Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 23 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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(enralgcgtfitii w« Br. •». MMatr in Magdeburg. Zn Würrtzeltni m» -rlrtzm» fd die ineMsche ftnüit — . Der Packe,trtarr. Jüdische Silhouette von Ra»Han Samueltz. (Schl»s>.) — Dt« «ltgiiis« «erhLlttüffe in Karl». — •Wlnfllt * Zur drtUnua zweier Lieder der Pehach-Hagada. — «llerlei für de« Familie »lisch: Die Psalmen in der ««schichte. — »-thsel^dsmigen. (Uudesugtrr «achdruck «*4 diese» Platt« tf ««sag«.) f, liilhsel-Aufg-ben — Oitthsel-Ldsmigen. Der P«cke»träger. Jüdisch« Silhouette von Ra «Han Samuely. («chl u ß.) brennen und und lesen!" Neue einen Häufen Blätter ins Feuer warf. Da» war di« Strafe, zu der wir verurtheilt waren, und sie konnte nicht teuflischer ersonnen und erdacht werden, denn jeder Riß in einem der Bücher war ein Riß in unserm Herzen, da» mit jenen Büchern verwachsen war. Diese häßliche Komödie aber sollte noch ein Nachspiel haben. Ein ungeheuerer Lärm entstand aus einmal vor der Thüre, di« in demselben Augenblick aufprallte und einen Mann erscheinen ließ von derbem Aussehen mit einem Strick um den Lenden und einer Lederschürze — offenbar ein Träger, der mit derben Fäusten den Packenttäger vor sich hinsneß. „Da habt ihr den Trafnak!"") wirhertt der Träger. JBon der Baffe habe ich ihm hergeschleppt!" Der arme Packenttäger zitterte wie Espenlaub in allen Gliedern, er sah höchst verwirrt aus: der ganz zerdrückte Alinder schwebte ihm am halben Kopfe, die Schaufäden und Kttbetriemen hingen in wirren Knäulen ihm herunter und dir Bücher, die der Arme nicht mehr zumsammenzufalttn vermochte, zerflogen in Blättern von allen Seiten. „Aber da« ist ja Ahrele Packenttäger!" riefen alle verwundert, .waö wollen Sie denn von Ahrele Packenttäger?" .So saget lieber Ahrele Trafnak!" polttrtt der Träger, „Ahrele Trafnak, der unö die Kinder vergiftet!" »Waö vergiftet? So redet doch klar! Wa» hat er denn gethan?* „Da hättet Ihr Euch da» Fragen erspart, wenn Ihr mit den Jungen» verfahren hättet, wie ich mit dem meinen". .Wa» hast Du ihlg denn gemacht?" .So Hab ich ihm gemacht!" — triumphirtc der Träger, indem er mft der Hand eine Bewegung in der Luft machte, die eine Ohrftige bezeichnet, .zwölf solche habe ich ihm mit meiner koscheren Jab*") ausgepaukt und da» hat ihm bfe Zunge gepikt." „Und warum war da» Alle»?" .Run so höret: auch ich habe lei meinem Sohne so rin Trese-Poßel gefunden, und da konnte ich von ihm nicht ewkkeiegen, wer e» ihm zugelangt hat, bi» ich ihm zwölf e Knacker, Stück um Stück aufgezählt habe und die n ihm den verschloffenen Mund geöffnet — da steht er vor Euch, der Trafnak, der un» die Kinder vertarset. Er muß wohl auch jetzt manche solche Trrift-Poßel» bei sich haben! Suchet nur!" De« Verführer. Glwiiyewn Hand. (Undefnßttr »achdrmk« Mehr brauchte c» nicht, keiner von den Anwesenden ließ sich da» ftomme Werk entgehen. Mehrere ergriffen den zappelnden Packenttäger, riffen ihm den Kaftan auf, de« Spenzer, da» Hemd und da stießen sie auf da» Päckchen, da» Päckchen, da» er am Busen trug. „Da ist'»! da ist'»!" jauchzten sie, .in» Feuer damit." Und da flogen schon die Bücher stülmeise in de« Oftu hinein, in dem e» schon wieder knistertt und die Flammen drin gierig dieBeute verschlangen, die der Fanatismus ihnen hinwarf. .Und der Packenttäger? Ein Bild de» Jammer» stand er da, mit irren Blicken, zerrauft, der Kastan zerfetzt, sei» ganze» Hab und Gut lag verbrannt, zerrissen und zerstückelt. Noch aber war da» nicht Alle», er sollte die eiserne Faust de» Fanati»mn» erst fühlen. .Hundertfünfzig Pantoffel!" gab jetzt mein Melamed, der Feldmarschall der Klau», da» Kommando. .Hundertfünfzig Pantoffel!" wirderholttn all« im wilden Chor. Wa» hundertfünszig Pantoffel bedeuten. weiß jede» Kind in der Klau» und auch der arme Packenttäger schien «» nicht mißverstanden zu habe«, denn er erblaßtt bi» in di« Lippen. Lange aber blieb ihm keine Zeit, über seine Lage aachzudenken, denn schon stand jeder Melamed mit einem Pantoffel gerüsttt, den er sich vom rechttn Fuß be «unterzog und bevor er sich versah, rissen ihn mehrere Hände auf den Tische wo er mit dem Gesichte nach untta zu liegen kam. Ein wahrer Hagelschauer von Pantoffeln regnett auf den Armen nieder, der mit Händen und Füßen zappelte und sich lo»zuringen suchte; jedoch gelang ihm da» nicht so leicht, denn wie Eisenschrauben legten sich um ihn die ihn niederdrückeude» Arm«; indeß die Pantoffel wir Dreschflegel aus ihn niederfielen, immer dichter und dichter. Da« Wehgrheul de» Armen war vom Gejohle und Bejauchze seiner Peiniger übertäubt. Da« war die Rache, die die Brrtteter der Ftnfterniß an einem Manne nahmen, der, ohne «» selber zu ahnen, der Aufklärung al» Handlanger diente. Haben sie aber dadurch ihren Zweck erreicht? Durchaus nicht. Di« Bücher waren wohl zu Asche verbrannt, aber der Feuergeist, der denselben entstieg, grub und «istett sich um so tiefer in die Herzen hinein. Die einmal in da» Licht geblickt, für die gab e» keine Umkehr in dtt Finsttrniß mehr, sie strebten fort und fort dem Lichtt zu. mochten dtt Bügel der Nacht ein noch so unheimliches Gekrächze erheben. Biele Jünglinge entflohen später dem elterlichen Hause und zogen in die Fremd« hinan», um chr Ideal, da» Wissen, zu erreichen, ohne vor dem Kainpf zurückzuschrecken, der sie erwartttt, dem Kämpft mit dem Mangel, der Entbehrung und der HuuaerSuoth. Mit trunkenem Herzen taumelten sie jenem Ideale nach, da» ihr« Kraft stähltt nnd sie unempfindlich machte gegen Hohn, Spott, Verkennung nnd taufimb ander» Enttäuschungen.