Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 34 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fiel und in einen Schlaf verfiel. Als der Wärter das sah, _ gab er der Frau Rabbi ein Zeichen sich zu entfernen, und alcsie an ibm vorüberschritt, dem Anfänge de« Zimmers z», sagt er leise: .Gottlob, wenn der Schlaf anhält, ist der Rabbi gerettet!" — Und er hielt an. Schon eine ganze Stunde warteten Rabbinowitsch und Sittah und deren Mutter mit angehaltenem Athem auf den geringsten Laut im Krankenzimmer. Alles war und blieb stille. Wieder eine Stunde verging und noch immer ließ sich nicht» hören. Sollte der Wärter eingeschlafen sein? Schon war die Zeit des Minchagebetes da, da kam der Arzt. Als er hörte, daß der Kranke schon so lange schlafe, schüttelte er verwundert den Kopf und trat ins Krankenzimmer. Er verweilte nicht lange darinnen, ilfe er wieder herauskam, eilte er freudig auf die ihn mit ängstlicher Spannung Erwartenden zu. und ihnen allen die Hand reichend, sagte er: .Die Krisis ist vorbei und ich Staube, sie ist glücklich überstanden. Dieser Schlaf gibt dem kranken mehr Kräfte, als alle unsere Mixturen eS vermögen. Stören Sie ihn keines Falls. Ich komme in zwei Stunden nieder.' Er wollte sich eilig entfernen, da ging Rabbinowitsch ihm nach, ergriff keine Hand und fragte: .Und Sie glauben, Herr Dr.?“ .Er ist gerettet," entgegnete feierlich der Arzt. .Dank, Dank, tausend Tank," schluchzte Radbinowitsch, die Hand des Arztes mit Küssen bedeckend. Aber der edle Mann entzog ihm rasch die Hand und ge» Himmel zeigend, sagte er: .Nicht mir haben Sie zu danken, wir Menschen sind nur Stümper, sondern dem Arzte dort ol«n gebührt Ihr Danh er hat ein Wunder gethan, er hat den Kranken gerettet. Doch noch ist große Vorsicht nöthig, ein Rückfall wire der sichere Tod. Doch ich muß eilen, in zwei Stunden Amme ich wieder." Rabbinowitsch geleitete den Arzt bis zur Thüre. Al» er zurückkam. sah er, wie die beiden, Mutter und Tochter sich umschlungen hielten und inbrünstig beteten. Auch er kr.ieete nieder und ein heißes Dankgel>et stieg von seine» Lippen zum Himmel empor. Während so die Hand Gottes schwer auf seinen Kindern r chte, gingen die Weltereignisse ihren gewohnten Gang. Die Ä-sweisungen vatlerten fort, und überall her tönten die Hilferufe derjenigen, die so hart vom Schicksal getroffen wurden. Diese Hilferufe wurden in der ganzen Welt gehört, »ad überall, wo jüdische Herzen schlugen, fand der Ruf Gehör. Hunderttausende wurden durch freiwillige Spenden zusammengebracht und edle Männer unterzogen sich der Mühe, für die Ausgewiesenen nach Kräften zu sorgen. Da j wurde die Maßregel der Ausweisung der nicht naturalisirten > Bewohner auch von den Nachbarländern beschlossen, und eine «och größere Panik ergriff die Betroffenen. Wohin sich 1 wenden? Nirgends fanden die Armen Ruhe! Selbst die neue Welt, sonst der Zufluchtsort aller Verbrecher, Amerika, hatte keinen Raum für die aus der Heimath vertriebenen Juden, die arm und elend drüben ankamen. Wie Viele durften nicht einmal das Land der Freiheit betreten! Sie wurden, da sic jeder Existenzmittel bar waren, mit demselben Schiff zurückgeschickt, mit dem sie gekommen warten. Rabbinowitsch hatte seit langr Zeit nichts von feinen Bankiers in Petersburg gehört. Die Geldsendungen waren unregelmäßig eingetroffen und da er auf verschiedene Anfragen keine Antwort erhalten, hatte er sich um Auskunft ' ' " ' “ ' " " h° " ' " an einen Freund dort gewandt. Lange hatte dieser nicht» von sich hören laffen; endlich erhielt Rabbinowitsch einen Brief, worin der Freund ihm mitthellte, daß die Firma, welche die Bcrwaltung seines Vermögens übernommen, fallirt hätte und daß au» dem großen Deficit zu schließen sei, daß besten sein. Sie komme« selbst und Schiffbruch zu retten ist." Zu keiner Zeit hätte diese Nachricht erdrückender auf Rabbinowitsch wirken können, als jep. Was sollte er thun? Durfte er seine Braut in dieser schwere« Zeit der Roth und der Angst verlaffen? Hatte nicht der Arzt gesagt, daß jetzt doppelte Vorsicht nöthig sei. da jeder Rückfall unbedingt tödtlich wäre? W:r sollte, wenn er reisen würde, für die Frauen sorgen und wer die Amtsgeschäfte wahren. Wenn auch der Vorsteher gern bereit war, für ihn einzutreten, woher sollte er die Ruhe nehmen, um die Geschäfte in Petersburg abzuwickeln? Und doch, war er nicht verpflichtet, zu reisen, mußte er nicht alle Hebel i« Bewegung seyen, um sein gefährdetes Vermögen, daS ihm und Sittah eine sorgenfreie Existenz sicherte, zu retten? Konnte er seine Existenz und die seiner Braut und deren Eltern so auf daS Spiel setzen? Hub wieder, was konnte alle» während seiner Abwesenheit, die gewiß sich auf Woche« ausdehnen würde, hier geschehen! Was thun? Der Vorsteher, mit dem er über diese Sache sprach, ricth ihm entschiede», sein Vermögen zu retten, da er hier gerne nach dem Rechte« sehen und den Frauen eine Stütze sein wolle. Er drängte Rabbinowitsch zur Reise und endl'ch gab dieser seinem Drängen nach Auf Morgen Abend wurde seine Abreise festgesetzt und bis dahin hatte er »och viel zu ordnen. Zuerst eilte er auf das Polizeibureau, um seinen Pak» ordne« zu laffen. Hier wurde ihm die niederschlagende Mittheilung, daß Pässe nach Rußland für Juden nicht mehr visirt würden. Vom russischen Gesandten sei gestern diese Mittheilung eingelaufen. — Betäubt stand Rabbinowitsch vor der Thüre; was blieb chm anders übrig, als zu bleiben und seine» Freunde Vollmacht zu geben, für ihn die Sache zu ordne». Und wenn dieser Freund nun nicht ehrlich war? Was blieb ihm alsdann? Wie träumend durchschritt er die Straßen. Als er nun um eine Ecke biegen wollte, rannte Reb Jakof egen ihn an: .Gut, baß ich Sie finde, Reb Eliah will Sie prechen." Ohne ein Wort zu erwiedern, schlug Rabbinowitsch die Richtung nach der Wohnung des Rabbi ein. Reb Jakof trabte neben ihm her, ihn von der Seite betrachtend .Rabbinowitsch, Ihr gefallt mer net!" begann Rcb Jakof endlich .So?" entgegnete dieser. „Rabbinowitsch. Ihr habt was!" fuhr Reb Jakof fort. „Meint Ihr?" versetzte der Genannte. „Kann ich Euch helfen?" fragte Reb Jakos weiter, „ich Hab schon oft 'n gute Ezoh (Rath) gegeben, vielleicht findet jetzt wieder einmal a blindes Finkel a Perl! Sagt mer, was Euch bedrückt." „Ach, seufzte Rabbinowitsch, von der Theilnahme des alten Mannes angenehm berührt, mich hat ein harter Schlag betroffen, mein ganzes Vermögen sieht auf dem Spiele, ich muß deswegen nach Rußland reisen und erhalte keinen Paß; ich muß also müßig zusehen und kann nichts thun, um mein Vermögen zu retten." „Mit Geld läßt sich in Rußland vieles machen," ent» gegnele schlaublinzelnd Reb Jakof. „Auf Geld soll es mir nicht ankommen, wenn ich nur erst über die Grenze wäre. In Rußland wollte ich mir schon alleine weiterhelfen " Sie hatten die Wohnung de« Rabbi erreicht und während Rabbinowitsch bier eintrat, eilte Reb Jakos durch verschiede«« Straßen und schmutzige Gaffen dem Marktplatze zu. Hier stand neben der Markthalle, die früher wohl zu ander«« § wecken gedient hatte, ein kleines, halbverfallene» Häuschen, l welchem ein Kesselflicker mit seiner Frau und seiuo» Sohne wohnte. Reb Jakos trat rasch in die Hütte. Hin „Dafür will ich sorgen, Reb Jakof wird Ihnen helfe«, jetzt nur ein frohes Ponim (Besicht) gezeigt, daß Reb Eliah sich mit Ihnen freut." Vf - *