Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 19 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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iHwf aut meiner Wohnung holt und dieses. Portefeuille ineiner Frau Überbriagt?" Frau Schmidt hatte mit echter Evaschlaubeit längst ge» mcrki, daß der Doktor etwas Besonderes plane, wie olle Frauen drängte sie sich dazu, die Rolle einer Bertrauteu zu übernehmen. .Ich will selbst gehen, Herr Doktor." -koch Verlauf von zehn Minuten kam sie zurück, ein großes Via fort auf dem Arm, in welchem die gewünschten Kleidungsstücke verborgen waren. .Ich habe mir Alle» allein herauSnchmen müssen", sagte sie, .Ihre Frau schläft fest, die Brieftasche habe ich ihr aus das Bett gelegt." Ter Doktor hatte mit außerodentlicher Sorgfalt Toilette gemacht, daun einen zweiten Brief geschrieben, diesen an .meinen lieben Hans" adressirt und darauf da» Haus verlassen. Vor der Hausthür traf er Frau Schmidt und deren Tochter. Frieda trug einen großen Blumenstrauß. Max mußte stehen bleiben und den Beiden ein paar freundliche Wo te sagen. .Woher die hübschen Rosen, Fräulein Frieda?" .Lottchen Jacob hat sie mir geschenkt". Frieda reichte ihm eine halberschlossene gelbe Rose, welche der Doktor anscheinend sehr erfreut nahm und in sein Knopfloch steckte. .Tausend! Herr Doktor!" lachte das Mädchen, „Sic sehen wie ein Hochzeitbitter aus." .('tanz recht. Ich geh« auch, mir einen guten Freund zu in Tanz« zu laden." Bierzehntcs Kapitel. Krähwinkel hatte sein Ereigniß. Tie Vesper war vorüber. Das schmucke .Kirchlein hatte se::c Gläubigen entlassen, die Trebanobitzer standen in dichten Krappen beisammen. Alt und Jung, Reich und Arm drängten üch vor und in den Laden des Kaufmann Steinmenger »süm- Weinmenger. wie er im Volksmund hieß, denn der Mcnn betrieb außer seinem Handel mit Spezereien auch noch die sehr einträgliche Lieferung der Weine für das Kasino.) Steinmenger hatte heute einen brillanten Geschäftstag. Sa imtlichc alten Leute beiderlei Geschlechts hatten es unglaublich eilig, sich mit Kaffee, Zucker und anderen Genußarttleln zu versehen, nur um wieder und immer wieder die scha rige Mordsgeschichte von dem jungen Herrn Baron von Da-Mg zu hören und dem Doktor Goldmann, dem man sic lich von jeher dergleichen wilde Sachen zugeiraut. Eben hatte sogar Hochwürden der Herr Pfarrer nicht ver,- limäht, in den Steiumenger'schen Laden zu treten und ob de» absonderlichen Gerüchte- Nachfrage zu halten. Das war der Glanzpunkt des bedeutungsreichen Tages. Hui» das Vergnügen wird zur Pflicht, nun hieß es für Herrn von Steinmenger eine gebieterische Ehrenschuld, da» ämos« Begebniß (sicher zum zwanzigsten Male am heutigen Nachmittag unter athe« loser Spannung der gesummten Zuhörirschast^ ab ovo zu erzählen. .Also: Wir sitzen, wie jeden Morgen, der Herr Bürgermeister, der Herr Sanüätsrath, der Apotheker Mucha, der En dtrath Binder und ich um zehn Uhr gemächlich im Eoimo beim Frühschoppen und wundern uns, daß der Herr von Dalwig noch immer ausbleibt, denn er kommt jeden Sonntag vom Vorwerk nach der Stadt gefahren und verfehlt dann nie, sich an unserem Stammtisch ein Stündchen einzusieUrn — da geht mit einem Male die Thür auf und U'h glauben unseren Augen nicht, der Doktor Goldmann, ge-' ichst und geschniegelt, wie ich ihn noch niemals gesehen h>. c, spaziert herein. „Run?" frage ich den Apotheker leise, wie verläuft der mal hierher? Seit sechs viertel Jahren lebt er in iinincr Stadt und hat das Lokal noch mit keinem Fuße betretcn. Obendrein placirt er sich leicht in's Vetein-zimmer obwohl er gar nicht zu den Kasinomitgliedern gehört. .Na. Mucha ist schließlich fein Verwandter, er geht daher auf ihn zu und fordert ihn auf, an unser« Stammtisch Platz zu nehmen. Der DsÄ» aber thut auffallend formell, spricht er müsse für die große Ehre allerverbindlichft bank«; schneidet Onkel Mucha ein ganz verteufelt tiefes Eompliment mit so 'ner vertrackten, verzwrcktrn Artigkeit, daß ich gleich -f merke, er will den Alten zum Besten haben, setzt sich darauf 4 ganz »an« g6ne an einen extra Tisch, direkt uns gegenüber r und bestellt sich eine Flasche Wein. Mir schwante nichts Gutes, der Doctor rührte mir von dem prachtvollen Weine keinen Tropfen an, sondern gaffte ununterbrochen nach der der Thür. Er brauchte auch nicht lange zu warten. > Nun waren sie freilich schon ein bissel angercffen, der ' * Tallwig und die beiden dürgermeisterlichcn Studenten, da "-7! sie hereinpolterten und von uns mit großem Halloh bewillkommet sich an unfern Tisch niederließen. - : Einen Heidenspektakel haben sie auch vollführt, das läßt 'l sich nicht leugnen, aber wir sind eine geschlossene Gesellschaft, j unser Treiben geht keinem waS an, am allerwenigsten den- . Doktor, der mit bitterbösem Blick zu uns hinüberstarrte» grab' dem Herrn von Dallwig unverwandt ins Gesicht. Das ,i war schier unheimlich, der Baron kriegte eS auch bald satt, und schlug auf den Tisch, daß eS krachte, der Wirth solle . heraufkommen. „Hören Sie, Bunke", schreit der Baron ihn au, „wie dürfen Sie sich erlauben hier Juden einzulassen?" ' ' Wir schwiegen alle ganz verblüfft, eine so hochfahrende - Taktlosigkeit hatte doch Niemand bei dem feinen Baron ver» muthet. Der Wirth steht auch ganz verdutzt und muckst und rührt sich nicht, da erhebt sich der Doktor von seine« Tisch tritt ganz dicht vor den Baron und sagt mit einer Stimme, so ruhrg, wie ein Anderer um ein Glas Waffer : bittet: „Herr von Dallwig. Sic sind ein Schuft." Was nun folgte, weiß ich nicht mehr, denn in eine« Hui ging alles drunter. Mucha und ich hielten den Baron, der tctulirtc uns ein RhinoccroS um'S andere, denn er wollte durchaus „dem verfluchten Judenbengel" an den Kragen. Der Dottor, anstatt sich klüglich au» dem Stande zu machen, blieb wie festgenagelt stthen, die Studenten brüllte« im Takte: „Hepp, hepp, Jude, hepp", und der Wirth jammerte, daß es nicht Abend wäre, dann könnte er doch durch einfaches Gasabdrehen die ganze Gesellschaft zur Rohe zwingen. Schließlich raunte des Bürgermeisters Bodo de»' Baron ein paar Worte zu, da wurde er auf einmal ganz ruhig, sodaß wir ihn ohne Sorge vor weiteren Gewaltthate» frecgeben konnten. Er und di« beiden Studenten verschwände» plötzlich in ein Nebenzimmer, ich sah sie dort alle drei sehr lebhaft mit einander diskntiren. Nachher kam der Bodo allein heraus und überreichte dem Doktor eine Karte, die dieser ebenso katzbuckelnd entgegennahm, worauf er endlichseiner Wege ging. Mit einem Male entdeckte ich daß ich nur ganz allein noch mich in dem Lokal befand, denn die'** anderen Herren hatten sich alle schon vorher, einer nach. ■ dem andern sachte gedrückt. Fünfzehntes Kapitel. r, Um dieselbe Ztit, da Herr Steinmenger in seinem Laden vorstehende Sensationsnachricht vor versammeltem Volke - auftischte, saß in der Zernowitzer Lichtung, einem ziemlich entlegenem Theile des StadttorsteS, Herr von Dallwig auf' . einem Baumstuücpf und wartete ans seinen Gegner? bei welcher hoffnungsreichen Beschäftigung ihm Bodo und Waldemar, die beiden Söhne des Bürgermeister-, ebenso ungeduldig als thcttenlustig, Gesellschaft leisteten. Herrn von J - Dallwig gegenüber, an einen Bnchcnstamm gelehnt, stand der Sanität-rath Bär aus Trebanobitz, «in jovialer, sehr,' geistvoll aussehender, älterer Herr, der sich nur mit große« ■ Widerstreben und auf allerinständigsteS Zureden beider Parteien — .nur aus Kollegialität für Goldmann", wie er ■> halb im Scherz sagte, — hatte bereit finden lasten, dem Duell, zu assistiren. „Er wird nicht kommen", sprach Bodo nnmuthig.' „VT ckono, Hektar! Waldemar nimm Dewei der Kerl schnüffelt beständig an dem „Er Irstttrt Jul