Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 23 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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in als« Herr 6. »einem Lebe» hätte ich Sie rtk «ich da« freut, aber . nicht wkderer§«int!" .Habe» 6k «ich denn tu früheren Tagen je gekannt?" .Da« will ich Aauben — auch 6« dürften sich meiner nach erinnern!" .Da« macht mich ja in hohem Maaße neugierig. — Wie ist Ihr werther Name?" »De« Packenträger« in 6. werden Die sich wohl noch entfinnen!" begann er. .Natürlich, Ahrel« Packenträger!" .Und wohl auch seine« Sohne«?" fügte er hinzu. Jetzt war dk Reihe an mir. zu staunen. .Wie!" rief ich überrascht au«, .6« wären also .«haj . . . ^Ehajemel". ergänzte er, .thuu Sie sich nur keinen Zwang au — ich höre noch heute gern auf diesen Namen." .Jetzt aber", fügte er hinzu, .müffen Sie mir er» landen, daß ich Sie »einer Frau vorstelle, dk sich darauf lehr fteuen wird, weil ich ihr gar so oft Ihren Namen ge» nannt habe." Er geleitete mich daraus in jene Sla-verschaluug, wo «och immer dk reizende Dame in dem Journale blätterte. „TOrin Weibchen und zugleich meine Kassirerin", stellte er sie mir vor, nachdem er ihr meinen Namen genannt. Sie war sichtlich erfreut mich kennen zu lernen, und . auf ihr« beiderseitige Einladung mußte ich chuen verbrechen, den Nachmittag — e« war gerade an einem .Sonntag — bei ihnen zuzubringen. Die Wohnung de« einstigen Ehajemel, di« au« mehreren Piecen bestand, zeichnete sich durch Wohlstand und Behag» Y uchkeit au«. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich «-derselben auf mit dem ärmlichen, dumpfigen Stübchen, in dem er leine Kindheit zugebracht. Während da« reizend«, blonde Weibchen sich au« dem Zimmer entfernte, um un« zu bewirthen. gab ich mich mit ihre« Manne einem traulichen Gespräche hin, indem . wir un« unsere verschiedenen Erlebnisse mittheiltrn. Ich erfuhr dabei, wie das einstige Ehajemel. nachdem er in die Fremd« kam, die erste Zeit gehungert hatte und wie er ’ fpAtet durch seine Treue und Beruf-tüchtigkeit sich immer «ehr «»porarbeitete, so daß er sich später eine selbstständige Sxistenz gegründet und e« sogar zu einem Vermögen ge- . bracht hatte. .Und doch", fügte er lächelnd hinzu, .bin ich im Grund« genommen da« geblieben, wa» einst mein Vater 'war, ein Packenträger, freilich ein moderner und da« ist viel lohnender. Und hier", fuhr er lachend fort, al« inzwischen sein Weibchen mit verschiedenen Erfrischungen erschien, da« er glückstrahlend in seine Arme schloß, .hier haben Sie meine kleine Packträgerin, und wenn Sie erst unser kleines Päckchen sehen sollten! Jettchen —" wandte er sich darauf zu seinem Weibchen, .unser lieber Gast soll doch auch unser kleine« Päckchen kennen lernen!" Da bekam ich noch vier blühende Kinder zu sehen, die -die kleine reizende Frau mir vorführte. .Nicht wahr, ein liebliche« Päckchen?" fragte er mich, indem er eines um da» andere zu sich emporhob. .Ein liebliche« Päckchen, an dem wir gemeinsam zu tragen haben." .Wissen Sie, sagte er dann, als ich mich anschickte, mich von ihnen zu verabschieden, .in Ihren.Eulturbildern" ^vermisse ich noch einen Typu», der mit zum jüdischen Leben .gehört." .Und der wäre?" fragte ich. •i .Der Packenträger", erwiderte er, .der darf in Ihren Mildern nicht fehlen, schon aus Dankbarkeit nicht, weil er Dwch jedenfalls dazu beigetragen hat, daß Sie jetzt Cultur-?dilder schreiben. Nicht wahr, sie holen da« Versäumte nach?" Ich versprach es chm. ^Einige Jahre jedoch hatte ich daran vcrgefien, da fiel «ein Blick aus mein Gebetbuch, wo ich die erste Kindelzeit gewahrte, nämlich ein Seich erzählk vom — .Packenträger." ••unk Die refigiifc« i« ftfsftt.*)' .. . . Es bestehen in Korfu sehr starke religiöse Gegensätze. Die Bevölkerung ist gemischt. Bi« I8Ü4, also so lange die Engländer die Landesherren waren, überwog da« italienische, da« heißt da« katholische Element; war ja doch damals auch da» Italienische Amtssprache. Seither hat dtw griechische, das heißt das orchodoxe Element allmählich dk Oberhand gewonnen. Uebertritte von einer Religion in dk andere sind selten und wenn sie geschehen, so ziehen sk dem, der seine Religion wechselt, große Verachtung zu, weil der Glauben-wechsel säst immer au» Geldrücksichten oder ähnlichen sehr irdischen Beweggründen erfolgt. Wenn aber ein Mädchen Übertritt, um seinen Geliebten zu heirathen, so wird e« milder beurtbeilt. Die Katholiken halten die Griechen für Untergeordnet, die Griechen die Kacholiken. Beide aber skhen zusammen gegen die Juden. Der Kacholit hält den Griechen, der Grieche den Katholiken nicht im Besitz deS wahren Glaubens und also nicht für soviel werth, al« sich felost, aber jeder hält den anderen doch für so viel mehr, als dm Juden. Der Jude X ist der Arme, aus dem beide herumtreten. .Jude" ist ein Schimpfwort. Wenn ein Grieche zum Beispiel von seinen Religionsgenossen bei einer Ueoertretung des Fastrngebotr« betroffen wird, so heißt es gleich: .Jude! So hältst Du Deine Fasten?" Und glaubt sich ein Christ von dem andem in Handel und Wandel übervortheilt, so herrscht er ihn an: .Ist das Deine Treue? Jude!" Diese sind doch trotz der fünfzigjährigen englischm Herrschaft, welche leider die Bildung und Hebung de« Volke« sträflichst vernachlässigte, noch sehr zurück, stecken voller Bor urtheile, betrachten die Religion nur äußerlich al« die Erfüllung vorgeschriebener Formeln, sind mit Aberglauben an- S'üllt und mit Kindermärchen vollgepfropft. Der Korfiot nkdcren Volkes, mag er nun Katholik oder Grieche sein, schwört in gnkm Glauben darauf, daß die Juden in ihr ungesäuertes Brod einen Tropfen Christenblut thun müffen und daß sie zu diesem Zwecke Christenkinder schlachten. An dm hohen christlichen Feiertagen dürfen sich die Juden nicht viel außerhalb ihres Viertels zeigm, sonst laufen sie Gefahr, roh« Beschimpfungen zu erdulden. Umgekehrt müssen sie es sich an ihren Feiertagen häufig gefallen lassen, daß fanatische Christen im Judenviertel herumgehen und die festlich gekleideten Juden und Jüdinnen beschimpfen. Auch in den Volksliedern sowohl den italienischm, als den griechischen, kommt der Jude immer schlecht weg. Entweder spielt er die Rolle de« betrogenen Betrügers oder des Kinderpopanz. Bis zum heutigen Tage giebt e« in Korfu ein Ghetto, ein Jndenviertel, wie es in Rom eines gab. Es sind aber ganz schöne, breite Sttaßen und Häuser da, nicht rvas im allgemeinen unter Ghetto verstanden wird. Nach einer annähernd wohl richtigen Zählung giebt cs gegen 5000 Juden, meistens arme, oder nur mäßig bemittelte Leute, durchweg« Händler. Die Leute sind durchweg brav. Ihr Leben in der Familie ist ganz patriarchalisch; der Vater ist der Unumschränkte Herr im Hause; die Kinder sind von großer Ehrerbietigkeit gegen die Eltem beseelt, die Geschwister hängen mit inniger Liebe aneinander. Ihre Glaubensvorfchriften befolgen sie sehr streng. Untereinander unterstützen sie sich nach Kräften. Ich selbst habe sie auch stets ehrlich gefunden. Ein Hauptvorwurf, den die Geistlichkeit gegen fie erhebt, ist, daß sie an den jüdischen Feiertagm keine Geschäfte machen, dagegen an den christlichen Sonntagm ihren Handel betreiben. Im Uebrigen weist die Geschichte Korfu's viele Beispiele grausamer Judenverfolgungen aus. Die penetianische Re- •) Kn« dem Brief« eines griechische» Gelehrten an eine» deurfche» Lollezen.