachrichtigt wären und den Transport erwarteten. Natürlich wurde au» dem Unternehmen heute nichts und der Ochfenhändler beschloß, weiter südlich sein Heil zu versuchen. Rabbinowitsch jedoch wollte keine Zeit verlieren und da er seinen Zweck; andere Kleider zu bekommen, erreicht hatte, beschloß er, auf eigne Gefahr hin allein über die Grenze zu gehen. Da» war ein gewagte» Unternehmen, aber Rabbinovitsch traute auf Gottes Hülfe und wer ihm verttaut, der ist nicht verlassen. Seinen Handkoffer, der nicht« al» Wäsche un» Kleidung enthielt, schenkte er einem armen Bauern, der ihm dafür versprach, ihn über die Grenze zu begleürn. L» war bald Nacht und die beiden machten sich auf den Weg. Der Sohn des Bauern hatte einen Paß, besten Signalement so ziemlich mit Rabbinowitsch Aussehen übeninstimmte. Dieser Paß diente den Nachtwanderern zur Legittmation und sie überschritten unangefochten die Grenze. Der dienstthuende Grenzbeamte ließ sich nicht einmal den Pas, zeigen, sonder« hieß dieselben weitergehen. Al» der Bauer seinen Kameraden auf deutschen Boden wußte, kehrte er um, nachdem er denselben noch fernere gute Reis« gewünscht hatte. Rabbinowitsch beeilte sich, die nächste Bahnstation zu erreichen. Rasch schritt er dem ausgehenden Morgen entgegen. Ein dicker Knüppel, den er al» Ochsentrriber haben mußte, hinderte seinen Schritt mehr al» er denselben förderte. So ging sein Marsch langsam vorwärts und trotz der Kühle de» Morgen» perlten dicke Schweißttopfen auf seiner Stirne. Er sah endlich ein, daß er noch lange maschiren könne bi« er ein Dorf erreichen würde und daß seine Kräfte zu solche« Marsch« doch nicht auSreichen würden. Trostlos blickte er um sich; so weit er nur sehen konnte wechselten Halde «st Wald ab; nirgends belaubte» Feld, da» auf die Nähe von Menjchen schließen ließ. Wohin sollte er sich wenden? Hatte er den Weg verfehlt? Hatte er sich verirtt in dieser weite«, ttostlcsen Ocde, die selbst Wölft beherbergen sollte? Er war dann diesen Bestie« preiSgrgeben, da er e» auf einen Kampf mit denselben nicht ankommen lasten konnte. Rach kurzer Rast setzt« er seinen Marsch fort, stets auf den Schutz de» Ewigen bauend. E» war heller Tag geworden; aber So wett er auch fpshet und blickt Und die Glimme, die rufend«, schickt. Kein menschliches Wesen, keine menschliche Wohnung kann er erspähen. Am ferne« Horizonte erblickt sein Auge vor sich einen klemen, sich fortbewegenden Punkt, der sah ihm nähert. Böller Hoffnung schreitet er weiter, wenn er nur jemand findet, der ihm den rechten Weg weise! «» sind Wölfe, die vom Hunger gettieben, au« Polen herüber gekommen sind. Ganz erichvpft bleibt er stehen. Sie nehmen ihren Weg auf den Punkt zu, auf welchem er steht. Schon kann er ihre Anzahl erkennen. Er zählt vier Stück, da i« rasendem Laus daberrennen. Wa» soll er thuu? Schon kann er ihre au» dem Rachen hervorhängendrn Zungen erkennen. Kan« er vor ihnen fliehen? Wie bald hätten sie ihn erreicht! Ein lange« Besinnen gab r» hier nicht. Rasch blickt« er um sich. Ja der Nähe stand ein hoher Mcstenstein, den er «och rasch erreichen konntt. Kaum war er oben angelangt, da waren auch die Wölft schon da und da sie ihn schon zuvor besehen und gewittert hatte«, sprangen sie an dem Steine m bk Höhe, um ihr Opfer, ihre Beute zu fasten. Ein schaurige» Geheul ertönte, al» sie nach verschiedenen Brr« suchen chren Zweck nicht erreichten. Immer höher wurden da Hrrünge der hungrigen Bestien. Da schmettert« Rabbinowitsch s«n«a schweren Knüppel auf den Kopf de» dreistesten und schlug chm den Schädel ein. Sofort machte« sich die anderen Wölft über de» Leichnam ihre» Gefährte« und