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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 34 (1891) · p. Seite 133

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
34 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 133 (sequence 3)
Language
German
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gcnttet; e# ist in sein Blündand gegangen, welchem reine irdische Macht e» vertreiben kann. E» Hat alle Sorgen hier Überständer»; der Allvater wird anch für die sorgen, die ihm nachweinen, denen da» Vaterland -perschl offen ist. Seufzend verrichteten die Männer alle die Verrichtungen, die da» jüdische Rrligionsgesetz bei einem UodeSfalle vorschreibt, während die Mutter vor der Thürr ouf den Knieen lag und in Verzweiflung die Hände rang. Sie war in einer furchtbaren Aufregung. Wilde, sündhafte Oedanken schossen durch ihr gemarterte» Gehirn; Gedanken, vor denen sie zuerst selbst erbebte. Wie hart lastete die Hand de» Schicksal» doch auf ihr! Hatte da» Leben ihr bi» jetzt etwa» Anderegebracht, al» Noth, Sorge, Kummer, -Elend und Entbehrungen aller Art? Welche Zukunft bot ftch ihr? War sie nicht gezwungen, zu wandern, in die zu ziehen, ohne ein Ziel zu haben. Sie beneidete ernc ... ihren kleinen Arthur, der drinnen auf dem Todtenbette lag. Er hatte die Ruhe gefunden, nach der sie so sehr begehrte. Wenn sie an seiner Stelle so daläge! Wie wohl wäre ihr! Aber ihre Kinder? Wer würde für ihre Kinder sorgen? Ach, die jüdische Mildthätigkeit ist so groß; e» würden sich -cud) Leute finden, welche dce armen Waisen aufnehme», für sie sorgen würden! Ach, die armen Kinder! Was wird ihr Loos sein? Werden sie nicht auch in ver Welt umhergestoben werden wie ihre Mutter? Werden sie der Mutter nicht noch im Grabe verfluchen, daß sie die Ihren so treulos verlassen? Wenn sie nun auch ihre Kinder — Dämonisch erfaßte sie -der Gedanke und ließ sic nicht wieder lo». — Da erklangen au» dem Ster dezimaler die Schlußworte de» Jigdal: „Die Dodten wird Gott beleben durch die Fülle seiner Gnade — gelobt sei in Ewigkeit sein gebenedeiter Name." Wie «ine Aufforderung, den gräßlichen Gedanken, der sie erfaßt hatte, auSzuführc», also tönten die Worte, die sonst Trost uns spenden, ihr entgegen. Aber wer gab ihr da» Recht, über da» Leben ihrer Kinder, über das eigene Leben nach Gutdünken zu verfügen? Vielleicht hatte der göttliche-Wille ihren hindern ein besseres Loos bestimmt, und sie wollte dem göttlichen Willen vorgreifen. — Noch ehe sie weiter denken konnte, kam Jemand die Treppe herauf. Er ftagte, als er oben angclangt war. nach Frau Steiner, und als er diese erkannte, begann er: „Frau Steiner, Sic wissen, daß heute Rächt um zwölf Uhr die Ihnen von der Polizei bewilligte Frist abgelaufen ist Wenn Sie nicht transportirt werden wollen, reisen Sie heute Abend noch, oder kominen Sie um Verlängerung der Ihnen gestellten Frist ein!" „Heute Abend noch — und mein Kind, niein armer Arthur — wer begräbt ihn? Darf ich nicht bleiben, bis ihn die Erde deckt, bis das Grab sich über ihm geschloffen? Er ist erst heute gestorben, erst vor einer halben Stunde entfloh das Leben — und ich soll fort, che er beerdigt?' .Ich richte nur meinen Auftrag aus, arme Frau, möge Gott ihnen helfen!" Thränenden Auges entfernte sich der Beamte. Kaum war er fort, da kamen Rabbi Eliah und Rabbinowitsch aus dem Sterbezimmer. - Sie versuchten die Frau so viel wie möglich zu ttöstcn. Frau Steiner nahm ihren Trost apachisch auf, und erst als sich die Männer entfernt hatten, kam Leben in sie. Rasch erhob sie sich vom Boden, ordnet« ihr Kleid und trat ins Sterbezimmer, woselbst Reb Jakos die Wache bei dem Tödten hielt. Sie näherte sich der kleinen Leiche, sah sie mit innigem Blick lange an, dann wandte sie sich ab und murmelte, während sie hinausging: „Bald, mein Arthur, bald!" Reb Jakos achtete nicht auf sie und ließ sie gewähren; er betete die üblichen Psalmen und kümmerte sich um nichts von dem, was um chn herum sich zutrug. Kurze Zeit, nachdem Rabbinowitsch und Rabbi Elnch da» Hauverlassen hatten, verließ auch Frau Steiner, ,an jeder Hand ein Kind führend, ihre Wohnung. (Fortsetzung folgt.) Bo» Botho» S««»eltz. „Gelobt sei Gott, der von seinem Glanz und seiner Majestät mitgetheilt hat den Königen der Erde!" Mit diesem Lobspruche im hebräischen Urtexte, mit dem jeder Jude, nach religiöser Vorschrift, gekrönt« Häupter begrüßt, trat mir Mendele, da» Schneiderlein, entgegen, al» uh vor einiger Feit wieder einmal mein Heimathtstädtchen besuchte: aber wie war er dabei gräßlich anzusrhen. — Aus seinen stieren Blicken grinste der Wahnsinn, sein wirre» Kopf» u»d Barthaar umstarrte wie Borsten sein fahle» Gesicht, und seine Kleider waren aubunten Lappen zusammengeflickt, an» gell>en, rothen und grünen Lappen, lauter grelle, schreiende Farän, wie sie nur ein kraiikes Gehirn zusammrnsetzen kan». ■ Genau vor zwanzig Jahren führte er denselben Lobspruch im Munde, aber damals mit einem Herzen voll Hoffnung und einem Sinne von ungetrübter Klarheit. Seit jener Zelt jedoch verstauetc sich der Zeiger seines geistigen Uhrwerke- und starrt« fort und fort auf derselben Stelle, so daß er noch immer dieselbe Stund« und dieselbe Minute zeigt wie vor zwanzig Jahren und da» innere Schlagwerk, die Stimme, läßt fort und fort wie eine verdorbene Repetiruhr dieselben Klanglaute vernehmen. Ja, in ihm hat die Zeit sich nicht um eine Minute vorgeschoben, in ihm blieb Alleffarr und stocken, dieselbe Hoffnung, dieselbe Stimmung und dieselben Erscheinungen» gleichsam wie in einem phonographischen Apparat, in dem eine gewisse Anzahl von Worten sich fixiren, die mit ungeschwächter Ursprünglichkeit sich ewig wiederholen. Er war einst glücklich zu nennen dieser arme Mendele Schneider. Zwar hat ihn das Geschick nie auf einen hohen Leoensposten hingestellt, denn er war ja nur Schneiderlein, aber nicht immer wohnt da- Glück nur auf der sonnigen Höhe des Lebens, sehr oft, ja, in den meisten Fällen, ist e» in den bescheidenen Hütten, in der schattigen Niederung zu finden, und die Hütte des Schneiderleins war just eine von jenen, in welchen das Glück wie eine sanfte und liebliche Taube sich einnistet. Wenn er bei seinem Nähtischchen gebückt über die Arbeit sa^ da hüpfte und tanzte die Nadel munter dahin, weil ein lustiges Liedchen, das ihm imnier den Lippen entquoll, sie in gutem Takte erhielt. Mit ihm aber sang und orveilcte beim Nähtischchen noch eine frohe Lebensgefährtin, sein Weib Sara, die ihm immer bei der Arbeit mithals. Zu der Zeit gar, von welcher ich zu erzählen habe, arbeiteten ur.ö sangen sie zu dreien, denn ihr einziger Sohn Ahrcle rührte mit die fleißigen Hände, ein Junge, bei dessen Anblick ihnen das Herz in Freude überquoll, denn er gedieh wie ein harziges Fichtenbäumchen, schön, schlank und markig. Gott gab ihnen auch Segen in der Arbeit und sie durften sich, mehr als alle anderen ihres Standes einen guten Biffen gönnen. Dazu noch waren sie alle von heiterer Gemüthsart, und da überdies Mendele seiner gutbcanlagten Stimme und auch seines jüdischen Wissens wegen — denn er hatte in seiner Jugend was gelernt — Borbcter in der „Schnciderschul" war, so sang er mit Vorliebe während der Arbeit die frommen Weisen der heiligen Tage, in welchen seine Frau Sara und sein Sohn Ahrcle mit gar rührender Stimme ihn zu begleiten wußten, so daß jeder Vorübe, gehende sich von den schönen Gesängen wie gefesselt fühlte. Regelmäßig an den Freitag Abenden vereinigte ihr kleines und niedliche» Stübchen mehrere Zunftgenossen, die mit ihren Weibern, Söhnen und Töchtern sich bei ihnen zum Besuche einfanden. Da war es erst recht zu sehen, was für ein lustiges Völkchen die Schneiderlein sind, denn solche frohe Stunden wie hier verlebte ich kaum je in den Häusern der Reichen, ja, nicht selten drehten sich beim Gesänge der Alten die jungen, verschlungenen Paare im lustigen Tanze durcheinander.... Eines jener Mädchen erkor sich auch Ahrcle zu seiner Braut und das eröffnete eine neue Reihe von heiteren und sonnigen Tagen. Wenn so in den Sabbathtagen diese vier

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