Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 40 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sich bk Finger schleckten, denn thatsächlich waren bk Fische und der Braten, die er ihnen als Hörerlohn bot, gar nicht übel, schon ganz besonders der Schnaps? Wer kann da auf einem Reb Sender Schlechteglaub«?? Und sei eauch, daß einige Hausirer und Krämer gegen ihn laute Anklage erhoben, er sauge chnen wie Bampyr Len letzten Bluttropfen au- — Sieb Sender bleibt doch Reb Sender! Und hat denn das gemeine Volk nicht auch .Mosche Rebbenu" stein-gen wollen? Und der liebe Gott kann er's denn allen Menschen recht thun? Sollen sie nur Galle speien soviel ihnen lkb ist; Reb Sender bleibt doch der theure, fromme Jüd', und dabei ein Kopf, ein wahrer Ministerkopf! Ein ganz anderen Lebenslauf hatte vor sich der zwcik Nachbar, nämlich Jäkele Krämer. Er und seine Frau, die einer sehr reichen und vornehmen Familie entstammen, sahen in früheren Zeiten schönere und bessere Tage. Sie waren reich und genossen allgemeine Achtung. Gut und edel von Natur übten sie die Wohlthätigkeit ohne jeden Nebenzweck, nur aureiner Menschenliebe. Sie gaben unverdrossen jedem, der nur die Hand zu ihnen ausstrrckte, und de-halb streckten auch alle Dutte der Stadt ihnen dk Hände entg^en. — Sk sättigten jeden Hungrigen bei sich zu Hanse, we-halb alle Hungrigen und Richlhungrigen der Stadt sich bei ihnen zu Tische luden. — Sie konnten kein nothleidende- Gesicht sehen, ohne zu helfen, und deshalb zeigten sich ihnen auf Schritt und Tritt lauter nothleidende Gesichter. — Sie hatten me das Herz, Einen, der ihnen die Schuld nicht bezahlte, sttafgerichtlich zu verfolgen und deshalb zogen alle ihre Gläubig« es vor, ihnen die Schulden nicht zu bezahlen. Unter solchen Umständen war eS natürlich, daß sich bald ihr großes Vermögen erschöpfte und daß sie nach kaum einigen Jahren ganz verarmt und mittellos zurückgeblieben wa eu. I» gleicher Weise wird es jeder, d« das Leven kennt, natürlich und selbstverständlich finden, daß, nachdem diese braven und guten Leute nichts mehr bitten konnten, alle Freunde auseinaad«stieben, wie die Mücken, die die Sonnenstrahlen umtanzen, ja, alle die sich früh« bei ihrem Tische gütlich gtthan hatten, verhöhnten sie jetzt. Niemand wollte sie mehr kennen. Niemand von ihnen wissen. Sie lernten jetzt dre Noth und die Armuth kennen. Sk mußten nunmehr mit einem lleinen Ofsicinstübchen vorliebnehmen, welche sie mit ihren vi« Kindern thttlten, von welchen «ne- — dajüngste — an einem Herzfehler «krankte. Die llrine Krämerei. die sie fühtten, warf ihnen kaum datrocken« Stückchen Brot ab. Möglich wohl, daß sie ihr ärmliches und kärgliche» Auskommen drin gefunden hätten, aber jed« schwererworbene Kreuz« war von den hohen Wucherzinsen verschlungen, die sk für einen geliehenen Betrag j«e Woche an Reb Sender Breitstolz auszahlttn. Schon läng« al» zehn Jahre trugen sie Woche um Woche den letzten Pfennig zu ihm hinauf, so daß sie allein an Zinsen ihm schon mehr alhundertmal das Capital beglichen hatten. — Ab« seit einigen Wochen, nämlich seit chnen das Kind so schwer «krankt ist, waren sie nicht mehr im Staude dk Wochenraten zu bezahlen, weil sie doch die letzten Sparpfennige viel wichtiger zu verwenden hatten — sich das kranke Kind zu rttteu. Jen« jedoch, den sie Reb Sende! nannten, r-ollte davon nicht wisien. Was kümmere ihn — wetterte « — ihr kranke» Kind? Er müßte ein für alle mal bi» zu Heller und Pfennig sei» Geld zurück haben, sonst w«d« er schon wisien une es ttuzutrttbea! Und doch war Reb Send« just in dksem Monate grauenhaft fromm und gottr-fürchtig^ denn e» war g«ad« im Monate Elul, den man den Monat d« Buße uvint, und heute gar erreichte seine GotteSfmcht ihren Höhepunkt, denn eS war just d« Rüsttag de» Ber» söhnungslages. In der Synagoge konnte man ihn heut« ganz zerknirscht auf einem Bündel Stroh au-gestr«ckt liegen sehen, auf dem « sich, nach altfrommrm Brauche, vom Synagogendieuer neuuunddrttßig Hieb« aufzählen ließ. — Doch was hat da eine» zum and«a? Wa» zu Gott, ist zu Gott, und was zu Leut', ist zu Leut'! (Forts. folgt.) Inm au» der Zeit der letz«» M»ße»»»-»tts»«ge» ui' ftaUfaft u»d Breutze». *»11$. r > Berger. 13, ■-ja»?.; VIIL Als Sittah »ach Hause kam. waren die Elt«u besorgt. Die Mutter fragte, wo Sk gewesen sei und erzählte, daß sie mit Esther aui dem Eis« gewesen, borti kannte getroffen hätte und diese hätten so lange gequält bi» sie dageolieben wären. .Hast Du Dich denn amüsiert?" fragte leise Reb Eliah^ .Aufrichtig gesagt, nein, lieber Vater — ich wollte mich! auch nicht amüsieren; ab« ich blieb Estherhalber." .Du thatest nicht Unrecht, Sittah," versetzte der Rabb sanft, .ab« thue es nicht wieder. Ich sehe e» nicht ger Früher, als Du noch ein Kind warst, betrachtete ich de Eislauf als gesunde LeibeSübung. deren Ausübung keine Be»: denken entgegrnstanden; jetzt aber, wo Du erwachsen bif^j sehe ich nicht gernes daß Du Dich auf dem Eise tummelst."^ »Gewiß, mein Bat«, gewiß w«de ich da- Ei» jetzdH meiden, befand«- da ich weiß, daß Du eS wünscht. Uebrw genS ist mir mein Vergnügen vollständig verleid« worden", und sie erzählte ihren Eltern mit Entrüstung daS, wa» ihr' begegnet war. Die Eltern hörten aufmerksam zu und Sittah schloß ihren Bericht mit d« Drohung, dem jungen Manne, wenn « rwagen sollte, wird« mit ihr zu sprechen, de» Rücken znzukehren. .Pfui, Sittah," sagte die Mutt«, »wer mag so ua». artig gegen Jemanden sein; wenn man Dich beleidigt so hast Du nicht da» Recht wieder zu beleidigen. Grobheit^ Ungezogenheit und unattige» Benehmen schädigen nicht den sie gerichtet sind, sondern den, der sich ihrer eißigt." .Aber was soll ich thun, liebe Mutter," versetzte Sittah. fast weinend, .soll ich mich nochmals von ihm beleidigen lasten « 5 „Daist nicht nöthlg; weich« ihm au», wo Du fanaft?ji Sittah wollte noch ttwa- «wicdero; da brachte jedoch« da« Mädchen einen Brief. Sittah nahm ihn, besah di»?^ Adresse und rief jubelnd: .Bon ihm, liebe Eltern, von 9tafcf'J| binowitsch." Sie öffnete rasch das Couvett und gab deu^ Brief ihrem Vater, d« sich in daS Lese» desselben vertieftes Ein kleine- Briefchen an Sittah lag noch bei, welck öffnete und laS. Als sie eS gelesen hatte, eilte sie zur MutM^ und bat diesttbe e» auch zu lese». E« war wenig und doch , viel, war d« Brief enthielt. Die Mutt« la« leise: .Meine innigst geliebte Sitttah! Meine Reise war umsonst und doch nicht umsons! Ich bin ein Bettler und ach so reich wk ein König) Bleibt mir Deine Liebe, so tausche ich mit keinem Fürstc d« Erde. Bald bin ich btt Dir. Alle» Rätselhafte sich dann lösen. Bi» dahin behalte recht lieb Dttnen Rabbinowitsch." Al» die Mutt« diese Zeilen gelesen hatte, schüttelte ihr grttse- Haupt. Der Sinn biq« Zeilen war ihr unv ständlich. Sittah sah d« Mutter fragend in» Ange ab« sie erhielt auf ihre stumme Frage keine Antwort, lich war Reb Eliah mit dem Lesen de- Briestzu Ein schwerer Seufzer entrang sich sein« Brust. Die salsschläge, die ihn in so kurzer Zeit gttroffen, hätten jüngeren, elastischen Körper zerschmtttert und «, d« Gr der mit ttne« Schritte schon im Grabe stand, sollte alle» ertragen? Wie gerne hätte « alle-geduldig hinge men, wenn « seine Sittah versorgt gewußt hätte: Aber in dies« Hinsicht hatte ihn da- Schicksal hatt mitaeuou sein rttchn Schwiegersohn war über Nacht ttn yttma« Bettler und Flüchtling geworden. Au- Warschau Rabbinowitsch diesen Brief an ihn gerichttt und ihm thttlt, daß « in den nächsten Tagen noch einmal erscheinen werde, um Abschied von seinen Bon P. au» wollte er dnect üb« Ha« freunden i