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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 23 (1891) · p. Seite 88

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
23 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 88 (sequence 2)
Language
German
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immer hohler unb sein Gesicht bis nach und nach jede Spur von ihm Traurig und bedauernSwetkh d»«r seit je»« Zeit kl LooS de« armen Packentriger». Die frühere Gunst h« Menge wandelt sich a»f einmal und verft»l«Wm Nach wie vor bot « den Leuten seist W-nre zu» >n»ift an, ab« Niemand berührte fk; alt wären st« von einem bösen Geist behaftet. Imm« anfS Neue zog « in sein« „Budka" mit ftinem Ehchemel in die Umgebung hinan-, ab« nicht mehr begrüßten ihn die barfüßigen .Jüngelich" mit Jubel und Frendenrnfm, sondern warfen ihm vielmehr' Steine nach und verfolgten die Budka mit dem Ruse: „Hund! Ketzer' Apikau«»!"*) Immer selten« zeigte sich d« Packenträger auf der Gasse, di« ihm zum Fläche ward«. Sem Schritt wurde imm« unsicher«, sein Blick imm« hohl« und sein 1 fahl« und MÄff«, f vnloren schien. Auch Thajemel zeigte sich imm« selten« auf d« Gast«, wo « v«gebenjedem Borüb«g«he»den seine Waare anbot, biauch er ganz und gar die Gaffe mied. Nur einmal trat « zaghaften Schrittes auf mich zu und üb« und üb« roch werdeud, bat « »ich mit stotternd« Zunge» ich möge unter meinen Lollegen eine Collelte zusammenmachen, sein Bat« liege todttrank zu Hause, wo kein Stückchen Brod mehr vorhanden sei und noch wenig« de« Arzt« und di« Medizi» zu bezahlen. Ich und «eine Freund«, die wir seit jen« Zeit geheime Zusommeuküafte al^u halte» pflegten, schlugen ein Keines Sümmchen zusammen, da» wir Chaiemel übergaben, ab« das war viel zu gering, um in d« so großen Roth Abhülft zu verschaffen. D« arme Packenträg« litt nicht lange. Nach kaum einigen Monaten trugen sie ihn hinanaus dem Keine», ärmlichen Stübchen in jene stille Welt, in d« mau Ruhe u»d Freiheit sind« und wo einen der Fauatismus mit seinen noch so langen Armen nicht erreichen kann. Ob in den Ehassidim sich jetzt «was wie Gewissensbisse regte, nachdem sie die Früchte ihr« bösen That erkannten. oder fühlten sie Mitteid und Erbarmen mit dem unglücklichen Thajemel. der dach nichts Bösegethan hat — jo oder so, schon einen Tag nachdem der Packeuttäg« zur Ruhe gebracht wurde, kamen sie zum tra»ernden Thajemel und sprachen ihm Muth und Trost zu. Sie würden ihn nicht verlassen, versicherten sie ihm, « könne sich von jetzt an als ihr Stink ansehen, die Klaus werde sein Heim sein, jch« von chnen wnd« ihn einen and«en Tag beköstigen, «mch für Bekleidung und Beschuhung würden sie Sorge trugen. er solle nur recht brav sich anfführen — zur reePen Zeit würden sie ihn auch verheirathen und mit Brod versehen? es solle ihm nur nicht bang sein um die Zukunft, denn sie seien jetzt seine Beschütz«! Thajemel hörte sie stille an, ohne ihnen nur ein Wort daraus zu antworten, aber einige mal, während sie so zu ihm sprachen, schüttttte er en«gisch mit dem Kopfe. Ob das Zustimmung oder Ablehnung war, Niemand wußte es sich zu deuten, doch als die vorgeschriebenen sieben Trauertage zu Ende waren und die Lhasdim zu ihm kamen, um rhu zu sich in die Klaus, in sein neues Heim, abzuholen, fanden sie ein leeres Zimmer. Thajemel war seit jen« Zeit spurlos au» d« St.rdt verschwunden. Biele, viele Jahre sind seit damals verfloffen. Der Tturmhauch d« Zeit hatte uns nach verschiedenen Richtungen hingestreu«; wo wir ab« auch imm« waren hielten wir treu zur Fahne, bcr wir uns geweihrt haben, der Fahne des Lichtes und d« Aufklärung. Auf meinem Lebenswege bin ich vielen mein« Eollegen später begegnet, und da gab es nicht wenig llederraschungen, tarn jene blaffen .Jüngelich" mit den Seiteulocken tauchten vor mir in verschiedenen Gestalten auf, d« eine als Advokat, d« zweite als Arzt, der r^X Männer Mn Nmm nnd Stellung. MS ich vor eisigen Sah«» die Ferienzeit in Deutsch- ‘ ' rin« der ^daSGchau» m ndlüua »eine Aufmerksamkeit. Cw IIU)t N9 Dtt9 Die mich anlockte, sondnn die Eitelkeit war «S, die »ich bannte. Mitten nümlich onttr d« littrrarischen RvvÄüten, die hi« ausgestellt waren, prangen mein« „Tnlturbilder" an hervorragend« Stellung in ein« Weise, daß «S «inem iu die Augen falle» «uHta Dabei fehlte «S nicht an ein« be» sonderen Reklame seiten» de» vuchhtndt«», in d« « mit Nachdruck da» Pndlitum.aus diese» Wert aufmerksam »«achter Wa» hat »ur d« Man» an «ine« Buche gefressen? lachte ich zu mir selb« — daß n so viel Aufheben» davon macht? Ohne viel zu überlege» ttat ich durch du groß« zur Straße sich öffnend« Glatthüre Hinei». Ich befand «ich iu einem riesigen Raume mit riug-um lauftnde» Galerie», in eine« jener BrachilotaUtäte» die durch ihr Arrangement de» Blick sofort gefangen' nehme». Alle möglichen Stände waren da zu sehen. Bürg«, Beamte, hohe Ossiäere, auch viele Dann» in rauschenden Seidenkleidern, offenbar d« bessern Gesellschaft aagehüread, die sich dort ihre Lektüre wählen. I« einem am End« de» Lokales sich befindlichen Gemache, da» rin« Glasverschalung blldet, sah ich «in« junge reizende Dame, di« auf eiuem Sammtsauteuiüc saß und in einem der verschiedenen vor ihr liegenden Journalen blätterte. Um de» großen Ladentisch tummelten sich mehrere juuge Leute, die den verschiedene» Kunden die gewünschten Büch« hinlangteu. Besonder» fiel mir unt« diesen ein schlanker, sehr hübscher jung« Man» auf mit reichgekraustem Kopfhaare und einem schwarzen Schnurrbarte, der mit ein« eigenen Eleganz den Kunde« gegenüber sich benahm. Er war dienstfertig, ohne devot zu fein. Er war von «inem Schwarm jung« Dame» umgeben» die, wie man es bald merken konnte, sich gerne von ihm bedienen ließen. Eine geraume Welle wartete ich, bi» ich von ihm bemerkt war. Jetzt wandte er sich au mich in d« ihm eigene» verbindlichen Art mll der Frage: „Womit kann ich Ihnen dienen?" In dem ersten Augenblick brachte mich diese Frage iu Verlegenheit, denn im Grunde genommen wußte ich ja selb« nicht, waS ich hi« zu suchen habe, jedoch faßte ich mich bald und erwiderte: „Die Wahrheit gestanden, such« ich nicht etwa» Bestimmtes und möchte Sie dah« bitten, mir eine schöngeistige. Lectürr von den neu«n Erscheinungen zu empfehlen." .Wenn Sie ein Freund von Silhouetten wären, die die galizischen Znstände im treuesten Lichte wiederspiegeln", erwiderte «, „dann könnte ich Ihnen ein vorzügliches Buch empfehlen." „Just ein solches wäre mir erwünscht", gab ich zur Antwort. Auf einen Wink langte ihm ein« d« jungen Leute au» einem d« Fächer ein Büchlein hin, an dessen Um» schlag-blättn ich sofort meine „Culturbllder" erkannte. „Dieses Büchlein", sagte «, mir daffelb« überreichend, „kann ich Ihnen auf da! Wärmste empfehlen, wenigsten» Hab« ich hier Typen gefunden, die dem wirklichen Lebe« enttiommen sind!" .Diese» Buch kenne ich seit lange schon", lächelt« ich. „Wieso seit lange?" fragte er befremdend, „eS ist ja «st vor kurzer Zeit erschienen!" „Ich hatte Gelegenheit, es noch im Mannscripte zu lesen." „Stehen Sie also dem Verfasser so nahe? Da« kann mich sehr interessiren!" „Näh« al» nahe", erwiderte ich. .Sie wärm also ein Bruder de» Verfass«» . .Nein — d« Berfaffer -.ry ■ :> ') Freigeist.

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