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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 24 (1891) · p. Seite 92

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
24 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
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r i, während Mansche, wie ei» Aussätziger. allein und mi'den^ bei Seite stand. Er dauerte mich sehr, der Maus , weil er so traurig war. Anfangs wagte ich ihn nur scheu von ferne zu betrachten. Als er mich jedoch einmal, während er vor seinem Zimmerchen im Hofe saß, zu sich rief und auf den Schoost nahm, verlor ich jede Furcht. Bon jenem Tage an kam ich jede Woche, wenn er von seiner Schwarzn-.ldwanderung zurückgekehrt war, zu ihm in sein Stübchen. Er hatte keinen Menschen, der init ihm verkehrte. So empfand er als eine Wohlthat, dast ich oft durch mein kindisches Lachen und Reden den Trübsinn aus dem öden Gemache verbannte. "-^ Da schaukelte ich einmal Nachmittags auP sviv Knieenich hatte mein Vesperlldd mitgebracht, ast davon »Wb schob auch ihm manchmal einen Brocken in den Mund: er tst^es ruhig geschehen, dann zupfte ich ihn au dem grauen Bkstt und sagte: .;V .Warum wohnst $u nicht auch in einein großen HauS, wie mein Papa? Und',wo ist Deine Mama -und. Deine Linder?" ° Zuerst sah mich Mansche erschvock»'»" an, dann knöpfte er den Rock auf, holte aus der Brusttasche zwei Photographien und hielt sie vor meinen Augen. .Das hier ist meine Mama mit meinem Kinde-, sprach er mit gedämpfter Stimme. -\d) sah das Bild einer wunderbar schönen Frau, mit sanften; lügen, die einen lockigen, etwa achtjährigen Knaben aus dem Schooße hatte. .Deine Mama und Dein Kind gefällt mir-, sprach ich. Jetzt hielt er mir das andere Bildchen, das ein schönes Wohnhaus und Garten darstellte. Ich betrachtete es jedoch nur flüchtig, dann stagte ich: .Warum hast Du denn Deine Mama nicht bei Dir?- Er schien meine Frage nicht gehört zu haben. Wieder ftugte ich: .Wo ist denn Deine Mama und das Kind?- .Jm Himmel-, antwortete er. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihn veranlastte zu erzählen, denfalls war er froh, einmal sein Herz auSfchütten zu 7--inen, wenn auch nur einem einfältigen Kinde, daS zwar "frig zuhörtr, aber das Wenigste von seinen Worten verst.i.:d. Er hatte in einem fernen großen Land gewohnt, wo ei» ganz mächttger Kaiser herrscht. Da waren eine- Tages Bauern dvs Dorfes, in dem Mausche wohnte, gekommen nd hatte sein Haus angegriffen. Er war gerade in seiner Schreibstube, da hörte er in und vor seinem Hause einen -altigen Lärm. Er eilte hinaus. Der Hof und der xmSflur war angefüllt mst besoffenen Bauern. Als er in die Äfi^^e kam, lag sein Weib am Heerde tobt. In der Hand hrelt sie noch den Feuerbrand, mit dem sie ihre Berthsidigung versucht. Daneben lag der Knabe todt. Dastarre Händchen hielt sich noch an der Schürze der Mutter. Bor den Leichen stand, höhnisch grinsend und thierische Roh» beit in den verglasten Augen, ein Bauer, die blusige Axt in der Faust. Da kannte Mausche kein andere» Gefühl als das der Rache. Wie ein Tiger stürzte er sich auf den verdutzten Mörder, entriß ihm die Axt und zerschmetterte ihm den Schädel. Dann stürzte er mst Wuthgebrüll unter die Menge der im Hausflur und im Hofe tobenden Bauern. Der Angriff erschien so unerwartet und tollkühn, daß Keiner dem Rasenden Widerstand zu leisten wagte. Zuerst bildete sich bei seinem Heranstürmen eine Gasse, um ihn hindurchzulaflen. Als aber rechts und links Leute vor seinen Streichen fielen, suchte man ihn zu bewältigen. Vergebens. Die Verzweiflung und die Todesverachtung Mausche'S gaben ihm Riesenkräfte, er schlug sich durch. Als er auf freiem Felde erschöpft niedersank und zum Dorfe Mrückschaute, 'da sah er die Flammen vom Brande seine- Wohnhauses zum Himmel steigen. .In den ersten Tagen nach dem Unglück-, erzählte mst Mausche, .irrte ich fast besinnungslos mit der Axt in der Faust in der Nähe des Dorfes umher. Ich war fest entschlossen, jeden Bauern, desien ich habhaft werden könnt^ zu tödten. Allmählich aber, als sich «ei« Gedanke« wieder' sammelten, kamen mir andere Entschlüsse. Wer war schuld an der Wuth der Bauern? fragst ich mich, Gewissenlose Aufwiegler,. der Schnapsgenuß, oder — mußte ich mir sagen — vielleicht aber auch dir Juden selbst. Sollst ich also die Bauern, die aus Unwissenheit und Erbitterung meiu unschuldiges Weib getödstt hatten, erschlagen? Rein. In meinem Vaterland« tonnst ich nicht bleiben. Und ich zog hierher, in dieseschöne Land, in eine neue Heimath. Aber die hiesigen Juden behandeln mich nicht al» Bruder, und das gemeinsame, tausendjährige Elend sollte doch verbrüdern. Aber warte nur, wenn ich noch einige Zeit hier bin und die Leute mich besser stnnen lernen, wird sich daS schon ändern. Wer weiß, vielleicht erwählen Sie mich dann auch noch zum ParneS (Gemeindevorstand); ich war'S ja in meinem Dorfe auch. Dann will ich allen mein Schicksal. erzählen, damit sie sich vor jeder Sünde hüten und nicht auch ähnliches Unglück erleiden. Von der hiesigen Gemeinde au» verbreiten sich dann meine Rathschläge noch weistr und weiter-dann hat doch mein traurige- Schicksal den Nutzen gehabt, Israel zu bessern. — Es wäre traurig, sehr traurig, wenn es noch andern so erginge wie mir. Aber die Leute sind noch sehr unfreundlich mit mir; dawird sich ja sicherlich bald ändern." Der Mann hatte mir sein ganzes Herz enthüllt. Er sprach zuletzt, ohne mehr an mich zu denken, mit schwärmerische» Blicken und Geberden; ich schaute halb ängstlich halb ehrfurchtsvoll zu ihm empor, und als er mir sagte, er werde vielleicht einmal ParneS werden, war ich felsenfest überzeugt, eS werde die» geschehen. AlS ich nach Hause kam, war gerade sine Gesellschaft aller Art von Hant«l»leustn im Zimmer versammelt; noch erregt von dem bei Mausche Gehörten, hatte ich nicht» EiligereS zu thun, als mitzutheilen, dieser habe mir gesagt, er werde ParneS werden. Allgemeine- Gelächter folgst meinen Worten, die Thränen schoflen mir in die Augen, denn ich konnte an meiner Aussage nicht- Lächerlichefinden. Am Tage vor SchowuoS war wieder einmal ParneS» wähl. Ich faß Nachmittagbsi Mansche, der mir erzählst von den schönen Schwarzwaldbergen und mir versprach, mich einmal mitzunehmen auf die Höhen. Plötzlich hörten wir im kleinen Hofe Stimmen. ES klopfte an der Thür und mit tiefem Bückling trat der Schamme-, der .krumme Jtzig-, herein. .Herr Mausche-, sprach er mit übertsiebe«r Höflichkeit, .erlauben Sie mir die Mittheilung, daß Sie in der heusigen Wahl zum ParneS gewählt sind. Die Synagogenräthe hoffen, Sie diesen Abend vor der Synagoge al» Vorstand begrüßen zu dürfen. Adieu Herr — ParneS." Ich war gar nicht überrascht durch dst Meldung; Mausche hatte mst'S ja vorausgesagt. Er selbst bewahrst ssine ruhige, stolze Haltung, nur eine gewisse, Hoffnung», ftohe Ssimmung ließ sich nicht an ihm verkennen, blieb fast bi» zum Abend bsi ihm. Dann ging ich na Hause. Hier konnte ich mich nicht enthalstn, meiner Genügt chuung Ausdruck zu geben, daß denn Mausch« doch noch ParneS geworden sei. Wieder wurde ich auSgelacht. .Närrchen-, sagst msin Onkel, „glaubst Du wirklich, man Hab« den Mansche zum Borstand erwählt?! Man will ihn ja nur uzen (hänseln), weil er al« sin Hergelaufener sich so viel sinbildet.- Auf dies« Erklärung hin wurde ich fast rasend. Ich machst ahnen, daS kaum geheilst Herz Mausche'S könne solchen Hohn nicht erttagen, und silst m ssine Wohnung, um »hm den Spott der Leust zu ersparen. Ich ka« zu spät. Mausche war schon zur Synagoge gegangen. Ich lief ihm, so schnell ich kannst, nach. Er war eben bsi der Gemeinde, dst vor dem Bethause stand, angekommen. Ich war nur noch 30 Schritte von Mansche entfernt und keuchend ssinen Name», er hörst «ich nicht. Mst erhobene« Haupst und stolzem Schritte ging er Menge hindurch — da und dort hörst ich

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