Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 27 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
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ir es etwa» Wichtige» sein müsse, was ihr Dealen ichäftigte Bor der Synagoge trafen sie noch «in paar Vitglieger de» Synagoaenvorstande», denen man kur» die , Hatsache mittheilte. Man beschloß eine Borstand-fitzung '.r den Sonnabend Abend znsammenzuberufe«. in welcher ,b«r die Mittel und Wege berathen werde« sollte, die «an inschlagen »olle, um da» Berhängniß möglicher Weise ab» nwenden. Da» Miachagebet wurde verrichtet und mancher Seufzer stieg zu Gott auf. al» der Rabbi, der selbst vor betete, w» Gebet .Anenu" (Erhöre un»i) einschaltete. Wie oft '^on hatte de» Allmächtigen Hand sein Bolk getroffen wie chwer schon sein Arm auf J»rael gelastet! Aber jene Zeiten r finsteren Wahne», de» Mittelalter», glaubte man doch orbei, in denen man den Juden um de- Judenthum» willen! erfolgte. Wir leben in aufgeklärter Zeit. Unsere Eultur hat 1» Wort Toleranz erfunden, die französische Revolution it die allgemeinen Menschenrechte erklärt, und Gleichhest >or dem Gesetze und Brüderlichkeit aller Menschen sind ute allgemein anerkannte Begriffe. Der Grundsatz de» -osten Friedrich von Preußen, daß jeder nach seiner Fayon?ia «erden dürfe, gilt heute noch, und seine» Glauben» >rlver wird keiner verfolgt, sein Baterland schützt ihn. Und " och werden so viele fleißige Leute, so viele tüchtige Männer, eue Unterthaoen und gute Familienväter heute au»gewiesen, icht, weil sie dem Lande zur Last fallen — sie zahlen alle ohe Steuern —. nicht weil sie sich weigern dem Lande, a« sie nährt, ihre Dienste zu leihen - viele haben Ehrenunter, die sie treu verwalten, viele bluteten für da» Land, w» sie nährt, auf dem Felde der Ehre — dennoch aubr man ihnen da» Baterland, ihnen, die froh sind, ein Vaterland gefunden zu haben, da» sie lieben können, a» sie lieben dürfen! Ein Federzug macht au» tausend friedlichen Bürgern ebeasoviele heimathlose Flüchtlinge. — | rin Zug der Trauer wehte durch die geheiligten Räume de» Gotte-Hause», schwer lastend auf denen, di« der Befehl betroffen, ebenso schwer die bedrückend, welche der Befehl verschont. Waren e» doch die Brüder, die in die Fremde wandern mußten, ohne zu wissen, wohin sie da» Schicksal führen wird. — Da» Minchagebet war beendet, und da» Gebet zum Empfange de» Sabbath war verhallt. Der Jubel, mit dem sonst die Gemeinde da» bau! Challoh *) fang, war verschwunden und große Trauer lagerte über der Gemeinde. Al» der Borbeter geendet hatte, der Rabbi wie gewöhnlich die Knaben gebenscht *) hatte, da drängten sich all« Männer heran, thränenden Auges und mit zuckender Lippe, und legten die segnende Hand de» Rabbi auf» eigene Haupt, mit flehendem Blick sich den Segen de» Lehrer» er- «ttend; wußten sie doch nicht, wie lange der geliebte Lehrer noch segnend die Hand über sie breiten konnte! Ach, e» war hart für sie, die liebe sanste Stimme de» Lehrers auf solche Weffe entbehren zu müffen, es war hart für ihn, al» Grei», Leffen Lebensjahre gezählt sind, nochmal» wandern, sich von Neuem ein Baterland suchen zu müffen, da» er ja doch voraussichtlich bald wieder verlaffen muß, um in sein wahre» Baterland, zu dem Vater aller Menschen, zurückzukehren I Laut sprachen seine Lippen die Segen-Wünsche, womit der Bater seine Söhne segnet und all dir stolzen kräftigen Gestalttn beugten sich vor dem Greise, seinen Segen zu empfangen. Die Väter, deren Linder chre eigenen Linder schon segneten, eilten mit den Knaben herbei, um für sich und ihre Kinder den Segen zu erbitten. Der Reihe nach traten die Männer an den Rabbi heran, um durch einen Blick und einen Händedruck ihm zu zeigen, wie sehr man ih« liebte, wie sehr man ihn verehrte. Mit lautem Weinen uahtcu die, welch« die Stadt verlaffen mußttn, mit stummem Schmerze die, welche in P. heimatberechtigt waren, also dort verbleiben durften. Al» der Rabbi alle, die ihm genaht waren, gesegnet hatte, war er erschöpft auf seinem Stuhl gesunken und hatte sein Gesicht mit seinen Händen bedeckt. Er hatte seinen Schmerz verbergen wo» die unter seinen Geisten Hände« hindurch aus 'feinen Bart rollten, sie wurden zum Berräther. Eia junger Man der, selbst «einend, in der Nähe stand, sah die Thränen de» - Rabbi und ttat zu ih» heran. Mst leiser Stimme sagte et:: .Rabbi, Rabbi!" Der alte Mann, der sich so lange tapfer gehalten, hörte'," nicht. Er liest seinen Thränen frecen Lauf, denn sie erleichterten sein Herz. Schüchtern und leise wiederholte der junge Mann seinen Ruf: Rabbi, Rabbi! Noch hörte der Rabbiner «icht auf seine Stimme. Der Schamme», Rabbi Jakof, der au der Thüre stehend diese ganze Scene ebenfall» weinend mit ansah, winkt« de« jungen Manne, den Rabbiner doch nicht zu stören. Aber schon hatte sich der Rabbi wieder gefaßt. Mit seiner Hand sich die Thränen abwischend erhob er sich; al» er die Stimme de» jungen Manne» hörte, der ihn zum dritte« Male angerusen hatte, wandte « sich diesem zu. .Mein tteuer Lehrer, väterlicher Freund!" also redete ihn der junge Mann an, „überlaßt Euch nicht allzusehr Eurem gerecht» fertigten Schmerze. Der lieb« Gott schlägt Wunden, et1 giebt un» aber auch die heilenden Mittel Auch mich hat der Schlag bettoffen, und wenn der Befehl nicht rückgäagia gemacht werden kana, so gestatt« mir, daß ich für Euch sorge. .Dank, tausend Dank", erwiedertt der Rabbi, .da» ' war c» nicht, weshalb ich einen Augenblick zagte. E» war di« Erinnerung an all da» Gatt, da» mir Gott dahier be». schieden hatte, e» war der Gedanke au die treuen Gräber, di« ich hier zürücllaffeu muß — doch laß un» gehe», R. Jakof wart« schon, um die Synagoge zu schließen." Leise Gebett murmelnd verließen der Rabbi und fei» Be-' gleitet die Synagoge, deren Pforttn R. Jaks hinter ihnen ab» schloß. Bor der Synagoge erwarttte« viele Männer de» Rabbi, um ihn nach sein« Wohnung zu geleittn. Der junge Manch der in der Synagoge zu ihm gesprochen, bot dem Rabbi seinen Arm, de« dies« auch annahm. Lautlos begleiteten .die tteue« Schüler ihre» geliebttn Lehrer. Al» sie da» Hau» de» Rabbi erreicht hatten, waudk sich dieser um, und sagte mit bewegt« Stimm«: „Danke Euch, mein« Lieb««, doch jetzt: gut Schabboth und gute Nacht!" Rach diesen Worttn öffnett der junge Manch der den Rabbi bisher geführt hatte, die Thür« und folgte ids ia»^ Hau». Hi« empfing die Sabbatfreude die beiden Männer. Herrlich drauntt die Sabbatlampe; sie strahlte eine Hell« au» ihren sieben Armen, die da» traute Zimmer in ein Feeugemach verwandelte. Ueber den Tisch war eia schueoweiße» Tuch gebreitet und auf diesem Tuche blitzte« und blinkten die hellgescheuerten Zinnteller, die silbernen Gabel» _ und Löffel, die geschliffenen Gläser, daß e» eine Pracht war. ' Auf einer Schüssel lagen die zwei Sabbatbrode bedeckt mit? ein« kleinen Sammtdecke, auf welcher da» Gebot de» Sabbat» in goldnen Buchstaben gestickt war. Daneben stand eine,’ Flasch« feurigen Ungarweiae»: ein hoher, silbern« Pokal' kunstvoll gearbeitet, stand vor dem Louvert de» Rabbi; ein 2 schöner Fruchtkorb vollendete die Pracht de» gedeckten Tische»^ A« diesem Tische saßen zwei Damen, die Frau de» Ral und Sittah. die jüngste Tochter. Beide hatten soeben Gebet vollendet und begrüßten jetzt freudig den eiutrettnden^ Vater. — Sittah war ein wunderbar schöne» Mädchen,- eine jener Gestalten die un» au» den Erzählungen d«»j Orient» entgegenstrahlen, ein« jener Rosen Saron», die, unverglrichltcher Schönheit die Gärten im heiligen La« schmücken. Und wahrlich, nie zierte einen schöneren Gar eine herrlichere Rose, al» Sittah da» Hau» ihrer Elter« Sie war siebzehn Jahre alt und der poetisch« Zauber Jungfräulichkeit umgab sie. Me die meisten Töchter J»r war sie mit siebzehn Jahren schon vollständig und chre Gestalt war di« einer Löni, unnahbar für alle» Unedle, **m»’ s thant (d. t. ürr Sabbat.) *) gtfegneu