Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 21 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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l»«b her, da« rbrvfall« Hände Schaufäden beladen halte, < und Taschen mit Bttl aber putzig, leicht und flink, er immer in Bereitschaft, den ganzen Knäuel von Waaren auSeinanderzumachen, wenn nach einem Artikel gefragt wurde. Jede« kleine Kind in der Stadt kannte sie mit Namen: Ahrrle Packenträger und sein Shajemel. Nicht aber bloS in dieser Stadt waren sie von allen Leuten genannt und gekannt, sondern auch in der »veiten Umgegend, in allen Städten, Dörfern und Marktflecken. Jeden zweiten Monat sieht man Ahrele mit Hülfe seines Sohnes eine große Budka - so eine Art gedeckt« Wagen — vor da« Häuschen hinau«scklrppen, das sie voll mit frommen . Waaren beladen, wobei Chajemel sich so lebhaft tummelt, , daß ihm das Blut die Wangen bespielt und die beiden Mieitenlöckchen wie zwei Perpendikel sich durch einander schaukelten. Darauf verschwindet Chajemel für eine Weile . und erscheint bald darauf wieder, einen halb krepirten Gaul «m Schöpft führend, den er an die Deichsel spannt, und schon saßen sie beide auf dem Kutschbocke, von welchem Chajemel mit einem lauten Wiau»Rufe den guten Gaul gmfmuutert, der mit keuchender Brust sich fvltzuarbeiten sucht, während die zergliederte .Budke' mit einem dumpfen Gerassel sich von der Stelle rührt. .Wiau! Wischta!" tönt eS immer munterer aus der Budka, aber der arme Gaul, der in traurigen Gedanken versunken zu sein scheint, wiegt fort und fort daS zottige Haupt, wie wenn er sagen würde: .So ergeht« einem, wenn man alt und krank, ist!- — Chajemel jedoch duldet eS nicht, daß sein «uter Gaul sich solchen trüben Gedanken hingebe und befleißigt sich, ihm mit einigen kräftigen Peitschenhieben Muth und Trost zuzusprechen, so daß er fester anzieht und an «in Fortkommen zu deoftn anfängt. In einem Städtchen angelangt, wird es auf einmal recht lustig von allen Seiten. Au beiden Seiten de« Wagen« laufen dir barfüßigen Jüngelich, Ehrenspaliere bildend, und johlen lustig in die Welt hinein: .Der Packenträger ist da! Der Packenträgrr ist da!' Bor dem Eingänge der Synagoge macht die Budka halt und da springt Chajemel hurtig vom Wagen, spannt Aden müden GaNl au«, den er mit dem Kopse der Bude zu an einen Pflock anbindet und ihm ein Bischen Heu hinstreut, da« der arme Gaul sofort zu beschnüffeln und daran zu lauen gusängt. Inzwischen begirbt sich Chajemel in di« Synagoge, von wo er mit Hülft einiger Jüngelich.einen isch und einige Bänke hinau»trägt, die er an einander fügt und auf denselben sich' sei»« Waaren auslegt: hier nuehrere Knoten Schaufäden, dort einen Haufen Mesuft», eie» (Amulette) und Gebetriemro, und hier wieder allerud Gebetbücher, große und kleine, theil« mit, theil» ohne band, auch an verschiedenen anderen Büchern fehlt eS t, die er mit Bcrstäudniß ordnet, je nach Rang und uft. Bevor man sich'« versieht, sind die Bänke und Tisch« einer großen Schaar Käufer umringt. Hier sucht ein ter Mann eine Bibel au« mit allerhand Kommentaren, rt einer Gebetriemen, und hier wieder setzt ein alte« kMRtterchru ihre Hornbrille auf, indeß sie init der Hand i»ach einer Techioue langt, dft sie aufschlägt und in aller! e einige Blättchen herunterbetet, und unentgrlllich einige 1 'Alten hineinweint, während neben ihr rin überwachsener [fet*) mit verbundenen Zähnen und verschürzten Rock» . Hen sich mehrere Knoten Schaufäden aurwählt und hart den ihn eine Schaar junger Mädchen sich über eine» ufen von Blättern hermacht, dft schöne Geschichten . ent« lftn, wie .Robinson", »Tausend und eine Stacht- und ftdene BolkSlftdchen. Dabei wird von allen Seift» & .Gin Agodeft-!') .Eine Trchinne!- ') so saust und braust eS von allen Seiten, und Caftmel, flink wie «in Reh, ist bald bei dem einen und bald bei dem andern Kunden, ruft dort den Preis eines Buches hinüber und giebt hier einem tadelnd« Kunden eine derbe Antwort, rollt hier einen Knäuel Gebetriemen auseinander, nm die Güte der Waace zu zeigen und betheuert dort einem Mädele, dft über ein Maaßebüchel ‘) feilscht, daß sie sich dft Finger schlecken werde nach diesen Geschichten, so schön sind sie, und inzwischen wehrt er mit der Fliegenpatsche, die er zur Hand hat, eine ganze Schaar von lästigen .Jüngelich-, die unnützer Weise um den Tisch sich zusammenstaueftn, daß die Kund« keinen Platz mehr haben, und nebenbei langte er seinem Baker ein dickleibiges Buch, nach welchem ein Kunde geftagt hat. So war er in einem und demselben Augenblick überall zu sehen, als ob er sich vervielfältigt hätte. Der Packenträger und fein Chajemel erschienen sehr oft bei uns zu Hause, denn mein Baker war ein großer Bücherfreund und hatte immer etwas zu kaufen, um seine Bibliothek zu ergänze». Namentlich verfehlte nie der Packenträger, jeden Freitag bei uns nachzufragen, ob man nicht Bedarf an Schaufäden habe, und wenn solche bei ihm gekauft wurden, dann flocht sie sein Chajemel selber in das Arba« KanfeS'), was so eine Art Gratiszugabe war. Da geschah eS einmal, daß der Packenträger zu unS in die Wohnung kam zur Zeit, al« die Eltern außer dem Hause waren, und nur ich alle!» mit dem Wiederholen einiger Kapitel au« den Propheten mich beschäftigte. Der Packenträger hörte mir eine Weile stille zu und knüpfte mit mir dann folgendes Gespräch au: .WaS Du aber für einen Eifer hast, Jüngele, und wie Du Deinen Poßek') so schön herzusayen verstehst!' .Dazu habe ich ja gelernt!' erwiderte ich. .llnd hast Du schon viel von den Propheftn gelernt?" .Beinahe Alles!' „Und gefallen dir die Propheten?" .Mehr als alle» andere!' .Und ivarum mehr als alles andere?' .Jch weiß nicht, aber die Sprache entzückt mich!' ,Und iveißt Du auch, Jüngele, daß es noch heute viele giebt, die in der Sprache der Propheten schreiben?' .Und warum soll ich denn da» nicht wissen, all« große»' Rabbiner schreiben ja hebräisch ihre Werke'. .Ja hebräisch; aber ich meine da» reine, daS schöne Hebräisch nach Art der Propheten, und sie behandeln in dieser Sprache Dinge, die jetzt in der Welt Vorgehen!' .Ah-, sagte ich, »Sie meinen wohl die aufgeklärten Bücher! - .Ja, die meine ich, und hast Du einmal in dftse schon hineingeblickt?' .Nein, noch nie". .Und hättest Du Lust, sowas einmal zu lesen?" .Hm', räusperte ich mich, .Lust wohl ja, aber mein Melamed (Lehrer) sagt, daß jeder, der sowaS liest, der Hülle verfallen ist!' .DaS sagt er, aber ich kenne viele, und die sind viel klüger als Dem Melamed, und die sagen, daß diese Bücher einem dft Augen öffnen, so daß man sich erst recht in der Welt herumsieht!' .Da wäre ich wirklich neugierig, einmal so einSepher(Buch) in Händen zu haben. — Ist e« aber auch in so einer Sprache geschrieben, wft JesajaS?" .Jedenfalls nach diesem Muster, aber e» handelt von der Zeit, von unftrm Leben!' .Ei wie gerne müchft ich so ein Buch lesen!' .So hör« mich an, Jüngele-, begann der Packenträger, sich scheu im Zimmer umfthend, .da kann ich Dir solche Sephorim verkaufen, d« Du mir in Wochengeldern auszahlst. Mir GetchichftntttK'™*'1