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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 31 (1891) · p. Seite 120

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
31 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 120 (sequence 2)
Language
German
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"krichlsherrn die Anzeige von dem .ende, der den Knaben erschlagen batfc; nah« als TudeG> Ursache einen Unglück-fall zu Protokoll «nd verhöhnte unstch, armen Bater. Seiner selbst mcht mächtig, sprang dieser ans Sen Elenden lo». schlug ihn mtt der Faust in« Gesicht uud l«tte ihn erdrosselt, wenn sein Diener nicht zur Hilfe herbeigeeilt wäre. Dieser riß meine, Bater zur Erde uud trotz aller Bitten wurde er geknebelt in ein finstere« Loch gemorsen. Am andern Tage wurde er nach der Kreisstadt tranSportirt und auf Grund de« Protokoll«, welche« der "»richtSberr einsandle, »u sechsjähriger schwerer Zwangsarbeit «rurtheclt. Er büßte sein angebliche« Vergehe« nicht — auf dem Transport nachX machte ein Herzschlag seinem Leben euiEnde. .Armer Mann! jetzt begreife ich', warf Rabbinowitsch hier ein. .Noch können Sie. kannst Du nicht« begreifen, fuhr der Rabbi kort. Meine Mutter wartete Stunde auf Stunde, daß mein Bater zurückkehre — vergeben». Endlich e« dunkelte ^critS, kam der Reitknecht de« Gerichtsherrn und theilt« ihr mit, daß mein Bater, weil er einen Angriff auf daS Leben seine«, (des Reitknecht«) Herrn gemacht habe, gefangen sei und wohl sobald nicht wieder frei käme. In einer Stunde käme sein Herr selbst, um persönlich zu untersuchen, ob hier cin Meuchelmord geplant gewesen sei, oder ob der große schmerz um sein Kind meinen Bater wahnsinnig und unzurechnungsfähig gemacht habe; meine Mutter solle sich zur Beantwortung seiner Fragen vorbereiten. Ach nur zu gut verstand meine Mutier die schändliche Absicht diese« Teufel«, mit chrer Gunst sollte sie das Leben meine« Vater» retten, da e« ja bei dem Gerichtsherrn stand, zu melden, waS er für gut befand. Mein« Mutter sah ein, daß in keinem Falle meinem lieben Vater, der diesem Elenden dazu dienen sollte, meine Mutter seinen Wünschen gefügsam zu machen, au« der Hand dieses Teufels zu helfen sei. Rasch entschlofsen überließ sie einem treuen Knechte Hau« uud Hof, packte ein, so viel Geld und Juwelen sie und ich tragen konnten und ließ ein Pferd für sich eins für mich satteln und nach zehn Minuten schon sprengten wir beiden zum Thore hinaus der Grenze zu. Wenn wir unangefochten di« einige Meilen entfernte Grenze erreichten, konnte man un« nicht« anhaben, die meiner Mutter war gerettet, denn über jene schwarz- ,«ißen Pfähle reichte der mächtige Arm unseres Feinds nicht hinaus. Hatten wir sie erreicht, so waren wir geborgen. So sprengten wir in die Nacht hinaus. Anfang« fchoitten wir unsere Pferde, da wir nicht wußten, wie viel wrr ihnen noch zumuthen mußten. Um unsere Berfolger — wenn man un» verfolgen sollte — zu täuschen, ritten wir erst kreuz und quer uud als wir einen Bach erreichte«, ließen wir unsere Pferde eine ganze Strecke in dem Bette des Baches auswärt» schreiten, ehe wir auf der andern Seite de« Baches wieder auf'« Feld uud der Grenze ruspreugten. Böller Angst horchten wir, ob man uns nicht verfolge. DaS kleinste Geräusch trieb un« zur größten Nie an. Unsere Herzen klopfteu laut. Kein Wort wurde gewechselt. Obschon ich noch ein Knabe war, begriff ich doch, um wa« eS sich bei unserem Ritt handele und streng« alle meine Sinne an, um jedes mögliche Hinderniß föuns frühzeitig zu eutdecken. So mochten wir zwei Stunden geritten sein. Die Rocht nar vollständig auf die Erde niedergesunken und die dichte Finsternis, die uns umgab, zwang un«, unsere Pferd« langsamer gehen zu kaffen. Kein menschliche« Wesen war un« bi« jetzt begegnet, nur daS Wild de« Walde«, von un« ausaeschrvckt, kreuzte, uns erschreckend, unfern Weg. Wir mußten schon eine große Strecke zurückgelegt haben, denn unser« Pferde zeigten Spuren von Ermüdung. Da lichtete sich vor un« der. Wald, und wir befanden un« auf einer ziemlich guten Landstraße. Da vernahmen wir Hundegebell hinter un«. Wer konnte daS ander« fein, al« die Hunde unserer Berfolger? Unser Schicksal, wenn man uu« einholte, kannten wir und deshalb schonten wir unsere Pferde jetzt nicht mehr. Sie liest« nicht, sie flogen über den Erdboden * nn« schien tST al« ob die Werde' Schnecken dabinkrvchen. Durch Schnalzen mtt der Zunge dyäch Gertruhiebe triebe» wir sie zu immer größerer Eile an. Mein Hut war hei diese» tollen Jagen gleich abge» flagM um die Neste der Bäum«, die am Wche' standen zersttzte« mein Gesicht. Ich achtete keinen Schmerz. Vorwärts vorwärts, war die Losung. Da« Huudegebell war schon lange wieder verstummt und noch immer flogen unsere Pferde in tolle« Laust über die Straße. Jetzt umzog sich der Himmel mit Wolken, ein Gewitter brach lo«. Der ganze Horizont stand fortwährend in Feuer. Rastlos jagten wir dahin Da« Pferd meiner Mutter strauchelte; fest faßte e« dieselbe bei den Zügeln. Da« Pferd, ei» junge« Thier, solche Behandlung nicht gewöhnt, bäumte sich, schlug hinten über, meine Mutter bei seinem Falle unter sich begrabend. Sofort hielt ich an undsprang vom Pferde. Ich versuchte, da« Pferd wieder auf seine Beine zu bringen, vergeben«. 2» gab nur stöhnende Laute von sich, wenn ich e« berührte; «» mußte ein Bein gebrochen haben. Al« ich sah. daß ich da« Pstrd nicht von dem Körper meiner Mutier entfernen konnte, wollte ich diese unter dem Pstrd hervorziehen. Ich rief ihren Namen — kein« Antwort, ich tastete nach ihrer Land und fand diese auch. Jetzt versuchte ich mit aller »rast meine liebe Mutier von der Last des Pstrdekürper« zu befreien — vergeben«, mein«' Kraft war zu gering. So lag ich mitten im Walde von aller Wett abgefchuitte« und verlassen, ohne Hilst, ohne selbst meiner Mutter helstn zu künoen. Ich fing an zu weine«, zu heule», zu schreien — der Wald gab mir Antwort, da« Echo meinrr eigenen Stimme. Meine Angst wurde immer größer. Was sollte ich thun? Wo war ich? Die nächste menschliche Wohnung war meilenweit entfernt. Die Angst vor wild« * Thieren bemächtigte sich meiner. Al« mein« liebe Mutter 1 sogar stille war, kein Lebenszeichen von sich gast al« ich trotz aller Bemühungen e« nicht zu Stand« brachte, sie unter dem Pferd« hervorzuziehen, als ich ihre Hand stet« kälter werdeu fühlte, da erfaß» mich eine entsetzliche Angst und Bangigkeit. Ich schrie um Hülfe bi« mir die Stimme versagte. Der Morgen begann schon zu grauen. Die Finsterniß wich und an chre Stelle Kat me freundliche Helle de« Tage«. Der anbrechend« Tag stod «ich erschöpft neben meiner Mutter liegen. Ich bete», flehe» »u Gott, daß er un« Hilfe senden möge- So andächtig, so imrifc wie ich an jenem Tag« gebetet habe, hat noch «in Mensch Sbetet. Und Gott erhör» mein Flehen, erfüll» meine itte. Ein Fuhrwerk kam, noch wett entstimt, langsam die Landstraße daher. Di« al» Mähre mochte müde sein und der Fuhrmann schlafen, denn gar zu langsam näherte sich da« Fuhrwerk der UuglückSstät». Bon Neue« fing ich an zu schreien, aber mein Geschrei vermehr» nicht bie Geschwindigkeit de« alten Gaul«. Schritt für Schritt setz» er seinen Weg fort, bi« er endlich bk Stelle» wo uns das; Unglück betroffen hatte, erreich». Ich faß» ihn am Zügel , ' und hklt ihn an. Willig folg» er und blkg stehen. Durch „ den Ruck, de« der Wagen dadurch erhielt, erwach» der Fuhrmann und mit todknbleichem Gesicht rkf er, sich aufrüttel«: □ j .WaS ist lo«, wa« girbt'S?' »Ach, entgegne» ich^ helft mir, da« Pferd meiner Mutter ist gestürzt und hat dieselbe unter sich begrabe». Sau« hatte der Mann gesehen, um wa» e« sich handele, da sprang er vom Wageu, weck» feine Frau, bk auch auf dem Wage» schlief und jetzt versuchte» unr drei, mit vereinte» Kräften, wa« ich allein zu vollbringen zu schwach gewest«. Nach viele» vergeblichen Versuchen brachten wir endlich da» Pstrd von de« Körper meiner Mutter Herast Es hat» ei» Bein gebrochen und kann» deshalb nicht stehe« Endliche endlich lag das Pstrd zur Sei» meiner Mutter uud der Körpers meiner Mutter lag frei. Ich sprang Hinz«, »« meiner Mutter sich aufrichte« zu helstn — ei» starres Todtenantlitz sahen meine Auge»! -Auch meine Mutter war todt mchdi»^

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