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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 24 (1891) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
24 (1891)
Date
1891-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ivr Nttirrkiltvai «ttl tiHHnntti fir fcif inriflitifAf (itxilif. ri Zahall Zn |ntrr|iltxi0 inl -eletzr»»- flr die isriMsche finilif- «oft. Ein Bild au« de« jüdischen Dorfleben. Bon Ludwig Frank. — Dir Brrsalgteu. Ein Traum. Ban M. Silber. * stein. — Die Bürgschaft, (««dicht »ur ilanfirmation.. Ban Dr. «d. Frankl. — RStbsel-Busgaben. — «Lthsel-Lbfungen. (Unbefngtrr »nchdrn« iH diese» Blatte ist nniersagt.)_ __ Mose. Sin Bild an« de» jüdischen Darsirben. Ban Ludwig Frank Ein kühler Nachtwind weht um meine heißen Schlüßen und spielt in meinem Haar. Die Aeste der Trauerweide schauer» hin und her, und das hohe Friedhofgras wird wellenartig bewegt von dem Frühlingshauch. — Tief unter mir liegt, hinter blühenden Oostbäumen versteckt, mein Heimathsdörfchen. Die Abendglocken sind eben verklungen; verstummt ist der Gesang der Bauernburschen.. Die Bauersleute haben sich, um das Licht zu sparen, schon zu Bette begeben. Die Juden schlafen auch; denn sie müssen am folgenden Tage krühzeitig aufftehen, um das Fest der Gesetzgebung zu begehen, da« Gerechtigkeit und Menschenliebe ihnen einschärft. — Es ist still in weiter Runde; nur der am T örfchen vorbeirauschende Rheinstrom singt seine ewige, einförmige Melodei; denn die todten Juden, bei denen ich in später Nachtstunde zu Besuche bin, schweigen auch, und die Gräber, denen die Todten chr Herz enthüllt haben, bleiben stumm, obgleich sie erzählen wunten von vielem, vielem Weh. Da sitze ich auf einem Grabe und drücke meine Stirne .an einen kleinen, kalten Grabstein; wenn zufällig der Mond . einen fahlen Schein auf den Friedhof wirft, lese ich 7NVV . Kein GeschlrchtSnamr, nicht der Name des Vater« oder der Geburtsort steht auf dem Stein, nurJa, da haben!sie ihn hingelegt, meinen lieben Freund Mausche; ich war aber damals noch klein, und jetzt ist er schon lange tobt, Er war in« Dorf gekommen; niemand wußte woher. Anfangs hielt man ihn für einen der vielen herumziehenden volnischen . Schnorrer. Doch wies er jede Gabe stolz zurück und miethete;fidj ein ärmliches Zimmerchen nahe bei dem Hause, in dem! meine Eltern wohnten. Durch diese Nachbarschaft kam es, j» daß wir miteinander bekannt wurden. Ich blieb aber auch ' sein einziger Freund und Bekannter im Dorfe. Wenn er so vurch die Straßen hinschritt, eine markige Riesengestalt, mit dem auf die Brust wallenden Barte und dem trotz der ärmst tichen Kleidung befehlenden Blick, schaute chm wohl mancher -' VMvundert nach. Aber von jedem Berkehr mit den Juden blieb er ausgeschlossen. In die jüdische Gemeinde nahm man ihn nicht auf. Daß er zu keinen Ehrenämtern Zutritt hatte, verficht sich von ftlbst. Selbst zu dem Segensspruche an der Thora wurde er nicht aufgerufen. Er war eben ein ^«gelaufener", die Andern aber „Eingesesiene"; dazu war er ein armer Hergelaufener, denn daß er nicht reich sei. hatte «an bald entdeck. Ein keine« Kogntol besaß er offenbar .bei seiner Ankunst im Dorfe. Damit kaufte er sich einen Pack Waaren und ging hinauf auf die Sckvarzwaldberge, den Hofbauern, um sich seinen kärglichen Lebensunterhalt N» erwerben. Dieser Umstand erwarb ihm viele Feinde. Die Handelsleute, die den Schwarzwald besuchten, versicherten, er verderbe jede« Geschäft. Bon seinen Waaren nehme er den kleinstmöglichen Gewinn. Di« Bauern wollten alle« von ihm kaufen. Er sei aber ein Narr; denn wenn er jeden Tag so viel verkauft habe, als er nothdürstig zu seinem Lebensunterhalt brauche, jo gebe er gar keine Waaren mehr her. — Bei den Waldbauer» nahm Maufchc eine ganz eigene Stellung ein. Sie waren gewöhnt, in den Handelsjuden bucklige, schmutzige, kriechende Gewinnjäger zu sehen. Jetzt kam solch eine fremdartige Gestalt mit dem Waarenbündel, verkaufte spottbillig und immer nur ein bestimmtes Quantum. Sie konnten gar nicht, glauben, dieser Mann sei ein Jude und ein Zufall bestärkte sie in ihrem Glauben oder Unglauben. — Als der Oberwaldbauer eines Abends nach Hause ging, sah er oben auf dem BergeSgrate eine Gestalt von fast übermenschlicher Größe stehen. Er wagte nicht hinaufzusteigeu. Am andern Abend jedoch^ als die Glocken zum Gebete läuteten, schritt der Schwarzwälder mit einigen beherzten Nachbarn jener Felsengegend zu. Wieder zeigte sich auf der Spitze jene räthselhafte Gestalt. Roch einigem Zögern stiegen die Bauern durch die Tannenwaldmy empor. Jetzt waren sie noch etwa vierzig Schritte vom Gipfel entfernt. Da stand die Gestalt, umhüllt von einem weiten, flatternden Mantel, einen Arm auSgestreck »ach Westen, wo eben in bluttothem Glanz die Sonne versank. Die Bauern blieben stehen. Da wandte ihnen die Erscheinung das Gesicht zu. Ein einziger Blick, es war Mausche, der Jude. Der rothe Glanz der untergehenden Sonne umaab sein von flatterndem Haupt- und Barthaar umrahmte- Gesicht mit verklärenden Strahlen. Sein Auge schien überirdisch zu funkeln, der auSgestreckte Arm und die ganze Gestalt zu wachsen. Entsetzt flohen die Bauern. Bon diesem Augenblick an waren hie Schwarzwälder überzeugt, Mausche sei kein gewöhnliche- Wesen. Die Aufgeüärten wollten wissen, er sei ein Bischof oder ein anderer frommer Priester, der zur Buße doS Leben eines verfluchten Juden führe. — i Andere aber — und das war die Mehrzahl — raunten sich I zu, eS sei der Prophet Mose, der gekommen sei, um Israel | neue Gesetze zu geben. Er ziehe jetzt so herum, well er daS ' Leben und die Gesinnungen der Juden erforschen wolle. Auf i den Bergesgipfeln sehe man ihn oft, weil er wieder einen Berg suche, um auf ihm, wie einst aus dem Sinai, die göttlichen Satzungen zu empfangen. — In jedem Schwarz Wälderhause wurde Mausche mit der größten Ehrerbietung empfangen, die Waaren, die man von chm kaufte, wurden nicht benutzt sondern als heilig und stgenbringend aufbewahrt. Wollte vielleicht ein Handelsjude an diesem Glauben rütteln, so konnte er daraf rechnen, hinausgeworfen zu werden, etwa mit den Worten: „Ihr Tröpft habt den Heiland gekreuzigt, Ihr würdet auch den wieder umbringen!" Bon der großen, abergläubischen Ehrfurcht, di« Mausche von Seiten der GebirgSleute gezollt wurde, war in der jüo. Gemeinde nicht» zu bemerken. Dort war und blieb er «in AuSgeftohener. — Oft sah ich wir eS schmerzlich um seine Mundwinkel zuckte, wenn die ganze Gemeinde vor Beginn de« Gottesdienste« bei dem Bethaust in Gruppen versammelt

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