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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 22 (1891) · p. Seite 85

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
22 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 85 (sequence 3)
Language
German
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Der Packerrträger. Jüdische LilhoueNe von Nathan Lamuely. o r t s« tz u i, g.) Bis zum hcutigk» Tage weiß ich cs nicht, ob cs jenem Packcnträger nur um das Geschäft zu thun war, oder lag es in seiner Absicht, die Bildung zu verbreite». Biel näher liegt mir die Annahme, daß er Absatz für seine Waare suchte, denn er sah wahrhaftig nicht darnach aus, als ob cS sich um die Kultur handeln würde. UebrigenS fand er auch dabei seine Rechnung, denn eine ganze Schaar von Jünglingen, die von einander nichts wußten, sparten sich damals den Bissen vom Munde ab und brachten ihm jeden Kreuzer hin, um nur immer neue Bücher von ihm zu lickommen. Wie es aber auch immer war, geziemt jenem Packenträgcr eher der Name Fackelträger, denn er verbreitete, ob bewußt oder unbewußt, Licht und Aufklärung »m sich her. Als ich in jenes Buch mich hineingelcsen, geschah es mir, als wäre es wie Schuppen von den Augen gesallcn, die sich auf einmal mit Licht süllten. Jenes Buch nannte sich „Limude Ha-tewa.“ — die Nuturlehre. — Auf einmal erschloß sich mir eine große, herrliche, sonnige Welt, in der alles lebt und athmet, von dem kleinsten Gräschcn angcfangrn bis hoch hinauf zu den gewaltigsten Naturkolossen. Alles war von einer großen Weltfeelr erfüllt Ich las dieses Buch — nein, ich trank, ich schlürfte es mit dürstender Seele und fühlte mich immer trunkener. Herz und Kopf waren mir von einem göttlichen Rausch erfüllt. Schon nach einigen Tagen stürzte ich zum Packenträgcr hin, und brachte ihm meine Ersparnisse, wofür wieder neue Bücher bekam. AuS jenen Büchern lernte die göttliche Poesie kennen, die mich wie aus Flügeln in eine mir bis dahin unbekannte, sonnig« Welt emportrug. Ich lernte Licht und Aufklärung lieben und Finsterniß und Aberglauben hassen und verachten. In meinem Wesen vollzog sich eine wunderbare Wandlung, gleich jener, die im Innern der Erde sich vollzieht, wenn sie von der Erstarrung deS WinterS sich erholt und die EiSfesseln sprengt. Ich fühlte tausend Triebe und Keime in mir erwachen. Ich träumte mit offenen Augen. Sprach man zu mir, konnte ich einen wie geistesabwesend anstarren. Trug mein Melamed seinen Schiur(P«nsum)vor,dann weilte mein Sinn weit.weitentfernt von dem, was er vorgetragen. Frug er mich etwas, dann antwortete ich ihm, wie aus dem Schlafe, etwa«, was gar nicht dazu gehört. Natürlich gerieth dadurch das ohnehin jähzornige Männlein in Feuer und Flammen und da regnete «S mit Rippenstößen und Ohrfeigen, daß e» gar nicht «ufhörrn wollte. ihr eine» kleine« Doktor haben werdet.* »Rein, »ein*, schrie er hasti» .eine« Sohn will ich gern haben, doch ein Doktor wird er mir nicht, das schwör' ich Euch. Aber ein treuer Sohn, der seiner Religion Ehre macht.* — .S' sind doch närrische Leute, bemerfte Vater Scholz, .konnten sie einander nicht schon vor zehn, zwölf Jahren kriegen?" .Nun — was denn?* antwortete Löbel mit Eifer. »Was Hab ich immer gesagt? Hält' er ans mich gehört, er hätt' sich viel Zeit erspart und Kummer und Herzeleid. Und Lottens Geld wär' noch da, und man hält' nicht gebraucht zu schießen und zu sitzen drei schwere Jahre lang. Hätt' er das nöthig gehabt? Ja, daS kommt davon, wenn junge Leute nur ihren eigenen Köpfen folgen * „Er hat doch in seiner Art daS Rechte gewollt.* .Aber, mein lieber Herr Scholz, da» wollen wir ja Alle. Doch Jeder bleib' seiner Fahne treu, seiner Familie, seiner Religion. DaS ist die Hauptsache!* — Und Löbel Abraham schob den Hut in den Nacken, brachte seine Hände in die famose Hofcrslellung und ging seiner Wege. Ende. unge ist ja ganz wie «mgrwechselt*, klaffte e« meinem «ater, .er saßt, er begreift gar nicht mehr, waS man zu ihm spricht!* »Auch ich bemerke eS seit einigen Wochen*, stimmte der Bater zu, „beim Beten starrt er vor sich hin, wie ein Steinbild und nimmt kein heiliges Wort mehr in den Mund. Ermahne ich ihn, dann murmelt er minutenlang etwa» vor sich hin und bleibt dann wieder stille stehen, wie eine verdorlienc Uhr. die nach jedem Stoß eine Minute sich bewegt, um dann wieder zu verstummen * „Hier ist etlvaS rin verstecktes Spiel*, bcthcuerte der Melamed, .zuweilen verschwindet er für ganze Stunden — wo mag er nur damals weilen?" Wo ich damals weilte? — Auf dem Dachboden in der Nähe eines ganz kleinen Guckfenslcrchens. durch welchekaum eine Handbreite Licht hineinquoll, dort saß ich auf der Erde zusammengekauert, mein Buch in der Hand, und ich schwelgte in Licht und Glanz, denn dieses Buch war für mich die Quelle aller irdischen und himmlischen Freuden. In dem dunklen Winkelchen, in welchem ich mich befand, offenbarte sich mir in diesem Buche eine große, schöne Welt voll Licht und Sonne. Ö, Ihr, die Ihr öffentliche Schulen besucht, denen man das Wissen gleichsam mit vollxn Löffeln in den sträubenden Mund hineinlangt — Hut ab vor so einem blaffen Züngele mit Schmachtlöckchen, denn dieses sucht mit dürstender, brennender Seele das Wissen, das ihm ein hohes Ideal ish für das er leidet, duldet, kämpfet, tausenden von Gefahren trotzt, für das er sich zum Märtyrer weihet. Nie habet Ihr, Ihr stolzen Hochschüler, jenes Hochgesühl der Seligkeit empfunden, das so ein kleines Jüngele empfindet, wenn eff verstohlen aus dem Dachboden hinaufschlüpft, wo' cbei spärlichem Zwielichte seinen brennenden Durst an der Quelle d«S Wissens stillt — oder wenn es Mitternait in seinem kleinen Zimmcrchen, wo cs vor Späheraugen sichgeschützt glaubt, mit dem Krcuzerlichtchen in der Hand über sein Buch gebückt dasitzt, in daS er sich mit einem solchen Eifer hineinliest, daß er es nicht einmal empfindet, wie das ausgehende Lichtchen bereits schon anfängt ihm an ten Fingern zu brenne». Nein, diese Seligkeit habet ihr nie empfunden, nicht auf dem glatten, schlüpfrigen Tanzboden, wo Ihr Euer bischen Latein ausschwitzet — das werdet Ihr auch später nie empfinden, wenn Ihr, mit dem Doktorhut geschmückt. Euch aus die Jagd begeben werdet »ach einem edlen Wild, in der Gestalt einer reich begüterten Braut — nein, das habt Ihr nie empfunden und das werdet Ihr nie empfinden, denn Euch geht in dem Gewühle des Lebens jedes Ideal verloren, während so ein blasses Jüngele in seinem vollen, wogenden Herzen das Lichtideal einer großen Zukunft trägt. .Wo mag er nur weilen?* fragte in jener Zeit mehr al« einmal der Melamed, dem sein Jüngel oft für ganze Stunden verschwunden ist, denn jener neue Geist, den der Packenträger in die Stadt gebracht, ergoß sich auf einmal über eine ganze Schaar von Jünglingen, die gleich mir mit offenen Augen träumten und gleich mir jeder sich ein geheimes Schlupfwinkrlchen auffand. Mein Melamed jedoch, der rin wüthendcr Fanatiker war, spähete so lange mir nach, bis er endlich auf die Ursache kam, die mich so gründlich umgrwaadelt hatte. Einmal nämlich, als ich. wie gewöhnlich, in tiefer Nachtstunde, nachdem ich mich überzeugt halte, daß Alles im Hause schläft, mir mein Licht anzündetc und mich in mein Buch versenkte, da erscholl eS plötzlich neben mir, wie ei» Donner aus hriterm Himmel. Ich fuhr empor und siehe, da stand vor mir die Schreckensgestalt meine« Melamed. halbnackt, nur bloS in der weißen Nachtmütze und in den» kurzen Hemd, daS seine stark behaarten Storchbeine hervor» blicken ließ, und diese Gestalt sah mich mit einem so teuflischen Grinsen an, daß mir das Blut zu Eis gefror. Ohne nur «in Wort zu sagen, nahm er mir da» Buch, — eff war bic wunderbare Satyr« über die Finsterlinge von

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