Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 21 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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"infrf Mucha schrieb: »(£$ geht da« Gerücht um, Goldmnnn sei gefallen. Da Hans Scholz eben mit sehr nieder- "Aagener Miene an mir vorüberrannte, nehme ich an, daß r oahr sei." Und ganz klein, fast unleserlich, war darunter ' ltzclt: „Ich gratuure, Frau Baronin. - Der Bursche ivar kauni hinaus, so riß Marie die Thür T'ji Älciderschrankes auf und musterte fieberhaft ihre Garderobe nun mußte sie ja doch an die Trauer denken. Ein noch delloses schlvarzes Kachcmirklcid fand sich vor, ebenso ein aneter Hut und Shawl, an Handschuhen ivar kein Mangel, 'u<i ein hübscher Jetschmuck zur späteren .Halbtrauer konnte ,v i bildbar sein, aber rtnxrs fehlte, etiväs sehr Wichtiges. Sie lief ans Fenster, öffnete cs und rief: .Staß. 3ta)?!- 3m Hofe erschien der Bursche und fragte, was die ' : in befehle. .Lauf' einmal herüber zum Juden Gabriel und kaufe wir einen langen Kreppfchlcier, aber recht lang hörst Du'? •kV to, hier ift (Mb.“ Sic eilte an den Tisch, nahm einen der Hundertmark- -' l me mrs dem Portefeuille, itnirf ihn zum Fenster hinaus ui.d bedeutete den Burschen, den Schleier ja unverzüglich - auf zu bringen. Nach einer kleinen Weile kam Staß mit einer Rolle zurück, in welcher der Krepp verborgen. Es war ein tiefi xirzes, dichtes Gewebe. Marie prüfte seine Länge an n böesralt, während Staß erzählte, man habe ihn auf der »ßc allgemein gefragt, ob es wahr sei, daß der Herr ..kor ganz todtgcfchosien sei, der Herr Apotheker aber lasse Frau Doktor dringend bitte», sie möchte um Himmels- ><n diesen Abend ja auf ihrem Zimmer bleiben. .Ja doch, ja!" rief Marie verdrießlich. „Ich werde :Tdavonlaufe».- Es war doch zu ärgerlich, der Cnfcl nudelte sic immer noch wie ein kleines Mädchen. „Wenn Sic hinausgehen, Staß, schließen Sie in Teufels n hinter mir ab und geben Sie Zirkel Mucha den üsicl, daß er beruhigt sei.- Der Bursche ging nicht, er hatte augenscheinlich noch : aus dem .Herzen. „Was giebt's noch?“ -Cb die Frau Doktor angesichts dieses Unglücks wenigstens an den Nebelreitcr glaube-, brachte er heulend heraus. .Der Rebelreiter'?- Marie sah Staß zweifelnd an. „Es nt mir jetzt selbst es sei etwas Wahres an der Sache.- Da war Staß beruhigt und ließ die Frau Doktor allein. .Abschließcn!- rief Marie ihm nach. Marie hatte den langen, faltenreiche« Schleier um ihren >t geschlungen und trat vor dem Spiegel um sich und die .irkung ihres Werkes besser zn betrachten. Schwarz Neidet doch prächtig zu blondem Haar. Sie wandte sich nach allen Seiten, beugte sich vor, rf den Kopf zurück — neigte sich, zog den Schleier vor Gesicht und ließ ihn wieder herab, sie war zufrieden, also würde die junge Witttve de« Doktor Goldmann thrn. EigenÜich that es ihr doch ei» wenig leid um n Mann. Max war kein schlechter Mensch gewesen, >t«, kein Trinker, kein Spieler, auch kein Lüderjahu. Er c cs in seiner An doch immer recht gut mit ihr gemei lt. Anderer würde ihr nach dem Vorfall mst Dallwig cm« ne bereitet, sie vielleicht geschlagen haben — Max räumte gutwillig dar Feld. Und so edel dabei, sein ganze» und Gut hatte er ihr vermacht. Sie empfand beinahe etwas wie Freud«, daß sie so rig um ihn sein konnte, auch ein paar Thräne» blieben aus. Uebermorgen beim Begräbniß, und e« würde i recht schönes und großes Begräbniß sein, da würde sie r recht um ihn weinen und klage» und alle Welt würde gei»rt sein über ihren tiefe« Schmerz — welch zärtliche, fit *>mHU Frau war sie gewesen.-Doch na« ist da»? 5s flammte etwa» über ihrem Haupt«, ei» heller Strahl. * Gott! Bei ihren unruhigen ’Vtoqpuiaen hatte der Schleier an einer Kaze Feuer gefangen und sengte. Erschrocken griff sie danach und versuchte den lodee»de» Fetze» abzureißen, die zitternden Hände fanden die Nadel nicht sogleich, durch welche der Hut im Haar befestigt war. — Hut, Schleier, die reichen über den Nacken fallende» Flechten ihre« schönen Haares, der Shwal, ihr Kleid — in einer Sekunde alles in Hellen Flammen. »Wasser! Wasser!- Es war kein Tropfen Vorhände». — sie fliegt zur Thür, die war versperrt. Aber der Wein da konnte retten. — Sie versuchte die halbgeleerte Flasche über ihrem Haupte auszugieße» — da« zischte auf und sprühte in tausend Funken — der schwere spritreiche Spanier entfachte die Flamme noch mehr statt" sie zu löschen. Die unglückliche Frau wälzte sich auf dem Boden und schrie: »Zu Hülse! Ich sterbe! . . Ich sterbe!* Dann ein Wimmern noch, und es war vorüber ... Unten in dem BerkaufSlokal der Apotheke stand Onkel Mucha nnd hatte ihr gellende« Schreien gehört. Er und Staß hatten alle Hände voll zu thun, denn der Laden war gedrängt voll von eingeblldeten Kranken. Wie am Nachmittag bei Steinmenger hatte sich auch hier jetzt zur Abendstunde «ine Schaar sensattonssüchtiger Säufer eingesunden, die gekommen war, um recht schaurige Einzelheiten über de« Dostor« Tod zu erfahren. Ein Spiel de« Zufall« wollte, daß auch nicht Einer von ihnen da« Märchen ahnte, da« die wunderliche Fama den guten Trebanobltzern aufgebunden. Die Meisten verlangten Marien zu sehen, angeblich um ihr zu condoliren, in Wahrheit aber, um sich selbst durch den Augenschein zu überzeugen, wie die leichtfcrtigc Person sich bei d m Unglück geberden werde und sich im besten Falle da« gewissen Naturen unschätzbare Vergnügen zu gewähren: di« Heldin einer wirtlich geschehenen Tragödie von Angesicht zu Angesicht anzustarren, oder wenigstens ihr Wehklagen mit eigenen Ohren zu vernehme». Nun — da« Geschrei, da« hiuunterdrang übertraf selbst die Erwartungen der grausenlüsternste» Seelen — da« waren herzzerreiAnde Wehrufr. „Die arme Frau-, sagte der Apotheker traurig zu seinen Kunden, hören Sie. so weint und schreit sie um ihren Man». Sie hat ihn so unendlich lieb gehabt —- Und der gefühlvolle Onkel Mucha wischte sich eine Thräne aus den Augen. (Schluß folgt.) Der Packeuträßer. Jüdische Silhouette von Nathan Samuely. Auf einem der beigebondenen Blätter meine« Gebetbuches finden sich einige von mir noch in zartester Kindheit geschriebene hebräische 8er»lei«. Wer mir den ersten Anstoß dazu gegeben hat, mei» Denken und Fühlen in poetisch« Form zu gießen, war kein anderer, als der Packenträger. Noch jetzt steht er mir lebendig vor Auge«, jener Mann, der vor dreißig Jahren, ohne e» selbst zu wissen, meinem Leben eine entschiedene Richtung gab. Einen ambulanten Lade» von Büchern, Gebetrieme« und Schaufäden sah man ihn immer in den Straße» sich langsam dahinbewegen. Durch beide Rockklappen, au» den Seüentaschen seines zerfetzten Kaftan«, ja auch au« den Busentaschen, kurz, au« allen Ecken und Enden hingen ihm ganze Knäuel von Schaufäden und Gebetrieme» herunter, wobei er beide Hände mit ganzen Stößen von Büchern beladen hatte, über welche wieder um ganzeKnotrnvon Schaufäd«»' und Gebetrieme« augehäust lagen, so daß man vor lauter frommer Waare vom Packenträaer selbst nur den zerdrückten Eylinder herautsah und die beide» schiefgetreten«» Pantoffel, von welchen bei jedem zweite», dritte« Tritt ih» anderer vom Fuß« herunter ~ ~ ' ,j»it 4