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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 22 (1891) · p. Seite 84

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
22 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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und Behagen 3re ©onni, Du brauchst uicht »eSistK zu sein", sagt Vater Scholz kopfschüttelnd, .da» Glück dieser Frau ist noch z» übersehend .Ich beneide sie nicht, ganz und gar nicht. Und nicht um all ihr Geld möcht' ich ihr eingefallenes, gelbe- Gesicht haben oder gar ihren Pantoffelducker von Mann." „Respeckt, Sanni, er ist der Amtsrichter." „Ach was! mein Amtsrichter ist er nicht, ich habe ihn nicht angcstellt. Lachen Sic nicht. Papa Scholz, ich bin bitterböse auf diese ganze hochmüthige Sippschaft. Sie sind nur sortgefahren, weil sie sich zu vornehm dünktcn an meines Bruders Hochzeit Theil zu nehmen " Vater Scholz antwortete nicht, er blickt angelegentlich nach der Landstraße, plötzlich erhebt er den Kopf und summt vergnügt: „Sichstc wohl da kimmt er — langt Schritte nimmt er —” Man staune! Selbst bis nach Kronstadt ist der erhabene Text des Berliner Kreuzpolka schon gedrungen. Und der Envartete nimmt wirklich lange Schritte, so gut es seine kurzen Beinchen gestatten wollen. Endlich ist er da, Löbel Abraham in höchsteigener Person. Er schleppt ein mächtiges Packet, das er, selbst in den Augenblicken höchster Erschöpsiing noch ein echter Fraucnlob, Sanni mit artiger Verbeugung zu Füßen legt „Rathen Sic, wo ich hcrkomme, Fräulein Sanni!" „Schnurgerade die Trcbanobitzer Chaussee entlang." „Getroffen! Alle lassen grüßen. Ter Vater und die Mutter und das junge Paar und die gesammten Hochzeitsgä'te." „Werden ihrer nicht allzu viele gewesen sein." „So soll ich gesund sein. Herr Scholz, wie Sie da Recht haben. Es waren höchstens ein Dutzend Menschen beisammen. Tie Tamen nicht eingerechnet, die zähle ich extra. Was sind Eure Schwestern für stattliche Frauen geworden, Jungfer Sanni! Aber Ihr habt wohlgethan zu Haus zu bleiben, Sannilcben, das war kein Fest für fröhliche Mädchen, cs war eine sehr ernste Feier." „Mit meinem Willen bin ich nicht zurückgeblieben", sagte Sanni ärgerlich, „cs geschah nur, weil die Mutter cs befahl Und jetzt erzählt endlich. Meister Löbel, warten wir darum seit zwei Stunden, auf Eure Rückkehr, daß Ihr Euch jedes Wort mühsam Abfragen lasset?" „Söder wußtet Ihr denn, daß ich heut' noch zurückkommcn müsse?' „Ich lönnte Euch envidern, daß Euer Geschäft Euch nicht erlaube, ztvci Tage sortznbleibcn, aber Ihr laßt ja doch Eure Kundschaft warten, wie — nun wie eben ein Schneider — aber die Wahrheit ist, daß Euch Mitleiden mit mir armem, böslich zurückgelasscnem Nesthäkchen überfallen hat: und ihr halb und halb selbst daraus brennt, "urr Neuigkeiten auSzukramen. Also fangt an. Zuerst: Wie sah die Braut aus?" „Schön! Schöner wie schön." „Geht doch. Ihr übertreibt. Lotte Jakob ist dreiunddrcißig Ähr." „Entschuldigen Sie. ztveiunddrcißig." „Zweiunddreißig! Gott das ist ja schrecklich alt." „Run? was lhut das?" Löbel streicht liebkosend seiucn dünnen grauen Bart und versucht recht unternehmend dre.nzuschauen. „Fräulein Sanni, ich sag' Ihnen, wenn die kleine Lotte mich gewollt Hütte — ich hält' sie auch genommen." „Ach lasset die Possen. Mein Bruder konnte wohl «in hübscheres Mädchen heirathen oder auch ein reicheres." „Ja! damit sollte ihm nur einer kommen. Darüber hatte er so seine eigene Ansichten." „Leider recht unpraktische. Lotte Jakob zu nehmen, die keinen Groschen Geld mehr besitzt. Sie sollen sich auch unglaublich einfach möblirt haben. Denken Sie nur, Löbel, nicht mal Ucbergardinen! Tie Frau Amtsrichter Seligsohn hat neun Zimmer und in jedem Einzelnen Uebergardinea." „Ob^ie auch übriges Glück Stuben hat, w.iß ich nicht." ' „Ach, dasind schöne Redensarten, Meister Löbel, Ihr thut, als ob Reichthum eine Schande wäre. Und schließlich: Eines laß ich mir ganz und gar nicht auSreden: eine Jüngere hätte der Max jederzeit -noch bekommen. WaS seht Ihr mich so an?" „Ihr habt recht schöne goldene .Haare —" „Was soll daS hier?" „Und dabei fällt mir ein. Euer Bruder hat einen ganz weißen Kopf." Da fängt Sanni an bitterlich zu weinen. Löbel Abraham spricht kein Wort. Nur Bater Scholz seufzt: „Ja, ja, drei Jahre Festung ohne Gnade! Aber sagt doch, Lö!>el, habt Ihr meinen Hans dort gesehen?" „Nun natürlich. Gehört doch Euer HanS zu dieser Hochzeit wie der Zucker in die Torte. Wer hätte dem Doktor aufgeholfen, wenn nicht Euer Han»? Damals, als er endlich von der Festung loskam und mit leeren Händen, dem Nichts gegenüberstand —" umsonst winkte Papa Scholz mit Augen und Händen Löbel Schweigen zu, der Schneider ließ sich so leicht nicht aus dem Konzept bringen, um so weniger, da er mit gutem Grund beabsichtigte, der ziemlich hochfahrendcn Sanni eine kleine Lektion zu ertheileu, „wer hat damals dem Doktcr mit gutem Rath und klingender That beigestandcn, wer anders als Euer Hans? Wer hat den Max gefördert und unterstützt, als er in der wildfremder» Stadt, da weit in's Elsaß hinein, noch einmal ganz von vorn um seine Existenz ringen mußte? Immer der Han-, der gute, treue, seidne Mensch —" „Ja, aber er hals sich denn doch bald wieder allein", sagt Vater Scholz in seiner milden Art, denn das verlegen und gesenkten Blickes zuhörende Nachbarskind that ihm leid. „Nun — wie eine Sache da ist!" fährt Löbel kampfes» muthig fort, „wozu hat er denn seine Doktorei gelernt? Hat cs nicht lange genug gedauert, bis er sich sein eigenes Nest bauen und die kleine Lotte heimholen konnte, sie die so treu auf ihn gewartet hat." „Hört mal, RebLöbel, hat man Euch keinen Cheilek(Portion^ für uns mitgegcbcn?" sucht Sanni's Frage das vorangegangene heikle Thema abzuschncioen. „Seht nur nach " Aber wie Sanni das umfangreiche Packet össnet, kamen die fürchterlichsten Dinge an's Tageslicht. Irgend eine täppische oder gar leichtsinnige Hand hat die zahlreichen Buttcrkuchen und FleischÄsttten ungesondert in eine Hülle gebettet, so daß es sür ein recht gläubig jüdisches Kind zur ttaurigsten Unmöglichkeit geworden, auch nur einen Bissen von all den guten und verlockenden Dingen anzurühre«. Schauderhast! Jetzt ist eS Löbel. welcher in Verlegenheit geräth und von dem jungen Mädchen eine gediegene Straf» predigt für seine Unachtsamkeit erhält. Aber das schlaue Schueiderlein salvirt sich mit dem frommen Wunsche, dasi ihm ein ähnliches Malheur recht bald bei Sanni'» Hochzeit passiren möge. Mit einem Male wird Löbel Abraham tief ernst. „Ich Hab' Euch noch gar nicht ei^ählt, Sannilcben, was Euer Bruder gesagt hat, als er in den Hochzeitsaal ganz unerwartet seine Eltern treten sah." „Wie mag er sich gefreut haben." „Geweint hat er, geweint wie ein kleines Kind, ganz herzrührend, niemals habe ich einen Mann so vor Freude weinen sehen." „Mein armer Bruder." „Er hat viel gelitten." „Aber das hat ihn besser gemacht. Lieber Herr Scholz, ich bin nur ein geringer Mann, aber «» verdroß mich doch, wenu ehedem dieser junge Mensch so vornehm that, und unser einen immer über d« Achsel aasah. Seht, jetzt war er ausnehmend frenudlich, sogar zu mir. Löbel, hat er '

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