Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 27 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hrm» »gegeben mm Dr. M. Aatzmrr bi Magdeburg. z«r üitrr|iHxx| ui -etrtznns ftr kir jsr«Msche -milie — , „ SiNnh. Roman an» der Zeit der letzten MaffenauiNoeisungen au» Rußland und Preußen. Kon H. Berger. — Auch »in tIMHIIIi * üäal»«, oWjil. von Rathan Samuely. — BrfchueidunAselerlichkrit im Mldiz-KioiU. — Allerlei für den Familieutifch. — v * Epigramme. — Rächsel-Aufgab«. — RLthsel-Ldsungeu. (Unbefugter Rachdnul an» »trfe» Blatt» Ist mMrfeft.) Inn an» »er Zeit kr letzten Me.fieuausmeisuugeu ««< Vafelnk n»d Prrutzeu von H. Berger. In der Synagoge der Gemeinde zu P. ging es lebhaft zu. Es war Freitag gegen Abend, kurz vor Beginn de« Gebetet. Die zahlreichen Synagogen besuche« standen, lebhaft »it dem Nachbarn plaudernd, an ihren Pulten. Sonst herrschte eine tiefe Stille in den Gott geweiheten Räumen, heute jedoch war eine Auftegung unter den Anwesenden bemerkbar, welch« selbst die Heiligkeit bet Gotteshäuser nicht unterdrücken konnte. Sogar Rabbi Jakos, der Scbamme«, der sonst sich an keiner Debatte betheiligtr, ließ sich heute, lebhaft gestiknlirend, au» einer Gruppe ehrwürdiger Männer vernehmen, und seine im höchsten Diskant tönende Stimme schallte durch di« weiten Räum« de« Gotteshause«. .Ich jag' Euch, Rabdoßai,') da« wär' ein Unglück, vor dem Haschen, jirborach *) un« bewahren soll, die ganze Kille *) soll einen Taani« *) auf sich nehmen, ich selber will «inen Zweiltng *) fasten, daß die Geseroh rooh *) ohne Schlemassel vorüber gehe. Und Ihr, Rabdoßai, Ihr werdet alle zu dem Srorr *) gehen und bitten, daß unser Rabbi, Red Elioh, bei un« bleiben darf.' Roch diesen Worten sah er auf die dem Almemmor gegroüberhängende Uhr. ES srhlien noch fünf Minuten bi« »m Beginn der Gebetzeit. Ein Schlag mit der Hand auf den llmemmor gab da« Zeichen, daß die Zeit des Gebetes gekommen sei. Sofort herrschte die tiefste Ruhe und nun besann er mit seiner heiseren Stimme nach alter Melodie einige Psalmen herzusagen, die dem Vespergebet vorangehen. AlleAnwesenden stimmten mit ein, und au« tiefstem Herzen tönten jene köstlichen Lieder de« Psalmisten zu Gott empor. Nachdem diese« Borgebet beendet war, sollte da« Minchagebct beginnen. Mit schwerem Herzen schickte man sich heute dazu an, denn ach di« Hand Gotte« sollte die Gemeind« schwer treffen. Der so sehr geliebte Lehrer und Rabbiner, «R. Elioh, war gestern vor den Polizeipräsidenten beschieden worden. Nicht« Gute« ahnend war der ehrwürdige Mann der Borladung gefolgt und der Präsident hatte ihm unter Bedauern eröffnet, daß dir Zeit seine« Aufenthalte« in gewrfsen sei, daß innerhalb acht Wochen folgende ni natnralistrtr Juden da« diesseitige Staatsgebiet zu verkästen hätten. Und jetzt verla» der Herr Präsident eine Reihe von Mamen, deren Träger dem Rabbi alle al« fromme, fleißige, ehrliche Leute, bekannt waren. Obenan stand ftin eigener käme und diesem folgten viele, die es sich nicht hatten ».träumen lasten, ansgrwiesen zu werden. Alle Bitten de« Rabbi fruchteten sicht«. Ter Befehl der Ausweisung war . vom Regierungspräsidenten gekommen, die Polizei war nur Herren. ') »ett. ') Gemeint« *) Fasttag .«bst» BerhLngniß. * die vollstreckende Macht. Niedergeschmettert von dem harten Schlag, der ihn und seine geliebte Heerde betroffen, war der Rabbi nach Hause geeilt und hatte seine Noth und seine Sorge seiner Frau, der Tochter eine« bedeutenden jüd. Gelehrten, geklagt. Hier fand er Trost; seine Frau, selbst eine Greisin, welche den größten Theil ihre« Leben« in P. zugebracht hatte, und die der Schlag ebenso hart, ja noch härter traf al« de» Mann, da all chre Verwandten in P lebt-n — sie brach, als der Rabbi geendet, nicht wie andere Frauen in Thränen und Wehlklagen au«, sie war stark, eine der Nachkommen jener .Starken", die stet» eine Zier Israel« waren, sie sann eine Weile nach, dann sagte sie: .Du, Herr, bist mein Schutzs in den Höchsten setze Dein Vertrauen. Dir wird nichts Böse« widerfahren und Plag« wird nicht Deinem Zelte nahen — Hart, sehr hart und schwer liegt Gotte« Hand auf un«, und wenn da« Unglück nicht abgewendet werden kann, so müssen wir e« al« Gotte« Schickung annehmen.' .E« ist unabänderlich. Ich hatte gestern Brief von Rabbi Jehudah au« W.; auch dort ist der Befehl eingetroffen und R. Jehudah und 30 seiner Gemeindemitglieder sind de« Lande» verwiesen.' .Will man sich da« aber so ruhig gefallen lassen? > Was haben wir verbrochen? Zahlen wir nicht pünktlich unsere Steuern? Hat unser Otto nicht für diese« Land die Waffen getragen? Warum sollen wir also wie Räuber und Tagedieb« au» dem Lande gejagt werden?' »All dieses habe ich dem Polizeipräsidenten mitgetheilt und auf all' diese« hatte er nur dasselbe Achselzucken und den Hinweis auf den Befehl von Oben. Wir müssen gehorchen und die Stadt, die un« zur Vaterstadt geworden, das Land, das wir lange Zeit unsere Heimath nannten, al« Emigranten, al« AuSqewiesrne verlassen. E« ist eine Geseroh rooh, und un« bleibt nur übrig, den Wanderstab, den man un« von Neuem in die Hand drückt, weiterzusrtzen. Möge Gott un« helftn!' Nach diesen Worten hatte der Rabbi sich zum Empfange des Sabbath gerüstet und war zur Synagoge geeilt. Auf dem Wege dahin begegnete chm der erste Vorsteher der Gemein««, dem er mit Thränen in den Augen den harten Befthl der Regierungspräsidenten mittheilte. Der Vorsteher war über diese Schreckensbotschaft sehr betrübt, besonders da chm der Rabbi Namen genannt hatte, die ihm lieb und »Heuer waren, Namen, die einen guten Klang auch in der politischen Gemeinde hatten. Die beiden Männer überlegten auf ihrem Wege zum Gottrshause, wa« sie diesem Befehl gegenüber, der vierzig Familien ihrer Heimath beraubte, zu thun vermöchten. Der Vorsteher macht« all die Vorschläge, dir schon die Frau de« Rabbi gemacht, und mit denselben Worten erklärte der Rabbi chm deren Fruchtlosigkeit. Sinnend und bettübt, grübelnd und nachdenkrnd erreichte» die Männer die Synagoge. Jeder, der die beiden tiesömsten Männer so nebeneinander herschreiten sah, wußte, L,., . lTSK,