Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 32 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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de« (Beliebten, mit dem sie zn« ersten Male so nahe Ar« in Arm ging. Wohl hatte sie sch«« oft den Sr« de« Later« bei dessen Spaziergängen, wenn sie ihn begleitete» genommen, aber heute war daetwaganz andere«. Sie Sg nicht, sie schwebte neben dem Geliebten daher, und aller mit sanfte« Druck ihren Arm an sich preßte» da zog eine nie gekannte Seligkeit in ihr Herz und nur leise, leise» Sinz schüchtern wagte sie e«, den Druck zur erwiedern. Auch abbinowitsch war e«, als ob er auf Wolken einherschreite, da er an der Seite der Geliebten ging. Beide hatten sich so viel zu sagen, so manche« zu überlegen, und doch sprach keiner ein Wort. Schweigend schritten sie nebeneinander her, da- Herz so voll, so voll. Esther Marx wohnte nicht west entfernt, und ach, gar zu rasch hatte diese Seligkeit ein Ende. Es mußte geschieden sein. Zum grüßten Ber» druß der beiden üffnete sich gerade, al« sie vor dem Hause der Freundin ankamen, die Thür, die Magd trat ein und Sittah erkennend, sagte sie: .Fräulein Esther wußte, daß Sie kommen, und erwartet Sie!" .Da« ist ja seltsam", erwiderte Sittah; sie reichte Rabbinowstsch die Hand, die dieser innig drückte und sagte: ^hwlen Sie mich in einer Stunde wieder ab?" .Gewiß, Fräulein Sittah» doch sollte ich zu lange aufgehaltm werden, so lassen Sie die Eltern nicht warten. Wenn ich Sie hier nicht mebr treffe, suche ich Sie im eigenen Hause auf." Noch ein Händedruck und die Thür schloß sich hinter Sittah. Rabbinowitsch eilte, so rasch er konnte, feinem Ziele zu, während Sittah behende die Treppen emporstteg und von ihrer Freundin mit offenen Armen empfangen wurde. .Wußte ich'« doch, daß Du Kommst", begann Esther, »daß Dn jetzt kommst!" .Ja", entgegnete Sittah, .ich hürte schon vor der Thür, daß Du mich erwartest." .Ja, ich wußte e« ganz bestimmt, daß Du heute Abend noch kommst." .Da« ist ja doch eigenthümlich. Woher kam Dir dieft Kunde?" .Mir ahnte e«, und ich war so ftst davon überzeugt, daß meine Ahnung in Erfüllung gehe, daß ich e« vorhin zn Mama sagtet .Hellseherei!" scherzte Sittah. Die Mädchen waren in da« Wohnzimmer eingetreren woselbst die Mutter Esther« Sittah fteundlich begrüßte. Auch hier stand noch der Wein auf dem Tische, der Pokal baneben und die Hausftau wartete mst jeglicher Arbeit, bi« sie Hawdoloh gehört hatte. Sittah setzte sich neben Esther vor den Tisch. Hinter demselben, ans dem Sopha, der Thüre gegenüber, saß die Mutter Esther«. E« herrschte eine kurze Zeit eine feierliche Stille, bi« Esther begann: .Wer hat Dich eigentlich zu un« hergebracht?" .Herr Rabbinowistch begleitete mich. Er wollte nach der Vorstadt und machte den kleinen Umweg, um mir gefällig zu sein." »Er ist ein guter Mensch", sagte die Mutter Esther«; .er ist gefällig gegen Jung und Alt und ich kenne keinen jungen Mann, der dem sich Talmud-torah mit Derech-erez (Wessen und Anstand) so vereint, wie bei ihm. Er ist wirklich da« Muster eine« jungen Manne«." Burpurrötbe übergoß da« Antlitz Sittah'«, al« sie da« Lob de« Gelievstn in so nngetheiltem Maaße au« dem Munde der Mutter ihrer Freundin vernahm. Esther bemerkte die Erregung Sittah'« und mst dem Finger drohend sagte sie, zur Mutter gewendet: »Sieh »al, Mütterchen, wie unsere Sittah Feuer und Flamme wird. Sittah, Sittah, wa« hat da« zu bedeuten? D« wirst doch nicht, ohne mich erst gefragt zu haben. Dich verlieben?" versetzte' .eben deshalb komme ich'zu Dir." .Nun, so laß hären, ich bin so begierig. Ich wußte/ daß ich heute noch etwa« Angenehme« zu hären beko». Du liebst chn, er liebt Dich?" .Laß doch Sittah zu Worte kommen", warf hier Mutter Esther'« ein, .Du bist ja so neugierig wie sonst jtie."^ .Ich sollte nicht neugierig sein, wo e« da« meiner Sittah gllt? Nein. Mütterchen, da urtheilst Du d« zu gering von der Stärke unserer Freundschaft!" .Mädchenfreundschaften! Möge Eure Freundschaft auf die Probe gestellt werden." Hier wurde die Mutter Esther« durch die in di, Augenblick zurückkhrende Magd abgeruftn, und die beö Mädchen, welche zwar kein Geheimuiß vor ihren Müttern! hatten, freuten sich doch, ungestört plaudern zu können, plaudert sich viel bester zu-zweien, al« zu dreien. Aug' in! Aua'. Hand in Hand nimmt da« staute Wort eine and Gestalt, einen anderen Klang an, als wenn ein Augenpaar, in welche« der Sprechende nicht blicken kau» da« Wort von den Appen abliest. Um nicht gestärt zu werden, begaben sich die beiden jungen Mädchen in Esther«! behaglich durchwärmte« Zimmer, setzstn sich dort, ohne Lichts anzuzüuden, in die eine Ecke de« Sopha'«, und ehe Esthers e« sich versah, hatte Sittah dieselbe umarmt und geküßt unfe^ war in Thränen ausgebrochen; Esther war darüber ganz^' erschrocken und Sittah'« Umarmung zärllich erwidernd' fragte Sie: .Wa« ist Dir, meine Sittah, wa« betrübt H Dich so?' .Du kannst noch fragen?" entgegnest Sittah unter i Thränen; .ach. Du weißt wohl noch nicht» daß auch uu«. der Ausweisungsbefehl dst Heimath raubt, un« in diel Fremde steiot?" »Gewiß Sittah, gewiß weiß ich da«; aber dieser Beseht kann ja doch rückgängig gemacht werden!" - .Nein, liebe Esther, da« wstd er nicht, und wenn eres würde, könnten wir doch nie wieder so ruhig — glücklich sein» wie wir e« waren. Sstt« würde dst Möglichkeit der Wstderkehr einef solchen Befehl« wie ein Damoklesschwerts über unserem Haupst schweben und un« dst Ruhe rauben, ohne welche man nie glücklich sein kann. O, Esther, Du kannst Dir nicht denken, wie unglücklich ich bin! Wa« habe, ich denn sonst auf dieser weiten Gotstserde al« meine Eltern, r meine Freunde und meine Heimath! Meine Eltern sind alt und schwach, dst Zeit» die Gott sie noch hinstden läßt, kann,, nach menschlicher Boraussicht, nicht mehr allzugwß sein. Ä Wa« bleibt mtr also, wenn Gott «ich auch noch so hartprüfen wollte, sie bald abzurufen? Der Heimath hat «an «ich grausam schon beraubt, dst Freunde, dst ich besitze,^ sind mir mit der geraubten Heimath entfremdet, und wa» wird «ein Schicksal sem? Allein, heimathlo« in der.Fernes bei fremden Menschen mir da« zu erringen, wa« ich hstr inj so reiHem Maaße besessen! Je mehr ich nachdenk, um so stostlo>er erscheint mir dst Zukunft!" .Wer wir gleich so verzagen!" ries Esther, dst Freundin^ zärtlich au sich ziehend, zuerst hast Du noch Deine Eltern z bi» über hundert Jahre, und dann, wenn diese nicht meheSfl sind, wenn dann Dich noch kein Mann erkoren, bei dein.!' Du das Glück Deine« Leben« gefunden, dann hast Du. mich. Deine treue Frenndm, Deine Esther, die stet» bereits ist, für Dich zu sorgen, deren gräßst Freude e« sein urirbrjj Dich glücklich zu sehen, Dich alüillich zu machen." , ,-]n .Dank, tausend Dank ftst Deine Freundschaft", etfjfl «niederst Sittah, .aber die Heimath kannst Du mir doch «ick ersetzen." ,Wa« nennst Du Heimath?" versetzte Esther .ich meine, dst Geschichte unsere» heiligen Volke« hätte oft genug die Wahrhett de« Spruche« bestätigt: fl» v «bi patrUl Wo es un« wohl ergebt; da ist unsere j Freilich; e» schmerzt, sich von der liebgewonnenen Un trennen, für immer trennen -zu müssen» aber jede