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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 25 (1891) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
25 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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an« Essen/ Waren diese Worte gesprochen, so war sie nicht mehr dieselbe. Bor allem setzte sie sich hm und schrieb an ihren Dowidel nach Jassy. Dowidel war ihr Bruder» sohn, den sie, nachdem er verwaist wurde, zu sich in« Han« genommen und bei ihrem Geschäfte verwendete. Sie schickte ihn später, da er als ausgezeichneter Geschästsma» sich bewährte, nach Jaffy, wo er den Einkauf von Rauchwaaren für sie besorgte. Jede Woche, just um diese Zeit, ertheilte sie ihm brieflich ihre Befehle und Anordnungen. Darauf besorgte sie ihre andere Korrespondenz, ab und zu kamen die verschiedensten Leute, Makler, Träger und Wagenverfrachter, denen sie für morgen ihre Instruktionen gab. Sonntag mir Morgengrauen konnte man sie schon in ihrem Waarenmagazin sehen, stehend auf einem Berge von Rohhäuten und umgeben von chren Leuten, denen sie, wie eia Frldzrugnieisier seinem Generalstab, verschieden« Befehle ertheilte, dem Einen die Felle zu affortiren, dem Zweiten sie auszuzählen und dem Dritten sie zu verladen, während sie selber, mehr als alle Andern, die Hände regte, indem sie die affortirten Felle nochmals ausmusterte und mit ihrer Signatur dezeichnete, alles flink, rasch und sicher, kurz, jeder Zoll in ihr war Kaufmann. Jndeß Reche le schwimmgewandt mitten in den« mächtigen Strome des GeschästSlebens sich behauptete, saß ihr Mann Reb Jakob in der Synagoge, umgeben von einer Schaar wißbegieriger Jünglinge, die in ihm ihren weisen Rabbi und Lehrer verehrten. Für kaum gezählte Augenblicke erschien er Mittags bei sich zu Hause und verzehrte hastig sein Mahl, zwischen einem Löffel und dem zweiten ein paar Zeilen in einem Buche lesend, daS vor ihm aufgeschlagen war, alS gelte es keine Zeit zu verlieren, wodann er wieder zurück in die Synagoge eilte, die er als sein eigentliches Heim betrachtete. Man sollte aber nicht glauben, daß das Leben in der Synagoge gar so schläfrig und einförmig ist, vielmehr tummelt sich hier ein lustige« Bällchen, daS wie ein Sturmbach sein Dasein der Gassi verkündete. Da saßen gegen dreißig muntere Jungen und lauschten auf den Bortrag Reb Jakäe's au« dem Talmud. — Und wie trug er vor, frisch, lebendig, sprudelnd, daß man vermeinsi ein Feuerwerk von Witz und Geist emporssiigeu zu sehen. Jede scharfe Pointe marsine er durch eine vielsageud« Bewegung mit dem Daumen, wa« die Zuhörer förmlich «lektrisirsi. so daß eS sie von den Sitzen emporschnellsi. Entfernte sich Reb Jäkele einen Augenblick au« der Synagoge, dann gingen erst recht die Wellen der Diskussion in die Hohe, denn die Jungen gutiNen unsirrinander da« so eben von ihrem Rabbi gehärsi und da wollsi jeder einzelne e« ander« aufgesaßt haben, was oft in einem Handgemenge sich Lust machsi. .Du Goj*) einer, so hat'« der Rebbe gemeint!" schrie da Einer mir aufgeregter Ssimme. .Du bist' der Goj!" wetterte der Zweite, .Du hast ihn nicht verstanden." .Du Am Hoorez!"**) schrie ein Dritter hinein, Du weißt von Deinem Leben nicht!" .Strohkäpst Ihr," wüthesin mehrere auf einmal, .die Ihr nicht versteht, was man zu Euch redet." .Selber seit Ihr die Sttohköpst!" poltersi eS von einer zweiten Seite. Die Jüngerschaft war alsbald in'zwei Lager getheilt. .Grobian'«, Estlsköpst!" schrie daS eine Lager. .Hund, Strohkäpst!" das Zweite. AlS Bekräftigung dieser Behauptung fl"g einem wsi eine Sartetsche eine schwere Pelzmütze an den Kops. Diese« Signal zum Ausbruche genügte. Pelmützen, Kastorhüte, Tischdecken und andere Dinge, die bei der Hand lagen, flogen kreuz und quer durcheinander, ) Talmudunkundtgrr. **) Du Unariffeakcr. begleitet von dem KriegSgeschrri köpft!" ' In Ermangelung eine« Wurfgeschosse« verfiel einer auf die Idee und zog d« Pesische a«S, die er rasch zu einem Ballen zusammenrollsi und sie seinen Gegner an den Kops schleuderte. Zehn andere thasin e« ihm nach. Immer mehr verrwirrsi sich der Kampf, so daß der Staub die ganze Synagoge wsi ein Pulverdampf einhüllte. Inzwischen erschien die grdrängsi und volle Gestalt Reb Jäkele'« mit seinem breisin Bart und der langen Pstist im Munde in dem Rahmen der Thür, von wo an« er da« Schlachtfeld schmunzelnd übersah. Bei seinem Anblicke verstummte das Kriegsgeschrei, nur hie' und da tänsi wie ein verprasselude« Feuer ein halberstickter Wuthschrri hervor, während daS Bombardement auf einmal sich einstellsi. Mit gemessenen Schritten nähersi sich Reb Iakesi dem Kampfplätze und sah mtt beschwerender Msine dsi Kämpfer an, von welchen mehrere in den Hemdärmela dastanden und einige di« Wurfgeschosse noch hoch in der Hand hsilten während aus einem geplatzten Polssir, da« soeben al« Kampsmttsil benutzt war, wsi au« einer gesprengten Metraillaist daS ganze Eingeweide, nämlich unzählige Federn, wsi Sturmvögel in der Lust umherflatsirsin. .Weshalb denn diest große Schlacht?" stagsi er mtt einem kaum zurückhaltenden Lächeln. In dem ersten Augenblick malsi sich Verwunderung auf allen Gesichsirn. denn in der Hitze de« Gefechte« vergaßen sie ganz an der Ursache, die diesen wüthenden Kampf herausbeschworen, doch nach und nach gewannen sie wieder ihre Besinnung und da wurde eS wieder rege und lebendig. .Der Goj", fing einer von ihnen an und ihm schriee« e« sechs andere nach, .behauptet, der Rabbi habe den schwere« Maimonide« so aufgesaßt — WaS ist da« aber für em Amhorez, ha?l" .Und wsi .Ich habe stühere sieghaft, andersetzte. .Jetzt also weiß ich schon um waS e« sich handest", bemerke Reb Jakle, indem er behaglich au« seiner Pstist einige Rauchwolken vor sich hinblieS. .Wollt Ihr nun meine Entscheidung hören, wer von Euch Recht behält?" .Ja, ,a, sollen r« der Ravbi nur sagen . . der Rabbi nur sagen, nicht wahr ich habe Recht?' .Nicht wahr ich?" .Ich'' So schrceen mehrere Stimme von verschsidenen Sette«. .Alle habt Ihr Recht!" entschsid Reb Jäkele. .Alle? Wieso alle?" stagsi» alle verwundert. .Ich meine", erllärsi Reb Jäkele, .daß «der einzig« , von Euch recht hat, denn in der Wirllichkeit seit Ihr alle' eine Schaar von Eselököpstn, di« nicht fassen, wa« man zu ihnen spricht! Begreift Ihr'» schon, wa« ich darunter verstehe, daß Ihr alle Recht habet?" .Und wsi denn hat der Rabbi den schweren Maimonide« aufgesaßt?" stagsin mehrere Bachurim*) von ver-- schieden«» Seiten. .So lasset Euch nun die Sache nochmal« erklären", nahm Reb Jäkele ivsider auf, indem er, wie gewöhnlich, vier Finger' seiner rechten Hand schloß und den Da» une einen Meilenzeiger vorstrrcksi: „Wenn ich nach Systeme Reb Ehije« vorauSsetzc, daß —" er führte nt au«, denn dreißig Stimmen schnappten ihm sofort Wort vom Munde weg — „so muß man nothgedrunj darau« folgern —" er führte abermals ni&t au«, denn dreißig Stimmen griffe» bei der nachdrücllichen de« Daumen« wsi auf Kommando wieder ein — JUi 1 t Du mich verstanden?" stagsi der Rabbi. Rabbi, so verstanden", erwidersi der indem er ihm sein« Auffaffung auoeia» 1 solle« e« *) Züuger.

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