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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 24 (1891) · p. Seite 93

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
24 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 93 (sequence 3)
Language
German
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Mt gW «t dort oif* gliebtt zu, bte Menge fluthete rund um K kouute ihn nicht «ehr sehen. — .Mansche*, nef ich tn unbestimmter Lugst. Noch ein Augenblick — uud jetzt — jetzt — ein hunder stimmige- Hohngelächter brach los. Ich war zu Tode erschrocken. Doch da« gelle, verletzend« Lachen f, verstummte plötzlich. Die Menge öffnete sich und heran« schritt mein Freund mit einem todtblassrn Antlitz, in dem ' sich Stolz. Wehmutb, Eitelkeit, rasender Schmerz um die Harschaft stritten. Mit raschen Schritten eilte er, ohne «ich zu bemerken, an mir vorbei nach Hause. — ES war ein unangenehme« Gefühl zurückgeblieben unter den Leuten. Sie konnten sich doch nicht recht über den nach ihrer Meinung so wohrgelnngenrn Scherz sieuen. In der Synagoge hörte ich keinen Laut von den jubelnden Gesängen, in denen der kleine Kantor der Welt verkündigen wollte, daß Israel vor Jahrtausenden am Sinai durch Gotte« Knecht Moje göttliches Recht empfangen habe. In den Blättern meine« alten, vergilbten Gebetbuches konnte ich kein Wort entziffern, aus jeder Zeile, jedem Buchstaben sah mir Mauschc's trauriges Angesicht entgegen und Thränen verdunkelten meinen Blick. Gleich nach Beendigung de« Gottesdienste« eilt« ich zu Maufche. Ich erkannte den stolze» Mann fast nicht mehr. Gebrochen, ,n sich zusammengrsunten saß er aus dem harten Holzfiuhl. stützt« da» schöne Haupt in die Hand und schluchzte wie ein Kind. Weder er noch ich konnte ein Wort sprechen. Lautlos saßen wir säst eine Stunde nebeneinander. Endlich mußte ich an den Heimweg denken, ich reichte ihm, wie gewöhnlich, die Hand. Er zog mich sanft an sich und küßte mich mit dankbarem Blick auf die Stirue. Ich hatte jene Nacht bös« Träume; in aller Früh« erwachte ich, kleidete mich an und eilte zu Maufche. Die Thür war nur angelrhnt. er hatte keine Reichthümer zu verwahren. Mein Freund lag noch im Bett«, offenbar schlief er noch. Ich ging hin zu seinem Lager und rief l«sr: .Maufche, Maufche!' Keine Antwort. Ich rief noch einmal etwas lauter und immer lauter: .Maufche, Mansche!* Alle« blieb still. Noch mehrere Male ries ich ohne Erfolg. Der hat einmal einen festen Schlaf, dachte ich, und (rate meine Hand auf seine Stirne, um ihn wachzurütteln. Aber schnell fuhr ich zurück. Puh! wa« war der Mansche kalt! Ich beschloß zu warten, bi« er erwacht sei und suchte mir derweil irgend eine Unterhaltung im Zimmer. Auf dem Tischchen stand ein Gla« mit einem Restchen trüben «Paffer«, daneben lag ein Päckchen mit gelbem Pulver, auf dem Papier war ein grinsender Todtenkopf al« Wappen. Drr Todtrukopf flößte mir Schauder ein, ich ging an« Fenster uud schaute hinau«. Aber immer wieder mußte ich zurückblicken auf da» häßliche BUdchen. Schließlich ärgerte ich «ich über di« höhnische Fratze so fthr, daß ich da« Päckchen nahm und in den Hof hinauswarf. Ich hatte schon eine halbe Stunde gewartet und er schlief immer noch. Ich ging deshalb nach Hause und in den Gotte-dirnst. Al» rch au» der Synagoge zurückkehrte, kam man mir aus der Trepp« entgegen mit den Worten: .Hast Du schon gehört, der Maufche ist diesen Morgen todt im Bette gefunden worden, e« muß^iha ein Herzschlag getroffen haben.* E» war eia herrlicher Arühjahrsmorgen aufgegangen über die Welt; da lag ich im Zimmer Mansche'» und wemte. E« waren fiusterr, grämliche Leute gekommen, die hatten ihn in eine Kiste gelegt, und er sprach kein Wort mehr mit mir, sondern schlief immer noch — fort und fort. Der kleine Hof füllte sich mit etwa zwanzig Männern der jüd. Gemeinde;, uud jetzt kamen vier davon herein, nahmen trotz meine« Jammer« die Kiste auf den Rücken uud trugen sie zum Hofe hinaus. Ich selbst schlich traurig hinter den Männern her. Doch schon nach einigen Schritten stockte Auf der Sttaß« standen au die hundert ru i» Feierkleid, dem dreieckigen Hut, dem kmgen Nock mit silbernen Knöpftn, der rotheu Weste und den kurzen Hosen. Einig« stämmige Bauern hießen mit drohenden Blicken die jümschen Träger die Bahre uiederstelleu, nahmen selbst den Sarg auf die Schultern, dir Schwarzwälder schloffen sich an und der so verstärkte Zu bewegte sich lautlo« zum jüdischen Friedhof. Am Grab« wollte der jüd. Prediger vortreten, um, wie üblich, die letzten Gebete zu sprechen. Doch enttüstet jagten ihn die Bauern weg: .Du für den da beten?! Verfluchter Jude! Verfluchter Jude! verdient Ihr einen Messias? Ihr habt auch diesen umgebracht.' — Der Himmel weiß, welche Gerüchte über Mausche's plötzlichen Tod unter den Bauern umgingen. Die Juden hatten alle erschieckt den Friedhof verlassen. Die Schwarzwälder aber sanken am Grabe nieder und beteten ein Vaterunser aus tiefster Seele. Noch einmal öffneten sie den Sarg vor der Beerdigung. Da lag der Mansche. Die Augen waren friedlich geschlossen. Seine Züge hatten etwa« Mildes. Ein weiße« Sterbekleid umhüllte seine Glieder. Die grauen Locken hingen ihm über die Stirne, der lange Bart floß bis auf die Brust herab. Wieder sanken die Bauern, und ich mit ihnen, nieder und wir riefen: »Mos«, Mose!' Da sitze ich denn jetzt auf dem Rasen, der Mausche's Grab überdnkt hat. Die Thurmuhr des Dörfchens unten schlägt eben 12 Uhr. Mein Besuch bei meinem Freunde ist etwa« lang ausgefallen. Jt> erhebe mich, schreite nachdenklich nnd fröstelnd durch die Grädereihe. Am Thor wende ich mich noch und rufe: »Gute Nacht! Gute Nacht, Maufche! Ich muß jetzt schlafen, denn morgen geht man früh in die Synagoge und feiert wieder da« Fest der Freud« über da» ewig göttliche Gesetz, da« uns gegeben wurde durch - Mose.' _ Die Berfolgte». Sin 2r«nm. Bon M. Stlberstein. Wir wollen es mulhig ertragen So lang nur dt« Thrllne noch rinnt. Und tröumen von schöneren Tage», Die lange vorüber sind. Ernst Schulze. Es war Mitternacht. Alles um mich her lag in ttefem Schlaf, nur ich saß allein in meinem Stübchen, die Geschichte der Volkes durchblätternd und fand, daß sich ein duimer Streifen durch die meisten Ereignisse zieht, wie die dunkeln Linien im Sonnenspektrum, der noch immer auf seinen Frauenhofer harrt. Wir zerbrechen uns umsonst de« Kopf, um ausfindig zu machen, woher dieser dunkle Streifen eigentlich kommt und warum er sich gerade in der schönsten HimmelSgabe, die dem Erdensohne beschieden ist — in der Religion — befindet. Wir wissen wohl, daß nicht» die Menschen mehr zusammen-, nicht« mehr auseinanderhält, al» diese. Der Mohamedaner verfolgt, den Juden und den Christen, weil sie nicht glauben wie er, und Christ und Mohamedaner schlagen den Juden todt, um ihn selig zu macyen, oder weil er sich nicht will selig machen lassen. Aber da« Todtschagen wäre ja da« Schlimmste noch nicht. -Was bürdet man den armen Juden nicht auf? Wem sind nicht die Verfolgungen der Juden in DamaSru« noch frischim Gedächtniß? Er soll Hostien geschändet haben, sich am Osterfeste mit Christenblut delektiren, er soll Brunnen vergiftet und Christenkinder heimlich zu Juden gemacht haben — wahrlich keine jüdische Schwäche; denn der Jude ist der einzige Gläubige, der jeden nach seiner Fayon selig werden läßt. Wegen solcher und ähnlicher Verläumdungen wurden wir gefoltert, unseres Vermögen» beraubt — welche« in den mefften Fällen dir Hauptsache war — in'« Elend gejagt,'oder zur Abwechselung auch verbannt, um nach einer gewissen Zeit da« Recht erkaufen zu können, in die alte Heimath zurücktehren zu dürfen.

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