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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 37 (1891) · p. Seite 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
37 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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„Nur «inen Handkoffer, -ein wird?“ .Ha, ha, ha", lachte der Meschores, »mir ist s» leicht nicht »twaS zu schwer", auf seinen Höcker zeigend: .Hier ist ein guter Sattel". Nach diesen Worten war er fortgeeilt und kam in kurzer Zeit mit dem 5koffer aus den Schulter« zurück »Ha. ha, ha, leicht wie Papier. Hab schon schwerere Auffercher geschleppt! Wollen Sie fahren oder gehn?" .Ist ti weit bis zur Wohnung Deines Herrn?" .Eine gute Viertelstunde." „So gehen wir, ich bin des Fahrens so müde, daß ich mich freue, eine Sttecke gehen zu können." „Denn kommen Sie mit." Der Kleine ging voran und Rabbinowitsch hatte Mühe, mit ihm gleichen Schritt zu halten. Sie bogen bald von der Hauptstraße ab und durchschritten verschieden« Neben, und Seitengäßchen. deren schreckliches Pflaster das Geben sehr erschwerte. Mürrisch fragte Rabbiuowitsch: .Wiffen Sie keinen schlitteren Weg?" Rasch drehte sich der Kleine um und Rabbinowitsch zornig andlickend sagte er: .Sie wollen wohl Bekanntschaft mit der Polizei machen, die jeden Fremden argwöhnisch bewacht. Hab ich mir'« doch gedacht", fuhr er, sich umblickend und auf zwei ihnen folgende MSaner deutend, fort .hob ich mir's doch gedacht, da ist schon die Polizei, na, mich sollt ihr nicht fangen." Er faßte Rabbinowitsch an den Arm, zog ihn mit sich fort und trat, als sie um die Ecke bogen, in eine gerade offen stehend« Hausthüre eines Hauies und schloß diese. Ein Druck auf den Arm bedeutete Rabbinowitsch zu schweigen, und sie horten, wie sich die Polizisten draußen stritten: „Vom Erdboden können sie nicht verschwinden", sagte der Eine. .Ich sagte Dir ja schon, sie sind hier die Straße recht» herunter und dan» in die dorr sich abzweigend« Seitengaffe eingebogen. Laß uns eilen, sonst entgeheu sie uns." .Das kann nicht sein, so rasch konnten sie nicht laufen, da wir ja dicht hinter ihnen waren. Ich glaube, sie sind hier in ein HauS eingetreten, laß uns die Häuser absuchen." „Ach waS, durchs Schlüsselloch können sie nicht und di« Thüren sind alle geschloffen, wenn Du Dich noch lange besinnst, entkommen sie uns.' „Du hast die Berantwortuug", erwiederte der Andere murrend und folgte rasch seinem College», der in der angegebenen Richtung schon dahintrabte. Als die Schritte der Davoneilenden nicht mehr hörbar waren, athmete Rabbinowitsch auf. Der Bucklige öffnete die Thür«, sah hinaus und sagt«: „Die Luft ist rein, kommen Sie." Ohne ein Wort zu erwidern folgte Rabbinowstsch seinem Führer, und sie erreichten in kurzer Zeit und unangefochten die Wohnung des Freunde« des Herrn Rabdinowitsch. Der Kleine «zählte sofort, wie es ihnen ergangen und freute sich, den Polizisten entgangen zu sein. Rabbinowitsch wurde freundlich von der Frau seines Freunde« empfangen und er erfuhr, daß dieser schon morgen wieder nach Hause komme. Es war schon sehr spät und Rabbiuowitsch war so müde, daß er keinen Bissen von dem Abendbrot, welches seine fteundlicheWirthin ihm vorgesetzt hatte, nahm. Er erbat die Eriaubniß, sich niederlegen zu dürfen, was ihm gerne gestattet «ud»e. Der Kleine begleitete ihn auf sein Zimmer und Rabdinowitsch schlief, al« er sich kaum in« Bett gelegt hatte. Die Natur erforderte ihr Recht, denn seit vier Rächten war kein Schlaf erquickend an ihn herangetreten. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Rabbinowitsch am andern Morgen erwachte. Durch die dicht geschloffenen Vorhänge drang neugierig ein vorwitziger Strahl und versuchte zu erfahren, wer da dis in den schönen Tag hinein schlieft. Mehr noch al« der Strahl, der langsam über den. »it einem echten persischen Teppich bedeckten Boden krocht zeigte auch der Lärm aus der Straße dem Laimschläftr, daß es nicht »ehr früh am Tage war. Er erhob sfth rasch. ich fast die Zeit' Dein Herr ge» des Lichtes, welches herrtnvrang? sie stand stille. Bor Müdigkeit hatte er vergessen, b« aufzuziehen. Er zog sich an und wollte sfin Gebet verrft Durfte er das aber noch? War dft Zeit des Morgengebetes nicht schon vorüber? Horch! da schlug die Uhr eines nahen d Thurme«. Er zählte l l Schläge, er durfte noch beten und, so legte er rasch seine Tifillin unh brachte Gott sein Dank-' gebet dar. Al« er kaum geendet hatte, wurde die Thüre leise geöffnet und der Führer von gestern steckte seinen Kopf durchs di« Thüre: .Guten Morgen, guten Morgen, mein Herr hat sehr oft schon nach Ihnen gefragt, aber ich wollte Sie nicht wecken. Sie schliefen auch gar zu gut .Hättest mich gern wecken dürft», da des MorgengebetS verschlafen. Wann ist kommen? „Heute Morgen um sieben Uhr schon, er erwartet Sie zum Frühstück." „Ich komme sofort mit." Der Kleine ging voran und Rabbinowitsch folgte ihm ins Wohnzimmer, woselbst ihn sei» - Freund und dessen Frau schon lange erwarteftn. . Das^ Wiedersehen der Freunde war ein herzliche». Wieder und wieder umarmten sie sich, bis der Hausherr endlich mahnte^ an dem Frühstückstisch P:atz zu nehmen. Das geschah den» auch und Rabbinowitsch,, der sehr hungrig war, erwfts de» Speisen alle Ehre. Nachdem das Frühstück beendet, das Tischgebet gesproche» worden war. lftß die Hausfrau die Freunde allein. .Du hast einen weiten Weg gemacht", begann der. Freund, .in der Hoffnung, noch etwa« von Deinem mögen zu retten, ich glaube, der Weg ist rin unnützer.. Dft Gebr. Michailow haben nur Passiva, aber keine Akttv»! hinterlaffen. Alle Gelder, dft sie zu verwalftn hatten, sinid,; verloren, da die beiden Brüder ebenso große Scharftu wft:^ Geschäftsleute sind. Sft sind plötzlich aus Petersburg ver- " schwanden, kein Mensch weiß, wohin sie sich geflüchtet habe^, denn Niemand dachte an solche Schurkerei. Tröfft Dich dem Gedanken, daß mit dem Geld« das Wenigste verlor«» sei. Du kannst freilich nicht der Idealist bleiben, der D» seither warst. Du mußt jetzt auch den „Kampf um» Dasein" : beginnen. Aber fti getrost. An meiner Seift und mit1 meiner Hülfe soll es Dir nicht allzujchwer fallen» jene» Kampfs siegieich zu besfthen. Du bist ein junger, tüchtiger Man«^,' dem die West noch überall offen steht. Fange von vorMh an und erwirb Dir das, wa* Schurken Dir geraubt." Sprachlos hatte Rabdinowitsch dem Freunde zugrhört Er hatte nichts von all« dem verstanden» was der Freund ihm gesagt, vor dem einen Schrecklichen, das er begriffe^ daß er arm sei, ein Bettler, ein Ausgewiesener, darauf an gewiesen, rathlos von Land zu Land zu wandern. Was er jetzt mehr als alle die Unglücklichen, dft man zu Tausend aus dem Lande jagte? Wo war das große Bermügen blftben, das chm seine Eltern hiuterlassen hatten? Zerronv in der Hand eines Schurken. Wft rosig lag dft Zuknnf vor ihm, sie bot ihm nur Licht und Sonnenschein! Und jetz fttzt, wo er d«S Reichthums so fthr bedurfte, u« Helfer »ü Retter in der Noch zu sein, jetzt war alles dahin, er set war ein Bettler. Wer von der Htzhe des reinste» Glücl herabstürzt in de« Abgrund detz Unglück«, der Noch und ' Elende-, hat ko»u Empfindung in der ersftn Zeit fürletztere, da er «Wie gekannt. Nur der kan« von Sättig»« sprechen, der da« Gefühl des Hungers kennt, nur der von Gtü' der schon Unglück gesehen. Rabbinowitsch hatte beis kennen gelernt, und bei der Mittheilung seines Freund übersah er sofort die ganz« Wucht des Schlages, der " betroffen. Mit stoischem Gleichmuthe hätft er diese« noch vor Monaten ertragen; aber heute, heute -traf er bis in» innersft Herz. Nicht für sich ftlbst bangst zagst er, fest kurze» hatte er auch für Andere zu sß und der ganze große Schmerz der ihn durchzuckst, sich in de« Ausdrucke '

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