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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 34 (1891) · p. Seite 132

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
34 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 132 (sequence 2)
Language
German
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baten. Der hohe Beamte hatte eine Äste vor sich. in die er finster blickt. Al« Reb Jakof ««trat und sich tief verneigte, sagte der liebenswürdige Herr: „Nehmen Sie Platz und fürchten Sie nicht«; ich habe hier eine Liste hiesiger Unterthanen, die von Rußland au«, gewiesen worden sind. Da Sie jedenfall« die Leute kennen, l itte ich Sie, mir, wa« Sie wissen, zu sagen." Der Präsident las eine Reihe von Namen vor, von ^ereu Trägern Reb Jakos nicht« Gutesagen konnte. Immer finsterer zogen sich die Brauen de« Beamten zusammen, und al« Reb Jakos seinen Bericht beendet, brummte der Präsident: »Ehrliclie, brave Leute weisen wir au« und Gesindel nehmen n»ir ans." Rrb Jakos wollte die Zeit und Gelegenheit benutzen nnd Fürbitte für den Rabbiner thun. Er wurde freundlich angehvrt, aber schmerzlich erwiederte der Präsident: „Können Sie denn nicht begreifen, daß danicht von meinem Willen abhängt, daß ich selbst nur der Untergebene hoher Vorgesetzter bin, deren Befehle ich stillschweigend au«, führen mutz? Hinge es von meinem Willen ab, würde ich Ztzrc Bitte gern erfüllen, aber ich erhielt den Befehl, und meine Pflicht ist r«, zu gehorchen." „Der Rabbi ist alt und schwach; wer weiß, ob er diese« Jahr überleben wird — lassen Sie ihn hier; er ist der Lehrer der Gemeinde, unser Hirte, ohne dessen Leitung die ganze Gemeinde irrt" — Reb Jakos kniete mit Thränen in den Augen vor dem edlen Manne nieder — „sehen Sie, dieses alte schwache Knie, kniete bi« heute noch vor keinem Menschen; nur vor ihm, dem Allerheiligsten, gelobt sei er, hat es sich seither gebeugt, und jetzt kniet es vor Ihnen, Gnade erflehend für unseren Lehrer Reb Eliah, Gnade, Barmherzigkeit!!" Krampfhaftes Schluchzen und Thränen erstickten die Stimme des alten Mannes Er umfaßte die Rechte des Präsidenten, sie mit Küssen bedeckend. Todesbleich erhob sich dieser und richtete den alten Mann auf, ihm Vorwürfe machend, daß er ihm sein Amt so sehr erschwere. Er verspra?: so wenig er an den Erfolg glaubte, ein Gesuch an den L.iinstcr zu richten, und um Naturalisirung des Reb Eliah zu bitten Zufrieden mit diesem Versprechen entfernte sich Red Jakos, nachdem er sich tausendmal bedankt und de« Himmels Segen auf den menschenfreundlichen Beamten heral^efleht hatte. Traurig ging Reb Jakos nach Hause. Heute hatte er eingesehen, daß es nicht möglich sei, den Befehl, der so vielen Menschen die Heimath raubte, rückgängig zu machen. Er hatte gehört, daß Rußland die Deutschen ausweise und besonders deutsche Juden von der Ausweisung bettoffen wurden, und daversetzte ihn in tiefe Trauer. Er gedachte jener Zeit, von welcher der Psalmist sagt: Wajishalchn mi goj el goj umimamlooho el am aob«r „sie mußten wandern von Volk zu Volk und von einem Reiche zum andern", diese Zeit war wieder gekommen; Israel muß wieder den Wanderstab ergreifen, sich ein neues Vaterland, eine neue Heimath suchen. Wird sich auch der andere Vers erfüllen? To hinmach le-iach lco^chkom, wajoohaob alehem mal och im, „nicht ließ er es zu, daß Jemand sie bedränge und er züchtigt ihrethalben Könige". — Sinnend und denkend durchschritt Reb Jakos verschiedene Straßen. Al« er eben um die Ecke bog, rannte Rabbinowitsch gegen ihn an. Sich höflich entschuldigend, fragte der junge Mann: „Wohin, Reb Jakos? Wie seht Ihr aus?" „Zwei Fragen aus einmal, Herr Rabbinowitsch; ich will sie Ihnen der Reihe nach beantworten. Ich will nach Hause gehen und sehe aus wie einer, dem eine Hoffnung fehl, gegangen ist." „Erzählt, erzählt," drängte Rabbinowitsch, „vielleicht weiß ich Rath." „Da kann nur Einer Helsen; nur der, der lentt daS Herz der Küulge wie Wasierdäche." £> „Was ist denn wieder geschehen?" RabbinoMsth hätte aufmerksam zu. Df» Jafe endigt hatte, sah er seinem Zuhörer in'« Angesicht, um sehen, ob er von ihm Hilfe hoffen dürfe. Aber er blicktt feem düstre« Antlitz.'an« dem keine Miene von Hoffnung sprach.'' „Es ist ein Strafgericht Gotte« I" Mit diesen Worten trennten sich die Männer. Rasch hatte sich die Kunde von dem Unfälle, der Sittah bettoffen, in der Stadt verbreitet und zahlreiche Erkundigung«» und Besuche zrigten. wie beliebt da« junge Mädchen war. Auch die beiden Offiziere hatten sich erkundigen lassen, wie eS der Patientin gehe, und als sie erfahren hatten, Sittah befinde sich leffer, sandte jeder ein Bouquet, welche« freilich angenommen wurde, welche« aber Ursache war, daß Rabbinowitsch ebenso höflich als dringend die Offiziere bat, seine Braut mit dergleichen Aufmersamkeiten zu verschonen. Ol», schon die jungen Leute erbost über da« kurze Schreiben de« Rabbinowitsch waren, und sich vorgenommen hatttn, den Juden dafür büß:» zu lassen, vergaßen sie ihr Vorhaben über die Ereignisse, welche eintraten und »velche die ganze Stadt beschäftigten. Der Ausweisungsbefehl der Frau Steiner »var nicht zurückgenommen worden. Die ihr gegebene Frist von acht Tagen nahte ihttm End«. Die arme Frau war trostlos, verzweifelt. Die Krankheit ihre« Kindes nahm einen immer gefährlicheren Charakter an, nnd die Aerzte zweifelten am Aufkommen de« Kinde«. Ach, di« Hoffnung, »velche die Aerzte ihr gemacht hatttn, war trügerisch gewesen! Zivei Tage, nachdem die Krankheit für gehoben erklätt wordeo war, war da« Fieber mit doppelter Gewalt wiedergetthrt und zehrte in rasender Eile die letzten Kräfte d « zarte« Knaben auf. Die Mutter wich nicht von dem Bette de« kranken Kindes Acht Tage und acht Nächte »var sie nicht aus den Kleidern und in ein Bett gekommen; einzig und allein dem kleinen Patienten hatte stt sich gewidmet. Wie hatte sie gejubelt, al« sie ihr Kind gerettet glaubtt! Ich. mit des vteschicke« Rächten Ist (cia tro’gtr Bund zu flechten Und das Unglück schreitet schnell!. Rascher, al« sie es ahnen konnte, hatte da« Unglück sie erreicht. In dem kleinen Zimmer, in welchem da« ttanke Kind lag, befanden sich Rabbiuowitsch, Reb Eliah und Reb Jakos in lautloser Stille. Der Todesengel hatte seine Fittige schon über den Knaben auSgebreitet; die Seele »var im Begriff sich vom Körper zu trennen. Laut raffelnd ging der Athen, des Kinde«; iminer kürzer wurden die Athemzüge; jetzt hörte da« Athmen auf, um in kurzer Zeit »nieder mit rasselndem Tone zu beginnen. E« ist ein Kamps zwischeu Körper und Geist, zwischen Irdischem und Göttlichem, und wie überall, so siegt auch httr da« Göttliche Die Seele ttißt sich vom Körper loS und tthret zu Gott zurück, von warnen sie gekommen. Schon eine geraume Weile währte hier der Kampf; dem jungen Leben fiel es jo schrver zu scheiden. Noch einmal kehrte da« Bewußsein zurück und de« Knabcn Lippen riefen die Mutter. Rasch beugte sie sich über ihr Kind; die mägewn Arme umschlangen zum letzten Male die geliebte Mutter und die schon im Todeskampf zuckenden Lippen sprachen: „Droben, liebe Mutter, beim Vater im Himmel." Kraftlo« sanken die Arme herab Reb Eliah sah. da er sehr nahe stand, daß da« Auge gebrochen, die Seele sich vom Körper trenne. Mit »»einender Sttmme begann er, und die andern sprachen eS mit: Schema Jisroöl adonoj elohena, adonoj echoooood — und al« der letztt Hauch de« Wortes echod verhallt »var, da »var auch die Seele des Kindes entflohen. Der Schmerz der Mutter war unbeschreiblich. Mit Mühe gelang eS den Männern, sie au» dem Sterbezimmer zu entfernen, woselbst die drei Männer, etzt unisono da« Jigdal-Lied anstimmten. Langsam zo ttautig wehmüthigeu Töne durch da« Sttrbezimu 1 '■i *2 SS*

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